waipu.tv : Multi-Room-IPTV über 12.000 km Glasfaser

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waipu.tv: Multi-Room-IPTV über 12.000 km Glasfaser
Bild: Exaring AG

Mit waipu.tv betritt ein neuer IPTV-Anbieter den Markt. Er setzt auf ein eigenes Glasfasernetz und das Smartphone, eine Set-Top-Box oder eine Anwendung für Browser gibt es nicht. Das Angebot soll damit schneller und von bis zu vier Anwendern gleichzeitig nutzbar sein. ComputerBase hat bereits Probe gesehen.

Ein eigenes Glasfasernetz

Im Gegensatz zu anderen nicht an einen Provider gebundenen IPTV-Anbietern nutzt waipu.tv für die Auslieferung der Streams ein dediziertes, 12.000 km umfassende Glasfasernetz. Auf diesem Weg sollen die großen Knotenpunkte und deren hohe Auslastung in den Stoßzeiten umgangen und problemlos mehrere parallele HD-Streams möglich werden. Der Übergang vom eigenen Glasfasernetz zur letzten Meile erfolgt hundertfach auf regionaler Ebene. „Die ist in 95 Prozenten nicht mehr die Ursache für Probleme“, erklärt Christoph Bellmer, CEO der Exaring AG, die waipu.tv betreibt, im Gespräch mit ComputerBase in Berlin.

Perspektivisch sollen sich mit dem Netz der Exaring AG Millionen paralleler Ultra-HD-Streams an zurzeit 23 Millionen Haushalte ausliefern lassen, gestartet wird vorerst allerdings mit Full HD.

Das Smartphone im Mittelpunkt

IPTV über waipu.tv braucht keine Set-Top-Box und verzichtet auf eine Oberfläche im Browser, im Zentrum steht das Smartphone. Für die Nutzung des Angebots stehen ab heute Apps für Android und iOS in Play Store und App Store bereit, Windows Phone geht leer aus. Diese App dient nicht nur als Fernbedienung, sie kann die angebotenen Programme auch direkt wiedergeben. Alternativ können Fernseher über einen HDMI-Adapter mit Google Cast (wie etwa Chromecast) angesteuert werden. Bis zu vier unterschiedliche Programme lassen sich so auf bis zu vier Fernsehern oder Smartphones wiedergeben. Während der Darstellung außerhalb der App kann das Smartphone ganz normal weiter verwendet werden.

Drei Pakete von null bis 14,99 im Monat

waipu.tv gibt es zum Start in drei Paketen, eines davon ist kostenlos. Die Laufzeit beträgt jeweils nur einen Monat. Über mobilcom-debitel und Gravis soll es in Kürze auch Laufzeitverträge mit günstigeren Konditionen geben, vorgestellt worden sind die aber noch nicht. Beide Ketten gehören zur Freenet AG, die sich im März 2016 mit einer Beteiligung von 25 Prozent an Exaring die Vertriebsrechte gesichert hatte.

Für 14,99 Euro im Monat erhalten Kunden den Zugriff auf 52 Sender, davon 16 öffentlich rechtliche in HD. Über vier Streams können vier Abspielgeräte parallel betrieben werden – egal ob Smartphone oder Fernseher. Online gespeichert werden können 50 Stunden.

Free Comfort Perfect
Kosten* 4,99 Euro 14,99 Euro
Sender 26 52 52
davon HD 0 0 16
parallele Streams 2 2 4
Pause-Funktion nein ja ja
Videorecorder in der Cloud nein 10 h 50 h
Nutzbar im Mobilfunknetz nein nein ja
* Bei Laufzeit von einem Monat. Laufzeitverträge günstiger, aber noch nicht verfügbar

Zum Vergleich: EntertainTV der Telekom kostet monatlich 9,95 Euro Aufpreis auf den Internetanschluss zuzüglich einer Mietgebühr von 4,95 für den Receiver – also ebenfalls knapp 15 Euro. Private Sender in HD-Qualität sind in diesem Angebot ebenfalls noch nicht enthalten, aber für weitere 5 Euro monatlich verfügbar. Angesteuert werden kann in dem Fall aber nur ein Abspielgerät, weitere kosten monatlich 4,95 Euro für Entertain To Go oder einen zusätzlichen Receiver.

Nicht an das Angebot der Provider heran kommt waipu.tv bei der Qualität der privaten Fernsehsender: Auch hier gibt es vorerst nur SD. Mit maximal 10 respektive 50 Stunden Aufnahmezeit ist auch der Platz im Vergleich zum Wettbewerb (Entertain circa 120 Stunden) knapp bemessen. Der Anbieter bedient sich allerdings eines Tricks: Nutzer können auch mehr aufnehmen, zum Betrachten stehen aber immer nur die ältesten 10 oder 50 Stunden Aufnahmen zur Verfügung. Wer davon aber etwas löscht, der schaltet neue Aufnahmen frei.

Videorekorder mit Privatkopie

Ohne lokalen Datenspeicher setzt waipu.tv auf einen digitalen Videorekorder in der Cloud. „Den Unterschied wird man dank des schnellen Netzes nicht merken“, zeigt sich Bellmer selbstbewusst. Um rechtlich abgesichert zu sein, entspricht jede vom Nutzer initiierte Aufnahme dabei einer Privatkopie. Die Daten liegen im eigenen Rechenzentrum in Karlsruhe.

