AW: Quo vadis Cannabislegalisierung?
Ich gebe zu, dass die Niederlande (Holland ist ein Bundesland^^) kein optimales Beispiel ist um für ein gutes Legalisierungsmodell herzuhalten.
Aber
Mustis nun muss ich dich auch mal belehren: Deine Schlüsse die du daraus ziehst sind absolut falsch, und gerne erkläre ich dir auch wieso
Ich lese jeden Tag niederländische Zeitungen, habe meine Kindheit und einen Teil des Erwachsenen Leben in Flandern verbracht, spreche so gut wie perfekt flämisch (niederländische Mundart) und interessiere mich heute noch für die Politik in den Benelux Ländern.
In den siebziger Jahren wurde, nachdem es vorher schon illegale Shops gab die auch harte Drogen verkauften, das Duldungsmodell zunächst in Amsterdam auf dem Weg gebracht. Dort bekam als erstes der Shop Yellow Mellow und kurz danach The Bulldog eine Duldungslizenz um nach genau festgelegten Kriterien Cannabis zu verkaufen.
Das wichtigste Ziel dabei war die Wahrung der Volksgesundheit um Konsumenten von Cannabis nicht in die kriminelle Ecke zu führen wo alle Drogen angeboten werden. Also sagte man pragmatisch, wer sich an gewisse Regeln hält darf geduldet mit Lizenz Cannabis in einem Coffeeshop abgeben.
In den Anfangsjahren gab es folgende Kriterien:
Ab 16 Jahre
max.30Gramm pro Person und Einkauf
keine harte Drogen, kein Alkohol im Coffeeshop
Wie gesagt zunächst nur für Amsterdam beschränkt, wurde das Modell unverändert ab 1984 für die ganze Niederlande eingeführt. Es wurde immer als Zwischenlösung angesehen, bis eine weltweite Legalisierung von Cannabis kommt (wegen der UN Konvention) und man hatte auch nie den Anspruch gehabt mit diesem Coffeeshopmodell ganz Europa mit Cannabis zu versorgen.
Ende der achtziger, bzw. Anfang der neunziger Jahre und insbesondere mit Einführung von Schengen 1993 explodierte die Anzahl der sogenannten "Drugstouristen" in den Niederlanden.
Solange es im Prinzip nur für die eigenen Bürger ging, solange war das Cannabisproblem auch in den Niederlanden überschaubar.
Das "Achterdeur" Problem, also Hintertür Problem mit dem illegalen Ankauf von Cannabis durch die Coffeeshops war nicht so ausgeprägt wie es später wurde. Denn es wurde Anfangs im bescheidenen Rahmen Cannabis umgesetzt.
Mitte der neunziger Jahren als das Problem Drogentouristen explodierte, war Wim Kok von der PVDA (vergleichbar mit SPD) an der Macht in Holland. Die Niederlande wollte zu diesem Zeitpunkt Cannabis legalisieren, was auf massiven Wiederstand von Helmut Kohl und Jaques Chirac stieß. Das kleine Land Niederlande war in dieser zeit fortwährenden Anfeindungen aus Deutschland und Frankreich ausgesetzt, was zu Änderungen im Coffeeshopbeleid führte.
Die Duldungskriterien wurden verändert und beinhalten seit dem folgendes:
Ab 18 Jahre
Kein Alkohol und harte Drogen
Abgabe von 30gr auf 5gr
keine Overlast (Belästigung, Ruhestörung, etc.)
Keine Werbung ( wer in den achtziger Jahren in Amsterdam am Bahnhof ankam, den begrüßte ein riesiges Schild mit Werbung von einem Coffeeshop, a la Best Weed in Town^^)
Das Thema achterdeur, also die legale Anlieferung welches die Regierung vorher ebenfalls regeln wollte, war wegen dem Druck von Kohl und Chirac vom Tisch. Somit nahmen die Dinge ihren Lauf, und alleine in einer kleinen Grenzstadt Terneuzen kamen täglich über 5000 Franzosen Cannabis kaufen. In Venlo kamen genauso viele Deutsche weswegen dort Coffeeshops direkt an die Grenze verfrachtet wurde.
Niemals und ich betone niemals, hat irgendeine Partei ernsthaft das System Coffeeshop in Frage gestellt, denn die Niederländer haben gute Erfahrungen mit den Coffeeshops dort, wenn es um die Trennung der Märkte und sichere Umgebung für den Kunden geht.
