Mercedes-Benz MBUX im Test: Das Smartphone unter den Autos

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Nicolas La Rocco 187 Kommentare

Digitale Dienste im Überblick

Ein Infotainmentsystem ist deutlich mehr als eine Ansammlung großer Bildschirme für Navigation und Radio. Die Akzeptanz eines Systems steht und fällt mit den zur Auswahl stehenden Dienste oder wie gut das eigene Smartphone integriert werden kann.

Bei MBUX scheint Mercedes-Benz die meisten Dienste direkt im Fahrzeug abwickeln zu wollen, anstatt auf eine dauerhafte Verbindung zwischen Smartphone und Auto zu setzen. Apple CarPlay und Google Android Auto gibt es deshalb selbst beim teuren „Navigation Premium-Paket“ nur gegen Aufpreis. Das Fahrzeug ist für die digitalen Dienste mit einem LTE-Modul mit einer integrierten SIM-Karte von Vodafone ausgerüstet. Die meisten Dienste laufen direkt über das LTE-Modul, anstatt zunächst den Weg über das Smartphone zu gehen. Abgesehen vom datenintensiven Musikstreaming gibt es keine Volumengrenze für die LTE-Verbindung, erst für Online-Musik muss eine Flatrate für rund 100 Euro pro Jahr gebucht werden.

Da dem für den MBUX-Test gewählten Testwagen die 297,50 Euro teure Sonderausstattung „Smartphone Integration“, die Apple CarPlay und Google Android Auto auf dem Media-Display ermöglicht fehlt, fehlen auch sämtliche Dienste dieser Plattformen, zum Beispiel iMessage, WhatsApp, Apple Music oder Spotify.

Mercedes-Benz muss mehr Dienste anbieten

Die Anzahl der bei MBUX zur Verfügung stehenden Dienste ist derzeit noch die größte Baustelle der neuen Infotainment-Plattform. Mercedes-Benz bietet zwar neuerdings über die Integration von Tidal einen Musikstreaming-Dienst im Auto an, die meisten Anwender dürften aber bereits Abos bei Apple Music oder Spotify abgeschlossen haben. Das Streaming selbst funktioniert im Fahrzeug immer dann sehr gut, wenn auch der Empfang sehr gut. Da letzteres in Deutschland aber selbst in der Innenstadt von Berlin nicht gegeben ist, kam es im Test immer wieder zu unschönen Aussetzern. Tidal bietet zwar eine Offline-Funktion, die lässt sich aber nicht im Auto, sondern nur auf dem Smartphone nutzen. Und MBUX erkennt in diesem Fall nicht, dass gewisse Alben bereits offline auf dem Smartphone vorliegen und startet bei deren Auswahl das normale Streaming.

Keine Messenger, aber ein bisschen Office

Messenger sind bisher gar nicht bei MBUX zu finden, sei es iMessage, WhatsApp, Facebook Messenger, Threema, Signal, Telegram oder ein Exot wie Google Allo. Einzig die altmodische SMS kann empfangen und verschickt werden. Auch soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Twitter sind bisher nicht auf der Plattform zu finden.

Mit dem sogenannten In-Car-Office lassen sich immerhin ein paar Funktionen von Microsoft Office im Fahrzeug nutzen, dazu zählen der Kalender und das Telefon. Das System kann eine automatische Einwahl in Telefonkonferenzen auf Basis von Kalendereinträgen vornehmen und die automatische Übermittlung von Ortsangaben aus dem Kalender in das Navigationssystem des Fahrzeugs veranlassen. Für das Telefon gibt es eine Konferenzoption mit den Optionen „Annehmen“, „Ablehnen“ und „Merken“, wobei letztere zu einem späteren Zeitpunkt erneut an einen Anruf erinnert. ComputerBase nutzt jedoch Mailbox.org und greift auf mehrere Kalender für Arbeit und Urlaub via CalDAV zu. MBUX konnte dementsprechend nichts mit den auf dem Smartphone hinterlegten Kalendern anfangen.

