Watch Dogs 2 im Test : Flache Witze im offenen San Francisco

, 113 Kommentare
Watch Dogs 2 im Test: Flache Witze im offenen San Francisco
Bild: Ubisoft

Watch Dogs gehört mit FarCry und Assassin's Creed zu den wichtigsten Marken von Ubisoft. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als im Mai 2014 der erste Teil an den Start ging. Zwar wurden damals längst nicht alle Hoffnungen in den Hacker-Einstand erfüllt, für insgesamt positive Wertungen reichte es aber allemal. „Ubisoft wird die Marke Watch Dogs sicher weiter ausbauen – die Grundlage dafür ist gelegt“, schrieben wir in unserer Empfehlung. Und genau das ist jetzt passiert; wenn auch nicht nur positiv.

Hinweise und Spoiler-Warnung: Ubisoft hat die Veröffentlichung der PC-Version von Watch Dogs 2 auf den 29. November 2016 verschoben. Deswegen basiert dieser Test auf der PlayStation-4-Version.

Da ein Spieletest nicht immer gänzlich ohne die Wiedergabe einzelner wichtiger Handlungselemente der Geschichte möglich ist, bitten wir all jene, die vorab nichts über die Handlung des Spiels erfahren möchten, nur das Fazit zu lesen. Wir bemühen uns jedoch stets, die Wiedergabe auf absolut notwendige Erzählelemente zu beschränken.

Die USK hat für Watch Dogs 2 keine Jugendfreigabe erteilt, sodass er Titel ab 18 Jahren erhältlich ist.

Die Story

Eine große Kritik am ersten Teil von Watch Dogs war, dass der Protagonist Aiden Pearce zu schwermütig daher kam. Unlocker, düster, trist habe der Held gewirkt, konnte man in vielen Tests und Kommentaren lesen. Und tatsächlich wurde Aiden aufgrund eines familiären Desasters – also aus einem sehr tristen Grund – zum Staatsfeind Nummer 1: Nach einem Attentat mit Todesfolge beschloss der Elite-Hacker, sich gegen ein alles kontrollierendes, ctOS genanntes, System von Supercomputern aufzulehnen.

Watch Dogs 2 – Cinematic Reveal

Die Kritik an dieser vielleicht etwas übertriebenen Schwere war nicht ganz unberechtigt, aber doch zumindest diskussionswürdig. Zwar fanden auch wir den Plot von Watch Dogs nicht rund, allerdings zeigen Beispiele wie zuletzt die TV-Serie Mr. Robot (bei dem Watch Dogs 2 sich ansonsten großzügig bedient), dass man eine digitale Dystopie sehr wohl ernst und zugleich spannend erzählen kann.

Die Geschichte um die Entwicklung des ersten Teils ist wichtig, weil die Kritik an der Ernsthaftigkeit von Watch Dogs konkrete Folgen für die Konzeption des zweiten Teils hat. Hier wird mit Marcus Holloway ein neuer Protagonist eingeführt, der in einer hässlichen, nicht allzu fernen Zukunft lebt, die eine Fortentwicklung der Geschehnisse aus Watch Dogs darstellt. In dieser Zukunft ist das Internet der Dinge längst Realität: Jeder Toaster, jede Ampel, jedes Auto ist an das Internet angebunden und damit kontrollierbar und manipulierbar. In Marcus' Stadt San Francisco hat das allwissende ctOS 2.0 die Kontrolle übernommen, ein System, dass nicht nur Zugriff auf die Daten der Geräte hat, sondern auf Grundlage von Algorithmen unter anderem auch berechnet, wann, wo und wer mit kriminellen Aktivitäten auffallen wird.

Vom Hacker zum Hacktivist

Marcus ist der neue Aiden
Marcus ist der neue Aiden (Bild: Ubisoft)

Der grundsätzlich Ansatz bleibt also auch in Watch Dogs 2 erhalten. Wider einem blinden Technik-Optimismus wird hier aufgezeigt, welche Gefahren mit der zunehmenden Digitalisierung einhergehen. Das ist gut und zieht gleich in die Handlung rein, bei der Marcus das konkrete Beispiel für diese Gefahren ist: Fälschlicherweise in die Verbrecherkartei des neuen ctOS gelangt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich zu wehren. Gemeinsam mit einer Hackergruppe beschließt er, gegen die Mächtigen vorzugehen, indem er ein Botnetz aus Followern aufbaut, die die Bewegung mit ihrer Rechenkraft unterstützen. Vom Hacker zum Hacktivist – so schnell kann es gehen.

Die Story, die sich auf dieser Basis entspinnt, ist nicht grundsätzlich schlecht. Gemeinsam starten die Gruppenmitglieder öffentlichkeitswirksame Aktionen gegen die Reichen und Mächtigen und vor allem gegen ctOS. Allerdings gehört zu dem neuen Ansatz, dass dabei allerlei Schabernack betrieben wird: Watch Dogs 2 hat zwar eine ernste Thematik, nimmt sich selbst und seine Charaktere im Unterschied zum Vorgänger aber überhaupt nicht mehr ernst.

Hat jemand gelacht?

Diese aus der oben beschrieben Kritik am ersten Teil resultierende Haltung fällt unserer Ansicht nach überreizt aus. Kaum ein Dialog, der nicht zwanghaft die Pointe sucht; kaum ein Auftrag, der nicht völlig abgedreht ist. Watch Dogs 2 ist, und das gilt auch und gerade für die wichtigen Charaktere, ein Jahrmarkt des Irrsinns, dessen übertriebene Suche nach Witz dazu führt, dass die Inhalte nicht selten pseudolustig und damit lächerlich sind.

Die Hacker von Watch Dogs 2
Die Hacker von Watch Dogs 2 (Bild: Ubisoft)

Die Einordnung dieser Konzeption, das muss man sagen, ist aber zu einem guten Teil Geschmackssache. Natürlich wird es Spieler geben, die sich für die Herangehensweise erwärmen können. Allerdings führt die Art der Story dazu, dass die Inhalte von Watch Dogs 2 bei jedem automatisch in den Hintergrund rücken, der den Humor der Entwickler und die Lust am Ausschlachten des Hacker-Nerd-Klischee nicht teilen kann. Wir jedenfalls haben bei der Handlung schnell abgeschaltet – und uns stattdessen an der Spielwelt und dem Gameplay erfreut.

Auf der nächsten Seite: Die Spielwelt