Das ist auch was
Bucklava gemeint hat, de facto ist Cannabis für Konsumenten bis 5 Gr. im Coffeeshop oder zuhause legal. Laut Gesetz ist sogar bis 30gr. legal, bzw. die Strafbarkeit für einen Niederländer beginnt auch heute noch ab 30 Gr.
Dann merkte, inzwischen eine konservative Regierung, dass die Niederlande de facto ein Cannabislieferant für ganz Europa geworden ist, und versuchte in allen Städten einen Wietpas einzuführen. Der Wietpas berechtigt nur einheimische Bürger in Shops etwas zu kaufen.
Man wollte die Duldungspolitik wieder dahin führen was wie der Niederländer sagen würde " de bedoeling was", also zum ursprünglichen Zweck zurück. Im Vordergrund sollte statt einer europaweiten Versorgung wieder der Fokus auf den lokalen Markt gerichtet werden, in der Hoffnung den illegalen Ankauf einzudämmen.
Ich betone nochmal, niemals stand zu irgendeinem Zeitpunkt fest die Coffeeshops ganz zu verbieten, auch wenn ich mich erinnere, dass in Deutschland Propaganda Meldungen geschaltet wurden. Ich erinnere mich wie so im Jahr 2012 viele zeitungen triumphierten, Coffeeshop gescheitert, die Niederlande verabschiedet sich von Coffeeshops usw. Ich habe damals schon, im Wissen was die niederländischen Zeitungen berichtet haben, mir gedacht "träumt mal weiter in Deutschland^^"
Bei Einführung des Wietpas, spielten schon mal die meisten Gemeinden nicht mit, denn sie hatten entweder keine Probleme oder es galt wie in Amsterdam als Touristenziel ohne Overlast.
Städte an der deutschen und belgischen Südgrenze sprangen aber dankbar auf dem Zug auf und führten den Wietpas ein. Die erste Stadt die den Wietpas nach einer Woche abschaffte war Nijmegen.
Und warum? Weil dort genau das gleiche passierte wie in Berlin und anderen Städten heute, es bildete sich eine Straßenszene wo nicht nur Cannabis sondern alle Drogen verkauft wurden.
Der Bürgermeister von Nijmegen war so schlau und zog die Reißleine und die Straßenszene verschwand. Nach und nach schafften Venlo, Roermond, Kerkrade, Heerlen und zu letzt Eindhoven den Wietpas wieder ab.
Zu Eindhoven die knapp zwei Jahre an den Wietpas festgehalten haben möchte ich eine Meldung zeigen:
Wietpas én straatdealers weg in Eindhoven (Wietpas und Straßendealer weg aus Eindhoven)
... Sinds iedereen weer welkom is in de coffeeshops is de overlast verdwenen, samen met de straatdealers....... (seit wieder jeder Willkommen ist in den Coffeeshops ist die Belästigung zusammen mit den Strassendealer verschwunden)
http://www.rollingstoned.nl/23-11-15-wietpas-en-straatdealers-weg-in-eindhoven/
In diesem Zusammenhang frage ich mich auch wirklich was das mit dem Modellprojekt in Berlin oder anderen Städten soll? Wir haben ein Modellprojekt in den Niederlanden, die Ergebnisse sind da man muss nur mal hinschauen und nicht wissentlich die Fakten von dort Ignorieren.
Ok Quo Vadis Coffeeshop? Nach dem man nun realisiert hat, dass der Wietpas so gut wie gescheitert ist und nicht als Instrument taugt um den illegalen Einkauf einzudämmen, möchte man nun eine Gemeindeanbau initiieren der aber noch in Vorbereitung ist.
http://www.n-tv.de/panorama/Cannabis-Anbau-Legalisierung-rueckt-naeher-article16497636.html
Wenn man über die niederländische Drogenpolitik berichten möchte, dann sollte man das umfassend tun, ansonsten gibt es ein zu verzerrtes Bild von den Coffeeshops

Die einen glorifizieren es vielleicht zu stark, die anderen dramatisieren diese Shops allerdings auch zu extrem.
Am Ende bleibt festzuhalten, dass die Politik nicht perfekt ist und nicht ausgereift scheint, wenn man aber die Geschichte dahinter kennt und insbesondere die letzten Jahrzehnte beobachtet wo die kleine Niederlande von allen Ländern mehr oder weniger als Drogenhölle angefeindet wurde, dann versteht man, dass man einerseits die einheimischen Konsumenten nicht verfolgen wollte, aber andererseits durch vermeintliche Untätigkeit in der Achterdeurproblematik nur das organisierte Verbrechen subventionierte.