Es ist aber nicht alles schlecht, was digitale Dienste bei MBUX anbelangt. Gut funktioniert zum Beispiel das Suchen nach Restaurants sortiert nach Yelp-Bewertungen. Per Sprachbefehl lässt sich zum Beispiel nach Restaurants einer spezifischen Küche fragen oder einfach nur „Ich habe Hunger“ sagen. Auch Wetterinformationen, Tankstellenpreise und (eingeschränkt) freie Parkplätze kennt MBUX dank Car-to-X-Kommunikation und Schwarmintelligenz. Der Fokus liegt somit klar auf fahrrelevanten Features und nicht auf digitalen Diensten aus dem – eigentlich – Freizeitbereich. Dass WhatsApp, Facebook, Instagram und Co. heutzutage aber bei weitem nicht mehr nur in der Freizeit genutzt werden, beweist tagtäglich die Nutzung des Smartphones.

Das bietet Mercedes-Benz selbst

Für einen Autohersteller sind eigene Dienste aus zwei Gründen wichtig. Zum einen sollen eigene Lösungen ein modernes Unternehmen widerspiegeln, das seinen Kunden spannende Produkte rund um das eigene Fahrzeug anbieten kann, die nicht zur klassischen Sonderausstattung zählen. Zum anderen sind Dienste rund um ein Fahrzeug eine Möglichkeit für den Hersteller, abseits der Wartung des Fahrzeugs im Bereich After Sales aktiv zu sein. Serienmäßig verbaut sind viele von Daimlers Diensten als sogenannte „Vorrüstung“, die für eine gewisse Laufzeit kostenfrei angeboten werden und im Anschluss je nach gewünschter zusätzlicher Laufzeit Geld kosten. Grundsätzlich ist die erstmalige Aktivierung der Dienste innerhalb von einem Jahr ab Erstzulassung oder Inbetriebnahme durch den Kunden möglich, je nachdem, was zuerst erfolgt.

Nicht alle Dienste kosten jedoch Geld oder kommen mit eingeschränkter Laufzeit. Serienmäßig und mit unbegrenzter Laufzeit nutzbar sind alle Basisdienste, zu denen das Wartungsmanagement, Unfallmanagement, die Telediagnose das Pannenmanagement und die Fahrzeugdiagnose zählen.

Eine Laufzeit von drei Jahren haben und kostenfrei nutzbar innerhalb dieser Zeit sind die Dienste „Fahrzeug Setup“ und „Fahrzeug Monitoring“. Mit Hilfe von „Fahrzeug Setup“ lassen sich Informationen zum Auto über die Mercedes-me-App auf dem Smartphone auslesen und gewisse Grundfunktionen des Fahrzeugs ausführen. Außerdem können über diesen Dienst Profile im Fahrzeug mit Personalisierungsmöglichkeiten wie Lordose- und Spiegeleinstellung oder Lieblingsradiosender gespeichert werden. Darüber hinaus lässt sich der Status von Tankfüllstand, Reifendruck oder Ladestatus bei Plug-In-Hybrid-Fahrzeugen abrufen. Das Smartphone, Tablet oder der Desktop-PC werden zudem zur Fernbedienung der Türfernschließung und -entriegelung sowie Standheizung.

Im Fahrzeug per Mercedes me hinterlegte Profile
Im Fahrzeug per Mercedes me hinterlegte Profile

Hinter dem Dienst „Fahrzeug-Monitoring“ stecken Funktionen zur Standortbestimmung des Autos. Es lässt sich zum Beispiel eine geographische Fahrzeugüberwachung einrichten. Außerdem ist die Ortung des Fahrzeugs über das Smartphone oder das Mercedes-me-Portal möglich. Speziell für Elektro- und Plug-In-Hybrid-Fahrzeuge gibt es eine Option für eine angepasste Routenführung, die Ladesäulen miteinbezieht.

Für beide Dienste ruft Mercedes-Benz nach Ablauf von drei kostenfreien Jahren 39 Euro für ein, 69 Euro für zwei oder 99 Euro für drei weitere Jahr auf. Quellen der folgende Aufstellung sind die Preisliste der A-Klasse (PDF) sowie der Mercedes me Shop.

