2/3 Truly Ergonomic Mechanical Keyboard im Test : Ungewohnt komfortables Tippen

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Äußerlichkeiten

Das vollständig symmetrische Layout der Tastatur baut auf der Idee, Hand und Arm nach Möglichkeit in einer geraden Linie in leichtem Winkel zum Körper zu belassen, auf. Das soll dem Karpaltunnelsyndrom und Verletzungen durch sich wiederholende Tätigkeiten (Repetitive Strain Injury) vorbeugen.

Die beiden von Truly Ergonomic angebotenen Modelle 207 und 209 unterscheiden sich lediglich durch die Anzahl der verfügbaren Tasten; wie der Name vermerkt, besitzt die Model 209 aufgrund der in in einfacher statt in doppelter Breite ausgeführten „Alt“-Tasten zwei zusätzliche Schalter, die zur freien Verfügung stehen. Ein DIP-Schalterblock ermöglicht weitere Einstellungen, etwa die Umstellung der Konfiguration für verschiedene Betriebssysteme.

Lieferumfang: Kunststoff-Abdeckung
Lieferumfang: Kunststoff-Abdeckung
Neun Schrauben halten die Handballenauflage
Neun Schrauben halten die Handballenauflage
schmucklose Rückseite des Polypropylen-Gehäuses
schmucklose Rückseite des Polypropylen-Gehäuses

Der Schalter kann ebenso wie die gesamte Tastatur nach den eigenen Wünschen programmiert werden. Vorgefertigte Firmware existiert für die Model 207 bereits für das ISO und ANSI-Layout sowie alternative Varianten wie Dvorak, mit Hilfe des Custom Layout Designers lassen sich auch vollständig eigene Ideen oder anwendungsbezogene Spezialausführungen umsetzen. Dabei können alle 207 respektive 209 Tasten nicht nur auf der primären, sondern auch auf der dauerhaft aktivierbaren „Numpad“- sowie der „FN“-Ebene vollständig belegt werden.

Idee hinter dem ergonomischen Layout
Idee hinter dem ergonomischen Layout (Bild: Truly Ergonomic)

Das besonders kompakte, in zwei angewinkelte Hälften unterteilte Layout ohne dedizierten Nummern- und Funktionsblock lässt sich wie bei den dafür geschätzten Tenkeyless-Layouts dicht an die Maus rücken, um die Hände stets in einer natürlichen Haltung belassen zu können. Die nicht wie üblich horizontal sondern vertikal versetzten Tastenreihen sollen hingegen die für Eingaben nötigen Wegstrecken minimieren; Maßstab sind die unterschiedlichen Fingerlängen an der menschlichen Hand. Der Nummernblock kann aufgrund des kompakten Chassis lediglich als Zusatzfunktion auf der rechten Hälfte der Tastatur aktiviert werden, die entsprechende Status-LED sitzt unterhalb des Numlock-Schalters. Dessen Funktion ist ausgekoppelt und interferiert nicht mit etwaigen anderen Tastaturen, eignet sich durch die Art der Umsetzung aber mehr als Notlösung und weniger für den ständigen Bedarf.

Um die Ergonomie zu verbessern, wurden die für das Schreiben wichtigsten Sonderfunktionen zentral angeordnet, „Shift“ und „Strg“ um eine Tastenreihe nach oben gerückt. Pfeil- und Funktionstasten lassen sich nun ohne seitliche Bewegung der Hand erreichen; diese Art der Bewegung will Truly Ergonomic um jeden Preis vermeiden. Aus diesem Vorhaben resultiert zudem ein FN-Schalter, der sich direkt unterhalb der Tasten mit Zusatzfunktionen befindet. Daraus resultiert – mit Ausnahme der jeweils äußersten Positionen – eine hervorragende Erreichbarkeit.

breite Handballenauflage mit Unterfütterung aus Polyurethane-Kunststoff
breite Handballenauflage mit Unterfütterung aus Polyurethane-Kunststoff
Unterseite ohne Aufstellfüße
Unterseite ohne Aufstellfüße
Zahlreiche Rutschsicherungen auf der Unterseite
Zahlreiche Rutschsicherungen auf der Unterseite
DIP-Schalterblock auf der Unterseite
DIP-Schalterblock auf der Unterseite
Truly Ergonomic Mechanical Keyboard Model 207
Truly Ergonomic Mechanical Keyboard Model 207
Tastenanstieg von 3°
Tastenanstieg von 3°
DIP-Funktionen im Überblick

