Lego Hidden Side im Test: Klemmbausteine treffen auf Casual-Gaming

Michael Schäfer 114 Kommentare
Lego Hidden Side im Test: Klemmbausteine treffen auf Casual-Gaming

tl;dr: Mit der Anfang des Jahres vorgestellten neuen Themenwelt Hidden Side versucht Lego die reale Bauwelt mit virtuellen Möglichkeiten zu verbinden. Was anfangs große Erwartungen schürt, lässt schnell das Gefühl einer reinen Marketingkampagne mit Anleihen beim mobilen Gaming aufkommen.

Die Geister, die ich rief

Kaum hatte Lego Anfang des Jahres auf der Spielwarenmesse in Nürnberg erste Informationen zur neuen Reihe „Hidden Side“ verlauten lassen, wurde selten im Anschluss einer Ankündigung so kontrovers diskutiert. Klemmbausteine kombiniert mit einer virtuellen Realität? Kann das funktionieren? Muss das überhaupt sein? Selbst im Forum von ComputerBase folgte eine rege Diskussion aus den Lagern der Befürworter und Gegner.

Mittlerweile sind die zur Serie gehörenden Sets auf dem Markt erschienen, die Software hat das eine oder andere Update erfahren und die Kinderkrankheiten sollten beseitigt sein. Dennoch ebbt die Diskussion nicht ab. Zeit, sich selbst ein Urteil zu bilden.

„Hidden Side“ soll laut dem dänischen Unternehmen durch eine „ebenso schaurige wie raffinierte Themenwelt voller Geister“ das „kreative Bau- und Technikspielzeug mit einer digitalen AR-App“ vereinen. Mittels „Fluid-Play“ will der Hersteller dabei eine Brücke zwischen dem traditionellen Bauen und Augmented Reality schaffen.

Kindgerechte Hintergrundgeschichte

In der Welt von „Hidden Side“ geht es vornehmlich um den 13-jährigen Jack Davids, der neu in einer Stadt namens Newbury ankommt. Das zunächst beschauliche Städtchen hat jedoch auch eine verborgene Seite („Hidden Side“) längst vergessener Geister und unheimlicher Vorkommnisse. Zusammen mit seiner besten Freundin Parker begeben sich die beiden Jugendlichen – unterstützt vom Spieler – auf Geisterjagd und treffen unterwegs auf viele skurrile Gestalten, nicht nur aus der Geisterwelt.

Die Anleitung der beiden Sets sind leicht verständlich – für manchen zu leicht
Die Anleitung der beiden Sets sind leicht verständlich – für manchen zu leicht
Viele Tüten bedeuten viel Abfall
Viele Tüten bedeuten viel Abfall
Die Anleitung der beiden Sets sind leicht verständlich – für manchen zu leicht
Die Anleitung der beiden Sets sind leicht verständlich – für manchen zu leicht

Stetig anderes Spiel

Um einen langen Spielspaß zu garantieren, soll laut Lego kein Spiel dem vorherigen gleichen. Die für Android und iOS erhältliche App soll lernen und den Schwierigkeitsgrad jedes Mal neu an die Fähigkeiten des Spielers anpassen, sodass die Anforderungen mit der Zeit steigen. Neben dem Zufallsprinzip, bei dem jeder Neustart des Spiels einen unvorhersehbaren Verlauf nehmen soll, wird laut Lego ebenso das Hinzufügen von Elementen oder das Umbauen der Modelle berücksichtigt. Alle Sets können zudem wie gewohnt ganz klassisch in der Offline-Welt bespielt werden.

Ab 20 Euro geht es los

Der Einstieg in Legos paranormale AR-Welt ist bereits für rund 20 Euro möglich und endet derzeit bei „Newbury's spukende Schule“, für die 120 Euro über die Ladentheke wandern müssen. Die im vorliegenden Test unter Augenschein genommenen Modelle „El Fuegos Stunt-Truck“ und „Geister-Expresszug“ sind dagegen für 40 beziehungsweise 80 Euro zu erstehen.

Die Sets

Vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt, da macht auch „Hidden Side“ keine Ausnahme. Bevor das Eintauchen in virtuelle Welten beginnen kann, müssen zunächst die 698 Teile des Geister-Expresszugs und die 428 Teile des Stunt-Trucks zu ihren fertigen Modellen zusammengefügt werden.