Mercedes me Dienste im Überblick
Produktcode Vertragsrechtliche Einschränkungen Folgekosten MBUX
Basisdienste Unbegrenzte Laufzeit serienmäßig
Vorrüstung für Fahrzeug Setup 08U 3 Jahre, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar 1 Jahr: 39,00 Euro, 2 Jahre: 69,00 Euro, 3 Jahre: 99,00 Euro serienmäßig
Vorrüstung für Fahrzeug Monitoring 09U 3 Jahre, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar 1 Jahr: 39,00 Euro, 2 Jahre: 69,00 Euro, 3 Jahre: 99,00 Euro serienmäßig
Vorrüstung für Navigationsdienste 01U 3 Jahre, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar 1 Jahr: 59,00 Euro, 2 Jahre: 99,00 Euro, 3 Jahre: 139,00 Euro ohne Mehrpreis lieferbar, nur mit Paket PBF* oder PBG**
Vorrüstung für Concierge Service 12U 1 Jahr, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar 1 Jahr: 149,00 Euro lieferbar gegen Mehrpreis, nur mit Paket PBG**
Festplatten-Navigation 365 3 Jahre, nach Erstzulassung kostenfrei nutzbar 3 Jahre: 159,00 Euro ohne Mehrpreis lieferbar, nur mit Paket DA0***, DK1**** oder DK3*****
Vorrüstung für Live Traffic Information 367 3 Jahre, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar 1 Jahr: 59,00 Euro, 2 Jahre: 99,00 Euro, 3 Jahre: 139,00 Euro lieferbar gegen Mehrpreis, nur mit Paket DK1**** oder DK3*****
Vorrüstung für Bürofunktion im Fahrzeug 02U 1 Jahr, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar 1 Jahr: 19,00 Euro, 2 Jahre: 34,00 Euro, 3 Jahre: 49,00 Euro lieferbar gegen Mehrpreis, nur mit Paket PBG**
Vorrüstung für digitalen Fahrzeugschlüssel für Smartphone 896 3 Jahre, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar 1 Jahr: 39,00 Euro, 2 Jahre: 69,00 Euro, 3 Jahre: 99,00 Euro 119,00 Euro
Vorrüstung für Konnektivitäts-Paket Navigation PBF (365 + 367 + 01U) 3 Jahre, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar siehe Paketpreise 119,00 Euro
Vorrüstung für Konnektivitäts-Paket Navigation und Komfort PBG (365 + 367 + 01U + 02U + 12U) 1 – 3 Jahre, ab Aktivierung kostenfrei nutzbar siehe Paketpreise 261,80 Euro
Mercedes-Benz Notrufsystem 351 Unbegrenzte Laufzeit Keine Nutzungsvoraussetzungen
Kommunikationsmodul LTE für die Nutzung von Mercedes me connect Diensten 362 Unbegrenzte Laufzeit Keine Nutzungsvoraussetzungen
* PBF = Vorrüstung für Konnektivitäts-Paket Navigation, 119,00 Euro
** PBG = Vorrüstung für Konnektivitäts-Paket Navigation und Komfort, 261,80 Euro
*** DA0 = Business-Paket, 1.963,50 Euro
**** DK1 = Navigation Basis-Paket, 1.356,60 Euro
***** DK3 = Navigation Premium-Paket, 3.016,55 Euro

Andere Dienste wiederum setzen teils eine Einmalzahlung für eine Sonderausstattung voraus, sind dann aber ebenfalls zunächst kostenlos, bevor nach dieser Laufzeit ein neues Paket mit einer Laufzeit von zum Beispiel einem, zwei oder drei Jahren gebucht werden muss. Ein Beispiel dafür sind die Navigationsdienste, die in drei Paketen angeboten werden: Einmal als reine Navigationsdienste und dann noch als Teil des Konnektivitäts-Paket Navigation und des Konnektivitäts-Paket Navigation und Komfort. Die reine „Vorrüstung für Navigationsdienste“ ist kostenfrei, sie lässt sich aber nur in Kombination mit „Vorrüstung für Konnektivitäts-Paket Navigation“ für 119,00 Euro oder „Vorrüstung für Konnektivitäts-Paket Navigation und Komfort“ für 261,80 Euro bestellen.

Es mangelt an Übersicht

Allgemein ist die Preisgestaltung der verschiedenen Mercedes-me-Dienste gelinde gesagt unübersichtlich. Es gibt für Kunden und Interessenten keine zentrale Anlaufstelle, die sauber nach Modellen sortiert eine Übersicht aller Dienste sowie deren Folgekosten auflistet. Die Redaktion musste sich dafür durch die 100 Seiten lange Preisliste des Autos kämpfen, den Mercedes me Shop bemühen und eine Anfrage bei Daimler stellen.

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