Das Smartphone im Mittelpunkt
Das Smartphone im Mittelpunkt (Bild: Exaring AG)

Addressable TV: Personalisierte Fernsehwerbung

waipu.tv soll nicht nur Anwendern neue Möglichkeiten bieten. Teilnehmende Fernsehsender profitieren von der Infrastruktur perspektivisch über die Auslieferung personalisierter Fernsehwerbung. Bisher sind die so genannten Streuverluste in diesem Bereich vergleichsweise groß und auch der neue Dienst startet mit den auf allen Geräten gleich ausgestalteten Werbepausen. Später wird es Werbetreibenden aber möglich sein, Zuschauer auf Basis ihrer Interessen direkt anzusprechen. Entsprechend höhere Preise können die Sender für die Werbeminute verlangen.

Zum Start werden waipu.tv als Datenbasis nur die Sehgewohnheiten des jeweiligen Nutzers zur Verfügung stehen, nutzen wird sie vorerst niemand. Beides wird sich aber ändern. Später wird es beispielsweise auch die Möglichkeit zur Anmeldung über Facebook geben. ProSiebenSat.1 hat bereits zu Beginn der Woche bekannt geben, von „Addressable TV“ über waipu.tv in Zukunft Gebrauch zu machen.

ComputerBase hat waipu.tv schon ausprobiert

ComputerBase konnte das Angebot zu Anfang der Woche in Berlin bereits ausprobieren. Für die letzte Meile kam in dem angemieteten Appartement in Berlin Mitte ein 25-Mbit/s-Anschluss der Telekom zum Einsatz. Funktionsumfang und Übersichtlichkeit der angebotenen Apps stachen im Vergleich zu anderen IPTV-Angeboten wie Entertain der Telekom in der Tat hervor. Der Wechsel der Sender (Full HD) auf dem Smartphone oder vom Smartphone auf einen angeschlossenen Fernseher ging extrem schnell von statten. Auch das Spulen in Aufnahmen oder live ausgestrahlten Sendungen gelang fast verzögerungsfrei.

waipu, japanisch für wischen, ist dabei Programm: In der Horizontalen wischt der Anwender von Sender zu Sender. Will er das auf dem Smartphone aktuell dargestellte Programm hingegen auf den gerade aktiv ausgewählten Fernseher bringen, wischt er das Fenster nach oben. Daraufhin verschwindet der Stream auf dem Smartphone. Durch erneutes Wischen nach rechts oder links kann dort dann parallel zum ersten Stream ein zweiter betrachtet werden.

Neben der Ergonomie und Geschwindigkeit stehen Empfehlungen durch die App im Fokus: Das Programm soll die Sehgewohnheiten des Nutzers erkennen und auf dieser Basis immer bessere Vorschläge unterbreiten. Parallel zur Empfehlung in der App kann dafür auch ein Newsletter per E-Mail genutzt werden, das einen direkten Link zum Programmieren der Aufnahme enthält.

Die Zukunft heißt Cloud Gaming, 8K und VR

Die Nutzung des Glasfasernetzes für die Auslieferung von waipu.tv ist für die Exaring AG nur der erste Schritt: Bereits zu dessen Start stellt das Unternehmen eigene Lösungen für niedrige Latenzen beim Berechnen von Spielen in der Cloud (waipu.games), höhere Auflösungen bis zu 8K oder in der Cloud berechnete VR-Anwendungen (waipu.vr) in den Raum. Einen zeitlichen Horizont nennt Christoph Bellmer auch im persönlichen Gespräch für diese Angebote aber noch nicht.

Die Zukunft heißt Cloud Gaming, 8K und VR
Die Zukunft heißt Cloud Gaming, 8K und VR (Bild: Exaring AG)

Erste Einschätzung

Insbesondere Geschwindigkeit von App und Streaming konnten auf der Presseveranstaltung am Montag in Berlin überzeugen, durch zusätzliche Sender oder mehr Speicherplatz für Aufnahmen hebt sich das Angebot von waipu.tv hingegen nicht ab. Private Sender in HD gibt es nicht einmal als Option.

Dafür erhalten Kunden für 14,99 Euro im Monat die Möglichkeit, vier Abspielgeräte parallel zu betreiben. Wer dafür nicht nur Smartphones nutzen will, muss allerdings die notwendigen Adapter kaufen. Weil beispielsweise Chromecast von Google in der aktuellen Version ab 35 Euro verfügbar ist, ist das günstiger als die Anschaffung eines weiteren Receivers wie beispielsweise bei Entertain, deren Stromverbrauch – auch im Standby – zudem um ein Vielfaches höher liegt.

Einstellen müssen sich Anwender auf personalisierte Werbung, die es in dieser Form im Fernsehen bisher nicht gibt. Ein Blick in die ungeliebten AGB ist angeraten, um zu erfahren, welche Daten wie erhoben und genutzt werden können. ComputerBase lagen sie bisher noch nicht vor.

ComputerBase wird das Angebot über die kommenden Wochen testen und im Anschluss ausführlicher berichten.

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