Zusammenbau auch für jüngere Kinder geeignet

Lego gibt für beide Sets eine Altersempfehlung von acht Jahren oder älter an, doch bereits Sechsjährige dürften zumindest den Aufbau der Sets ebenso erfolgreich abschließen. Beim Spiel selbst könnte es wieder anders aussehen.

Der komplette Lego Hidden Side Geister-Express
Der komplette Lego Hidden Side Geister-Express

Mit der beiliegenden Bauanleitung wird Lego die Kritik, dass das Unternehmen mit den zu einfach gestalteten Anleitungen Kindern zu wenig zutraut, auch dieses Mal nicht zum Verstummen bringen. Selbst den siebenjährigen Sohn des Autors dieses Tests nervt es zuweilen, dass in jedem Bauschritt nur wenige Teile dem Modell hinzugefügt werden und das Bauen gefühlt mehr durch Blättern unterbrochen wird, als Steine gesetzt werden – im Durchschnitt sind es in den 200 Bauabschnitten nicht mal vier Teile pro Abschnitt. Etwas mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder, dann hätte die rund 140 Seiten starke Anleitung des Geister-Expresszugs um rund die Hälfte verringert werden können. Ein Problem, das nicht neu ist, sondern sich in dieser Art mittlerweile durch alle Modelle des dänischen Marktprimus zieht. So sind zum Beispiel viele Modelle der Modular-Building-Reihe mit einer Altersempfehlung ab 16 Jahren gekennzeichnet, aber sowohl Bautechniken wie Aufbau der Anleitung würden auch einen Achtjährigen vor keinerlei Probleme stellen. Das hemmt sehr oft den Bauspaß.

Auch andere Schwachstellen in den Anleitungen hat Lego nicht aufgegriffen. So wird dem Baumeister nach wie vor erst im Nachhinein mitgeteilt, wenn bestimmte Abschnitte mehrfach gebaut werden sollen. Dies erschwert das parallele Bauen, mit dem etwas Zeit gespart werden kann.

Erneut viel Plastikabfall

Der Aufbau des Geister-Expresszugs ist in insgesamt fünf Abschnitte aufgeteilt – eine große Tüte pro Bauphase, die wiederum kleinere Tüten nach sich führt. Das sorgt für zu viel Müll. Hier reagiert Lego nach wie vor nicht auf die bereits seit langem anhaltende Kritik.

Steine bieten gewohnt hohe Qualität

Die Steinequalität ist wie vom Branchenführer gewohnt gut. Gleiches gilt für die Farbgenauigkeit und die Klemmkraft im Einzelnen. Dennoch hätte an der einen oder anderen Stelle besser gearbeitet werden können. So sind an manchen Scheiben des Bahnsteighäuschens seitlich die Gusspunkte zu sehen. Die Kritik mag im ersten Moment übertrieben erscheinen, doch die genannten Punkte fallen auf den ersten Blick auf und Lego sind solche „Patzer“ in der Vergangenheit nicht unterlaufen. Das verdeutlicht die von Fans immer wieder geäußerte Kritik, Lego suche weiter nach Möglichkeiten, die einzelnen Sets günstiger zu produzieren, würde dabei aber die Qualität seiner Erzeugnisse aus den Augen verlieren.

Wie von Lego mittlerweile gewohnt – zu viele Aufkleber und nur wenige Prints
Wie von Lego mittlerweile gewohnt – zu viele Aufkleber und nur wenige Prints

Kniffelige Aufkleber

Beide Sets beinhalten zwar auch Prints, jedoch umso mehr Aufkleber. Diese können zumindest beim Geister-Expresszug auch Erwachsene vor Herausforderungen stellen. Aufgepasst werden muss vor allem bei den transparenten Klebebildern, die auf die Scheiben aufgetragen werden und sehr anfällig für Fingerabdrücke sind. Einmal geschehen, ist dieser für alle Zeit auf der Scheibe zu sehen.

Beim Stunt-Truck war der Bogen mit den Aufklebern so stark zerknittert, dass diese für das Modell nicht mehr zu gebrauchen waren. Aus Erfahrung reicht in diesem Fall ein kurzer Anruf beim Lego-Service, der sofort Ersatz liefert. Im Falle des Tests hat die Zeit dafür jedoch nicht ausgereicht.

Zerknitterte Aufkleber bei El Fuegos Stunt Truck
Zerknitterte Aufkleber bei El Fuegos Stunt Truck

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