Zum ergonomischen Schreiben soll die Ausrichtung ebenso wie die Haltung der Hand beitragen. Die Tasten der Model 207 sind deshalb mit einem Anstiegswinkel von nur drei Grad fast waagerecht angeordnet, eine Verstellmöglichkeit besteht nicht. Zusammen mit der hohen, durch die Unterfütterung mit Polyurethane-Kunststoff nur minimal nachgiebigen Handballenauflage liegen Finger und Tastenkappen nahezu auf einer Ebene. Die Gelenkstütze punktet durch eine harte, aber minimal gepolsterte und somit nicht unbequeme Oberfläche, sorgt für ihre Einpassung aber für Schmutzempfindlichkeit - die einzige Schwachstelle des Gehäuses.

FN-Funktionen im Überblick

Die Tastenkappen bestehen aus einfachem ABS-Kunststoff, dessen leicht raue Texturierung mit zunehmender Nutzung in einen glänzenden Zustand wechseln wird. Seitliche Beschriftungen des Nummernblocks sowie die blau markierten Zusatzfunktionen der Tastatur wurden im Siebdruckverfahren aufgetragen, die primären Funktionen im „Laser-engraving“-Verfahren beschriftet. Hierbei wird die Font ausgeschnitten und anschließend aufgefüllt. Obwohl es sich um ein langlebiges Verfahren handelt, verändert sich die Farbe des „Infills“, sobald Flüssigkeiten respektive Fett in das Material eindringen. Dieser Prozess lässt sich nicht ohne Weiteres vermeiden, sondern nur hinauszögern. Abgesehen von der Leertaste sowie den Tastenkappen der zentralen Schalterreihe verbaut Truly Ergonomic herkömmliche und damit ohne weiteres austauschbare Standardkappen für MX-Schalter.

Alltagserfahrungen

Die ergonomische Tastatur wird mit MX-Schaltern des Typs „Brown“, „Blue“ und „Red“ sowie Versionen mit blanken Tastenkappen angeboten, ist hierzulande im Direktvertrieb aber nur mit den braunen Schaltern erhältlich. Anfängliche Schwierigkeiten mit doppelt oder gar nicht übertragenen Signalen wurde bereits vor einiger Zeit mit einer neuen Firmware behoben. Gelegentlich löste bei unserem Exemplar allerdings die rechte „Shift“-Taste nur hakelig aus, in diesem Fall ist die Ursache allerdings mechanisch und damit schwerwiegender.

Klangeindruck: Truly Ergonomic Model 207
Testmethodik

Obwohl die Charakteristik der Model 207 aufgrund der verbauten Schalter eine bekannte ist, erleichtert es die fast neigungsfreie Konzeption, die Schalter nur bis zum Signalpunkt zu drücken – laut Anleitung sind laute Geräusche durch das Erreichen des Anschlags („bottoming out“) ein Indikator für falsches Tippverhalten auf der Model 207 und der Gesundheit durch die mit dem harten Anschlag einhergehende Belastung der Gesundheit nicht zuträglich. Konzeption und Anlage des Chassis legen das sanfte Schreiben in der Tat nahe, was im vorliegenden Fall fast unbewusst und deutlich einfacher als sonst üblich von der Hand ging. Damit reduziert sich die Lautstärke im Schnitt spürbar. Ohnehin liegt die qualitative Ausführung mit tieffrequenterem Geräuschpegel auf einem (hohen) Niveau mit anderen Premium-Tastaturen, etwa der Shine 3 von Ducky.

