AW: Cannabis Legalisierung
Andiac, Du tust gerade so als habe Heroin keine Nebenwirkungen. Nicht nur die Streckmittel verursachen Nebenwirkungen. Heroin ist ein Opiat und hat daher auch wenn es in reiner Form ärztlich verbabreicht wird treten doch auch erhebliche Nebenwirkungen auf. Depressionen gibt es auch bei nicht substituierten Abhängigen in erheblichem Ausmaß. Ob dies nun nur an den Lebensumständen liegt, oder ob eine Disposition zu solchen Erkrankungen vorliegt oder ob es am Heroin oder Methadon liegt lässt sich mit Sicherheit nicht immer pauschal sagen, sondern bedarf eine Betrachtung des Einzelfalles.
Suchterkrankungen sind ähnlich wie psychische Erkrankungen ein komplexes Thema, da Betroffene einen komplexen Hilfe- und Behandlungsbedarf haben. Ein einziges Konzept oder eine einzige Behandlungsmethode ist bei so einer Problematik wenig zielführend. Welche Behandlungs- und Therapiemethode zum Einsatz kommt, hängt auch immer vom Einzelfall und der Betrachtung seiner Lebensverhältnisse, seiner Suchtstrukturen und seines Krankheitsbildes ab. Es gibt auch viele Betroffene die eine sogenannte Doppeldiagnose (Suchterkrankung und psychische Erkrankung) aufweisen. Polytoxikomanie ist ebenfalls keine Seltenheit. Das zeigt dass es ein breitest Spektrum an medizinischen und therapeutischen Behandlungskonzepten sowie einer intensiven psychosozialen Begleitung notwendig ist um dem oft sehr komplexem Hilfebedarf gerecht zu werden. In den Studien zur Heroingestützten Behandlung konnte z.B. nicht eindeutig geklärt werden, ob die Verbesserung der Lebensumstände nur der Verbreichung von Heroin zuzuschreiben sind oder ob die begleitenden Maßnahmen nicht auch einen wesentlichen Anteil haben.
Ich selbst habe durchaus Erfahrungen mit dem Personenkreis, wenn auch nicht so intensiv wie die Drogenberatungsstellen. Aber das Klientel mit dem ich arbeite, weist neben den psychischen Erkrankungen zum Teil auch erhebliche Suchtstrukturen auf. Dabei sind "harte Drogen" wie Heroin auch nicht unbedingt selten. Allein die sozialpädagogische Begleitung und Intervention trägt doch deutlich zur Stabilisierung bei. Diese Erfahrungen machen auch Institutionen (z.B. die Drogenberatungsstelle, die ihrerseits auch Ambulant Betreutes Wohnen für Suchterkrankte Menschen anbieten)mit denen wir kooperieren. Aber auch die Substitutionsprogramme tragen erheblich dazu bei. Sicher reicht das in einigen Fällen nicht aus. Aber für die Menschen, die von einer Methadonbehandlung nicht profitieren, wäre eine die Heroingestützte Behandlung ein wichtiger Bestandteil im Hilfesystem.
Aber auch Studien zeigen dass, gerade die Psychosoziale Begleitung einen erheblichen Einfluss auf den Erfolg der Behandlung haben.
Die Substitutionsbehandlung mit Heroin hat sich im Laufe ihrer Entwicklung von einer
blossen (oder vorwiegenden) Opiatabgabe zu einer Therapie mit einem pharmakologischen
und verschiedenen weiteren Bestandteilen entwickelt. Sie eignet sich vornehmlich
für langjährig schwer Heroinabhängige, die zuvor andere Therapien bereits erfolglos
versucht hatten. Die referierten Arbeiten geben einen ersten Hinweis darauf, dass die
(psychosoziale) Begleitbehandlung eine wichtige aktive Ingredienz des Gesamtpakets
darstellt und neben der adäquaten Dosierung des Substitutionsmedikaments zum Behandlungserfolg
beiträgt.
Quelle:
http://www.klinische-sozialarbeit.ch/Hosek, M. PSB in HeGeBe.pdf
Ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung begleitender Maßnahmen geben die unterschiedlichen Ergebnisse der einzelnen Länder. Während in der Schweiz und in Deutschland die Ergebnisse recht positiv ausfallen, sind die aus England sehr ernüchternd. Während in der Schweiz und in Deutschland eine Begleitbehandlung verpflichtend war, mussten in England niemand daran teilnehmen. Zudem war dort die Begleitung (in den Fällen wo sie statt fand) weniger intensiv. Heroin und Methadon wurde dort häufig nur in Apotheken ausgegeben.
Es ist auch zu kurzsichtig zu glauben, dass sich dadurch allein der Drogenkonsum reduzieren lässt. In der Schweiz hat der Drogenkonsum zwar abgenommen, aber das hat er auch in anderen Ländern.
Die Schweiz spielte und spielt mit ihrer liberalen Drogenpolitik und insbesondere beim heroingestützen Behandlungsmodell eine Vorreiterrolle. Nun lässt sich feststellen, dass der Konsum von Heroin in der Schweiz seit Mitte der 90er Jahre deutlich rückläufig ist. Diese Entwicklung wird gerne als direkte Folge drogenpolitischer Massnahmen gedeutet. Mit Blick auf die hier aufgezeigten internationalen Tendenzen scheint diese Annahme jedoch gewagt. Dass der Heroinkonsum in der Schweiz sowie in den meisten westeuropäischen Ländern zurückgeht, ist sehr positiv. Dass in der Schweiz alle zwei Tage jemand an den Folgen des Drogenkonsums stirbt, zeigt, dass Massnahmen der Überlebenshilfe noch keineswegs überflüssig sind.
Quelle:
http://www.sfa-ispa.ch/DocUpload/Maag.pdf
Aber ich denke, dass Du es Dir zu einfach machst, indem Du dieses Modell als "Allheilmittel" darstellst, das alle anderen Behandlungs und Therapiekonzepte überflüssig macht. Und das meinte ich damit, dass Du es eindimensional betrachtest. Versteh mich nicht falsch, ich unterstütze die Heroingestützte Behandlung, sehe aber auch, dass dies alleine nicht ausreicht bzw. dass sie nicht die Gültigkeit anderer Konzepte aufhebt. Es ist eine notwendige Ergänzung. Nicht mehr aber auch nicht weniger.