3/3 Razer Turret im Test : Maus und Tastatur fürs Sofa statt Steam Controller

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Alltagserfahrungen

Das Turret präsentiert sich mit Ausnahme weniger Eigenschaften als durchdachtes Konzept mit vernünftigem Layout. Sekundärfunktionen können, auch aufgrund der dicht an das primäre Tastenfeld gerückten „F“-Tasten, einhändig bedient werden, wobei der geschrumpfte Formfaktor grundsätzlich keine Probleme bereitet. Lediglich das US-ANSI-Layout – eine deutsche Version wird nicht angeboten – erfordert eine Eingewöhnung.

Magnetismus rettet Leben

Auch die Handhabung erweist sich als sofatauglich. Das magnetisierte Mauspad ist in dieser Umgebung ein eindeutiger Vorteil, weil die Maus beim Wechsel der Sitzposition oder bei unachtsamen Bewegungen nicht unmittelbar in Richtung Boden fliegt – abhängig von der Geschwindigkeit der Neigungsänderung verharrt der Nager bis zu einem Winkel von etwa 45 Grad an seinem Ort und verfügt somit über einen lebensrettenden doppelten Boden. Das erlaubt es, das Eingabegerät beruhigt loszulassen, um nach Getränk oder Snacks zu greifen.

Trotz des geringen Gewichts von nur rund 90 Gramm ist die Handhabung der Maus jedoch nicht optimal. Das hat zwei Gründe: Die Magnetisierung hat, obgleich moderat, spürbare Auswirkungen auf die Gleitfreudigkeit und damit die Eigenschaft, die eine Maus „leichtfüßig“ macht. Sie geht also mit einem erhöhten Widerstand bei Bewegungen einher. An und für sich wäre dies eine Frage der Gewöhnung, zumal sich das Turret aufgrund der kleinen Oberfläche des Mauspads ohnehin an High-Sense-Spieler richtet, die ihre Maus nur über geringe Distanzen verschieben.

Die Maus darf präziser werden

In Verbindung mit den glatten Seitenflächen erwächst daraus aber eine echte Einschränkung: Die schwarz glänzende Oberfläche ist nicht nur schmutzempfindlich und verschleißanfällig, sondern wird bei längerem Spiel rutschig, was die Führung der Maus einschränkt. Darunter leidet die Fähigkeit, die Maus mit den Fingerspitzen mit absoluter Präzision zu dirigieren; ratsam erscheint primär der „Claw Crip“, bei dem die Maus Kontakt zum Handrücken hat, um das Problem zumindest zu mildern. Dennoch: Wer „Gaming“ aus der Schmuddelecke im Hobbykeller befreien möchte, sollte den Angriff auf das Wohnzimmer nicht mit Schmuddellook starten.

Die Verwendung einer Oberfläche mit solchen Eigenschaften steht ohnehin ganz im Gegensatz zum Design des Produktes selbst, das offenkundig im Hinblick auf eine Hi-Fi-Umgebung entworfen wurde: Das Turret verschwindet nach der Benutzung zusammengefaltet gemeinsam mit der Maus hochkant in einer Ladestation und kann so platzsparend, einfach und elegant untergebracht werden. Anders als Corsairs Lapdog verändert das Couch-Gaming-System von Razer den visuellen Eindruck der Örtlichkeit nicht nachhaltig, was dem Einsatzort angemessen erscheint – durch den minimalen „Fußabdruck“ bleibt das Wohnzimmer ein Wohn- und kein Nerdzimmer.

Sofa-Ergonomie

Die geringe Größe sowie das Gewicht von nur 800 Gramm für Tastatur, Pad und Maus zählen im Hinblick auf die Ergonomie fraglos zu den Stärken des Turret. Sowohl die Tastenauswahl als auch die Abmessungen des Mauspads reichen im Alltagsbetrieb völlig aus, auch wenn auf den ersten Blick ein anderer Eindruck entsteht. Die geringe Tiefe benötigt lediglich Gewöhnungszeit, bis die Maus nicht mehr regelmäßig über die Grenze des Pads zu fallen scheint – eine reine Kopfsache. Klar sollte jedoch sein, dass sich das Bundle nicht an Low-Sense-Spieler richtet, die mit ihrer Maus auf der gesamten Schreibtischbreite herumfahren.

Aufgrund der Abmessungen stört das Lapboard auch nach stundenlangem Spielen nicht auf den Beinen, es bleibt im positiven Sinne unsichtbar. In Verbindung mit dem geringen Gewicht ist zudem der Wechsel der Sitzposition ohne Weiteres möglich. Die gummierte Unterseite sowie das magnetisierte Pad sorgen in diesem Fall dafür, dass das Eingabegerät nicht zu Boden rutscht. Darüber hinaus erlaubt es das Turret, die Arme angewinkelt und damit ergonomisch günstig abzulegen, wenn auch in geringerem Umfang als bei einem Gamepad. Auch das ist eine Eigenschaft, die bei der inklusive Tastatur mehr als vier Mal so schweren Full-Size-Lösung von Corsair nicht gegeben ist.

Die geringe Bauhöhe erlaubt es außerdem, das Handgelenk vergleichsweise bequem auf dem Bein abzulegen, ohne die Belastung bei längerer Nutzung in ungesunde Höhen zu treiben. Dies gilt zumindest für die linke Hand; das rechte Gegenstück ist nicht in jeder Position problemfrei, vermutlich ein grundsätzliches Problem dieser Kompaktlösung – hier muss je nach Stellung der Beine, Sitzmöbel und Sitzposition gegebenenfalls eine zusätzliche Auflage geschaffen werden, um die Gelenkbelastung zu mindern. Zumindest gilt dies für die zugegeben dünnen Arme eines ersten Testers, eine zweite Person konnte diesen Eindruck nicht bestätigen. Als hilfreich erwies sich zudem, die Empfindlichkeit des Sensors auf den Maximalwert zu erhöhen, um die nötigen Wegstrecken auf dem Pad zu verringern.