Cherry MX „Brown“ (Funktionsskizze: Lethal Squirrel, Diagramm: Cherry)
Cherry MX „Brown“ (Funktionsskizze: Lethal Squirrel, Diagramm: Cherry)

Aufgrund des ungewohnten Layouts, speziell der veränderten Anordnung der Tastenreihen, ist der Erstkontakt mit der Model 207 eine schwierige Angelegenheit. Die Lernphase fällt trotz der im Vergleich mit Produkten von Kinesis oder Ergodox noch konservativen Herangehensweise des Herstellers nicht nur unglaublich frustrierend, sondern ebenso unglaublich lang aus. Wenig hilfreich sind dabei die Tastenbeschriftungen für das US-ANSI-Layout, welche die initiale Verwirrung steigern – anfangs kommen sonst hohe Tippgeschwindigkeiten unter der massiven Fehlerquote fast völlig zum Stillstand. Schreiben auf dieser Tastatur hinterlässt zunächst das Gefühl, mit einem Handcap – ähnlich einem gebrochenen Arm oder Bein – unterwegs zu sein.

Bei Truly Ergonomic heißt es zurückhaltend, die Eingewöhnungsphase liege bei „ein paar Tagen“ und solle genutzt werden, „wenn man sich nicht in der Nähe einer Deadline befindet“. Wir konnten nach den ersten zwei „ergonomischen Tagen“ immerhin wieder einigermaßen flüssig Texte schreiben; idealerweise sollte in dieser Phase nicht nur keine Headline sondern überhaupt keine wichtige Schreibarbeit warten. Vor allem das blinde Schreiben muss weitgehend neu gelernt werden. Wie vom Hersteller empfohlen, hilft in dieser Phase, langsam zu tippen und den Blick auf die Tasten zu lenken.

Ist die steile Lernkuve erst einmal überwunden, lassen sich dem Konzept tatsächlich Vorteile attestieren, subjektiv führt die Haltung von Arm und Fingern – verglichen mit herkömmlichen Layouts – zu entspannterem Arbeiten. Einschätzungen von Testern mit akuten gesundheitlichen Beschwerden bestätigen diesen Eindruck, echte Langzeiterfahrungen oder gar wissenschaftliche Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen gibt es allerdings nicht. Mit zunehmender Gewöhnung an das neue Layout nimmt die Effizienz mit herkömmlichen Tastaturen etwas ab, eine stete Um- und Neugewöhnung, wenngleich in kleinerem Umfang, gehört beim Wechsel zwischen Layouts zu den unvermeidlichen Nebeneffekten der Nutzung einer Model 207. Die Anordnung der Tasten richtet sich jedoch hauptsächlich an Vielschreiber, bevorzugt im Zehnfingersystem, im Textbereich.

Hierfür oft genutzte Tasten und Modifier (speziell „Shift“ und „Strg“) können mit minimaler Bewegung der Finger erreicht werden. Auch nach längerer Eingewöhnugsphase wurden diese Tasten in ihrer rechtsseitigen Ausführung allerdings oftmals vertauscht, was den Schreibfluss durch das ungewollte Aufrufen diverser Verknüpfungen stark behinderte. In Spielen kommen die Vorteile des Konzepts ebenfalls zum tragen, bedürfen aber teils der Anpassung der Tastenbelegung. Insbesondere in Ego-Shootern überzeugen die deutlich besser erreichbaren Tasten „Shift“ und „Strg“, auf denen oftmals die Funktionen Sprinten und Ducken liegen. Für Programmcode eignet sich die Model 207 in der werksseitigen Konfiguration aufgrund der nach außen gerückten Sonderzeichen aber weniger.

Mit der Angabe des Key-Rollovers lehnt sich Truly Ergonomic weit aus dem Fenster: „Full N-Key“ verspricht die Homepage an mehreren Stellen, um diese Aussage anschließend auf „bis zu 6 Tasten plus Modifier“ einzuschränken. Das erste Statement verweist jedoch durch das Adjektiv „full“ klar und eindeutig auf das Fehlen jeglicher Einschränkungen hinsichtlich der gleichzeitig möglichen Eingaben. Stattdessen verbleibt die Model 207 schlicht im Bereich des durch die USB-Spezifikationen Möglichen, womit es sich nicht, wie hier suggeriert, um eine besondere Produkteigenschaft handelt.

6-Key-Rollover („KRO“, Anzahl gleichzeitig zu drückender Tasten)
6-Key-Rollover („KRO“, Anzahl gleichzeitig zu drückender Tasten)

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