Kommentar: Amazon FreeTime oder die Abgabe von Verantwortung

Michael Schäfer 37 Kommentare
Kommentar: Amazon FreeTime oder die Abgabe von Verantwortung
Michael Schäfer

Amazon will Eltern mit FreeTime die Aufsicht über die Tablet-Nutzung ihrer Kinder erleichtern, das Nutzungsverhalten lässt sich haargenau einstellen und überwachen. Klingt gut, stellt Eltern aber potentiell komplett von der Aufsicht frei. Ein Appell an die eigene Verantwortung.

Ich mag neue Lernmethoden

Ich habe ein großes Faible für neue Lernmethoden und verfolge die Entwicklung als Vater eines Sohnes sehr interessiert – nicht selten mit einem tiefen Seufzer und dem Wunsch, diese Möglichkeiten auch zur eigenen Schulzeit bereits gehabt zu haben. Auch FreeTime von Amazon lässt mich aufhorchen, hier präsentiert sich mir allerdings ein zweischneidiges Schwert.

Natürlich begrüße ich es, wenn Eltern Werkzeuge an die Hand bekommen, um ihre Kinder in der Entwicklung zu unterstützen. Davon bietet FreeTime eine Menge und stark reglementierte noch dazu. Angefangen von den Zeiträumen, zu denen das Tablet generell genutzt werden darf, bis hin zu Kausalzusammenhängen wie „erst Lesen, dann Video“ können Eltern vielfältig aufseherisch tätig werden. Und eine Auswahl von für das Alter „sinnvollen“ Inhalten und Ideen zur weiteren Beschäftigung mit einem Thema abseits des Bildschirms bringt Amazon gleich mit.

Aufsicht ja, aber nicht in Echtzeit

Wer das Angebot annimmt, gibt die direkte Aufsicht und damit potentiell auch die Beschäftigung mit der Beschäftigung des Kindes nach der ersten Konfiguration aus der Hand. Frei nach dem Motto: „Die Software macht's!“ Dass Eltern nicht mehr mit dem Kind über Ideen zur Vertiefung sprechen können, bügelt der Code dann ja auch gleich noch aus.

Dass Kindern mit steigendem Alter auch mehr Eigenverantwortung übergeben werden soll, steht außer Frage. Doch was für eine eigene Verantwortung ist es, wenn am Ende nicht das Kind, ja nicht einmal die eigenen Eltern, sondern Bits und Bytes die genannten Punkte bestimmen?

Mit stellt sich neben der Frage der Verantwortung aber auch noch die nach dem Vertrauen. Welche Vertrauensbasis besitzen Eltern zu ihren Kindern, die das System so abschotten, zur Kontrolle aus der Ferne oder im Nachhinein dann aber den Browserverlauf oder die auf Wunsch automatisch auf die Server von Amazon geladenen Bilder der Kamera kontrollieren? Warum muss erst eine Lesezeit im System vorgegeben werden, damit das Kind dann spielen oder Videos schauen kann?

Wo bleibt die Erziehung?

FreeTime ist im Kern ein richtig guter Ansatz, aber mehr als den Kern, nämlich die Unterstützung zur Begleitung von Kindern beim Umgang mit digitalen Medien, hätte es meiner Ansicht nach nicht gebraucht. Das Drumherum sind Werkzeuge, um Eltern auch am Tablet von ihrer direkten Aufsichtspflicht und der Beschäftigung mit dem Kind freizustellen. Mit Erziehung hat das nichts mehr zu tun.

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