3/5 Logitech G710+ im Test : Mechanisch. Und trotzdem leise.

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Tastencheck

Blau, Braun, Rot und Schwarz: Die Cherrys MX-Schalter gibt es in vier Farben mit unterschiedlichen Eigenschaften, die sich durch eine durchschnittliche Lebensdauer von 50 Millionen Anschlägen bei einem stets gleichbleibenden Tippgefühl auszeichnen. Dies grenzt sie von den in günstigeren Tastaturen verwendeten „Rubberdome“-Schaltern ab, die aufgrund des Einsatzes einer Gummimatte nicht nur an einer deutlich kürzeren Haltbarkeit kranken, sondern auch unter materialbedingten Alterungsprozessen leiden.

Cherry MX „Brown“ (Funktionsskizze: Lethal Squirrel, Diagramm: Cherry)
Cherry MX „Brown“ (Funktionsskizze: Lethal Squirrel, Diagramm: Cherry)

Ein Nachteil der mechanischen Schalter ist neben der teils deutlich gesteigerten Lärmentwicklung beim Tippen ihr immenser Fertigungsaufwand, da für jedes Exemplar eine Vielzahl von Einzelteilen hergestellt werden müssen. Das treibt die Kosten entsprechend in die Höhe. Wiederum positiv ist, dass für Cherry-Schalter eine ganze Bandbreite an Zubehör angeboten wird. Erhältlich sind hier unter anderem alternative Kappen in verschiedenen Fertigungsverfahren und Designs.

Die G710+ verbaut die braun kodierten Cherry-Schalter, die direkt auf einer Metallplatte fixiert werden, also „plate mounted“ sind. Der Federweg liegt bei vier Millimetern, während der Signalpunkt schon nach zwei Millimetern erreicht wird. Im Gegensatz zu den roten oder schwarzen Schaltern steigt der Widerstand nicht linear, sondern erreicht seinen Spitzenwert von 55 Gramm Kraftaufwand bereits kurz vor dem Signalpunkt, nach dessen Überwindung deutlich weniger Kraft zum Voranschieben des Schalters benötigt wird – das eigentliche Auslösegewicht liegt bei nur noch 45 Gramm. Das Tippgefühl wird deshalb auch als „taktil“ beschrieben und orientiert sich im Prinzip an Rubberdome-Schaltern, die allerdings ein vollständiges Durchdrücken des Schalters erfordern. Gegenüber blauen Switches mit einem Maximalwiderstand von etwa 60 Gramm fehlt der braunen Version das akustische Feedback am Punkt der Signalauslösung („Klackediklack“), was die Geräuschkulisse spürbar reduziert.

Logitech G710+
Logitech G710+

Prinzipiell können erfahrene Nutzer zwar die nutzungsbedingte Lautstärke mit etwas Übung erheblich verringern, indem sie die Schalter nicht bis zum Schaftende herunterdrücken. Dies setzt idealerweise aber „Touch Typing“, also das 10-Finger-System, und eine hohe Treffsicherheit voraus. Das Verharren des Schalters in einer Position knapp über dem Signalpunkt zur Verkürzung des Federweges, etwa bei Mehrfacheingaben, wird durch die nicht-lineare Charakteristik aber erschwert.

Der Normalanwender wird aus diesem Grund auf einer mechanischen Tastatur, auch mit braunen MX-Schaltern, immer lauter tippen als auf den „Rubberdome“-Varianten. Diesem Problem will Logitech durch den Einsatz der dämpfenden O-Ringe entgegen wirken.

Alltagserfahrungen

Durch die integrierte Dämpfung bewegt sich die Lautstärke der G710+ im Alltag tatsächlich auf einem durchaus noch angenehmen Niveau, das ungefähr vergleichbar mit Rubberdome-Tastaturen ist. Dabei tippte es sich auf den „Browns“ etwas langsamer als auf den linearen Schaltertypen, aber etwas schneller als auch den blauen Varianten. Aufgrund des klar definierten Signalpunktes sinkt hingegen die Fehlerquote im Vergleich mit „reds“ und „blacks“, wobei diese letztlich auch eine Sache der Gewöhnung ist.

Sowohl das Tippgefühl als auch die Einschätzungen zur Lautstärke sind allerdings hochgradig subjektiv und werden individuell unterschiedlich empfunden. Ob die Charakteristik speziell für Spiele geeignet ist, bleibt wie immer dem individuellen Geschmack überlassen. Nachteile ergeben sich im Testbetrieb gegenüber den linearen Schaltern nicht, sofern man eine gerade nach Erstkontakt mit mechanischen Schaltern unabdingbare Eingewöhnungsphase einkalkuliert. Tendenziell lassen sich MX „brown“ jedoch als Allrounder charakterisieren, die sowohl im Office- als auch im Spielebetrieb gut einsetzbar sind.

Logitech G710+
Logitech G710+

Besser zu bewerten ist die Ergonomie des Gaming-Keyboards. Hier erfreut die in diesem Segment nicht immer übliche, aber stets nützliche Handballenauflage, die speziell für kleinere Hände dennoch etwas größer ausfallen dürfte. Die Materialwahl gelingt dem Hersteller konträr zum Chassis deutlich besser, denn die Auflage wird als einziges Element der G710+ aus angerautem Plastik gefertigt. Damit wird sie deutlich robuster gegenüber Verschmutzungen als das Gehäuse, welches gleichwohl nur an wenigen Stellen ständig berührt wird. Speziell die Klaiverlackelemente bilden hierzu einen unschönen Gegenpol, denn gerade um das Scrollrad herum sind Berührungen, die unvermeidlich zu Fingerabdrücken führen, im Alltag nicht zu vermeiden. Abseits dieses Punktes wird die Fuge zwischen Tastenbett-Segment und äußerem Rahmen zu einem stetigen Pflegefall – ein vermeidbares Ärgernis für einen Hersteller, der seit Jahren Tastaturen fertigt.

Deutlich besser und damit erwartungsgemäß gelingt Logitech das grundsätzliche Layout. Sämtliche Funktionstasten sind in Gruppen angeordnet, darüber hinaus ohne Blickkontakt voneinander zu differenzieren und sinnvoll angeordnet. Speziell gilt dies für den „Gaming“-Modus gilt, der am schnellsten mit der linken Hand erreicht werden kann. Der gute Eindruck wird nur durch die ein wenig zu schmalen Keycaps getrübt, die entsprechend präziser angewählt werden wollen. Prima erreichbar sind auch die mit normalgroßen „Kappen“ bestückten Makrotasten, wenngleich die sechste und damit unterste Taste bei normaler Handstellung nicht mehr ohne Verrenkungen zugänglich ist. Vollständig überzeugen kann das Lauststärke-Scrollrad. Hier treffen eine feine Rasterung, ein mittlerer Drehwiderstand und gute Haptik aufeinander – der Komfortgewinn ist ohnehin unbestreitbar.

26KRO im Aqua'S KeyTest
26KRO im Aqua'S KeyTest

Wie vom Hersteller beworben, liegt das „Key-Rollover“ („KRO“, Anzahl gleichzeitig zu drückender Tasten) der G710+ bei 26 Tasten. Ghosting und Blocking waren im Testbetrieb kein Problem. Dessen Ausnutzung bleibt im Alltag aber der Kreativität des Nutzers überlassen: 26 KRO bedeutet nichts anderes, als dass sich die Tastatur nicht nur mit den Fingern, sondern auch den Handflächen „nutzen“ lässt.

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