Profispieler bleiben am Schreibtisch

PC Gaming auf dem Sofa - mit vollem Komfort von Maus und Lapboard“ und „überlegene Leistung von Gaming-Hardware auf Desktop-Niveau“, die einen „unfairen Vorteil“ gegenüber Anwendern mit einem Gamepad liefert, verspricht Razer in der Produktbeschreibung des Turret. Einlösen kann das Produkt solche hochtrabenden Ankündigungen nicht: Auf Desktop-Niveau lässt es sich mit der Lösung trotz ihrer Vorteile nicht spielen, was vor allem im Handling der Maus begründet liegt.

Kompetitives Spiel in schnellen Shootern oder Echtzeit-Strategiespielen scheidet damit als Einsatzzweck aus, zumindest wenn es dem Spieler tatsächlich auf bestmögliche Ergebnisse ankommt. Hier werden die Limitierungen des Systems durch das Maus-Handling am stärksten deutlich. In beiden Genres, Mehrspieler-Matches sowie bei älteren Spielen ohne Gamepad-Unterstützung kommt das Turret dicht genug an ein Schreibtischszenario heran, um Titel auf dem Sofa spielbar zu machen, und bedient dabei auch Gernes, die mit dem Steam Controller ebenfalls mindestens erhebliche Übungsphasen oder Kompromisse erfordern – und fühlt sich dennoch präziser an, als der Valve-Controller. Das Bundle eignet sich allerdings klar für entspanntes Casual-Spielen – das auf einer Couch ohnehin am ehesten angebracht zu sein scheint.

Als Allround-Lösung präsentiert sich auch das Turret daher nicht, sondern lediglich als ein weiteres nützliches Eingabegerät im Wohnzimmer-Arsenal, das sich für bestimmte Einsatzszenarien empfiehlt. Im Allgemeinen lag in anderen Genres und Titeln jedoch auch nach einer ausführlichen Test- und Eingewöhnungsphase der Griff zum klassischen (Steam-)Controller nahe – je nachdem, welcher Kompromiss in der Spielsituation am besten geeignet erschien.

Die geringe Breite sorgt für eine ergonomische Körperhaltung
Die geringe Breite sorgt für eine ergonomische Körperhaltung

Software

Sowohl Maus als auch Tastatur können zudem über die Synapse-2.0-Software programmiert und konfiguriert werden. Die Nutzung der selbst angefertigten Profile und Tastenbelegungen setzt jedoch den Betrieb des cloudbasierten Programms voraus, was wiederum ein Nutzerkonto bei Razer erfordert. Konfigurationsmöglichkeiten und Makro-Editor entsprechen wie auch die Nutzerführung der Preisklasse: Sie lassen, wie auch die Bildstrecke zeigt, keine Wünsche offen.

Razer Turrret – Synapse 2.0

Fazit

Gutes Design, solide Technik, wohnzimmertaugliche Optik, vernünftige Ideen und klar umgesetzt: Trotz aller guten Anlagen funktioniert das Spielen wie am Schreibtisch auch mit dem Turret nicht ohne Kompromisse. Das Bundle ist damit kein Ersatz für einen Controller auf dem Sofa, sondern eine gelungene Ergänzung für bestimmte Genres und Titel.

Während die Hochglanzapplikationen der Maus vermeidbar negative Auswirkungen haben, erscheinen andere Kompromisse als zwingend geboten: Das magnetisierte Mauspad und die geringen Abmessungen sind dem Einsatzort geschuldet und prinzipiell nützlich, unterstreichen aber den Unterschied zwischen Schreibtisch und Couch. Trotz eines prinzipiell ergonomischen Designs hängt der Komfort ebenso von Sitzposition und -möbel ab, leidet aber ein wenig unter dem Fehlen einer Handballenauflage und den damit einhergehenden Folgen für die Maushand. Auch hier sind, wie bei allen Eingabegeräten für die Couch, Kompromisse einzugehen.

Razer Turret im Test

Eine Alternative? Ja, aber ...

Ist das Turret eine Alternative zum Steam Controller? Die Antwort lautet: Ja, aber nicht für jeden Nutzertyp. Die Zielgruppe sind klar Enthusiasten und Anwender, die sich nicht mit dem Einrichten von Profilen beschäftigen, sondern einfach spielen oder bestimmte Genres oder ältere Titel auch auf dem Fernseher sehen wollen. Für diese Gruppe lohnt sich das Turret durchaus. Darin liegt die Krux des Produktes in seiner derzeitigen Form: Weil es wie alle anderen Couch-Gaming-Produkte Kompromissfähigkeit erfordert, kann es nicht zu einem Ersatz für alle Controller, sondern nur zu einem weiteren Eingabegerät am HTPC werden.

Der Preis von rund 190 Euro erscheint dafür auf den ersten Blick hoch gegriffen, zumal der Desktop-Bereich zu diesem Preis in einer anderen Liga spielt. Im Wohnzimmerbereich ist das Konzept allerdings einzigartig, die Zielgruppe klein. Der hohe Preis relativiert sich zudem mit Blick auf andere Lösungen: Corsairs Lapdog kostet ohne die nötige mechanische Tastatur bereits nackt 130 Euro, das Roccat Sova mit einfacher Rubberdome-Technik und Maus für Vorbesteller 150 Euro – beides sind allerdings keine kabellosen Lösungen.

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