Tesoro Gram SE Spectrum im Test: Optische Taster scheitern an ihrer Tastatur

Max Doll 30 Kommentare
Tesoro Gram SE Spectrum im Test: Optische Taster scheitern an ihrer Tastatur

tl;dr: Mechanische Taster generieren Signale fast ausnahmslos durch das Zusammendrücken zweier Kontaktplatten. Damit soll künftig Schluss sein: In Infrarot-Technik hofft Tesoro, eine technisch überlegene Alternative gefunden zu haben. Von der Tastatur, in der die Taster eingesetzt werden, lässt sich das nicht behaupten.

Tesoro Gram SE Spectrum im Test

Mit rund 120 US-Dollar Kaufpreis gehört die Gram SE Spectrum zu den günstigeren Tastaturen mit RGB-Beleuchtung. Erhältlich ist das Modell in Schwarz und Weiß, wobei letztere Version durch die seltene Farbe auffällt. In anderen Bereichen bleiben die Rahmendaten unauffälliger Durchschnitt. So baut die SE Spectrum zwar vergleichsweise flach, wird trotz freistehender Taster aber nicht schmaler als Modelle klassischer Bauart.

Design und Ausstattung gleichen der Gram Spectrum (Test) aus dem letzten Jahr. Das SE-Modell wartet zusätzlich nur mit einer IP56-Zertifizierung auf. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal sind jedoch die Taster: Während das Vormodell besonders flache Varianten klassischer Machart einsetzt, nutzt die SE Spectrum Infrarot-Taster mit normaler Höhe.

Neben den Tastern bleibt nur die RGB-Beleuchtung, um in diesem Preissegment den Kaufpreis zu rechtfertigen. Zusatzausstattung, die durch zusätzliche Bauteile realisiert werden muss, ist der Gram SE Spectrum fremd. Sonderfunktionen werden daher über Zweitbelegungen zahlreicher Taster implementiert. Auf diese Weise können auch die RGB-Beleuchtung sowie die Tastenbelegung konfiguriert werden, was der (überarbeiteten) Software weitgehend den Rang einer optionalen Bedienhilfe verleiht.

Hinweis: Für den Test hat Tesoro die Gram SE Spectrum in der US-Version mit kleiner Enter-Taste zur Verfügung gestellt. Angeboten wird die Tastatur auf dem deutschen Markt aber auch mit dem hierzulande üblichen Layout.

Tesoro Gram SE Spectrum
Cherry MX Board 5.0
Cherry MX Board 6.0
Größe (L × B × H): 44,5 × 13,9 × 3,2 (4,9) cm 47,0 × 14,5 (23,2) × 3,6 (4,7) cm
Handballenauflage
45,4 × 14,7 (23,1) × 3,5 (4,5) cm
Handballenauflage
Layout: 105 ISO 105 ISO (erweitert)
Gewicht: 1.200 g 1.410 g 1.141 g
Kabel: 1,80 m, USB 2.0 1,90 m, USB 2.0 2,00 m, USB 2.0
Hub-Funktion:
Key-Rollover: 6-KRO, N-KRO N-KRO
Schalter: Tesoro Optical Red / Blue Cherry MX Silent (Red) Cherry MX Red
Tasten: Form: zylindrisch
Material: ABS-Kunststoff
Beschriftung: laser cut
Form: zylindrisch
Material: ABS-Kunststoff
Beschriftung: laser cut
flache Tasten
Zusatztasten: 3 × Medien
1 × Extra
Medienfunktionen: Stumm, Lautstärke, Abspielen/Pause, Vor/Zurück
Zusatzfunktionen: Profile wechseln, Helligkeit (regeln, ausschalten), LED-Modi, Gaming-Modus, Makroaufnahme Helligkeit (regeln, ausschalten), LED-Modi, Gaming-Modus Helligkeit (regeln, ausschalten), Gaming-Modus
Beleuchtung: Farbe: RGB
Modi: Atmungseffekt, Welleneffekt, Reaktiver Modus, umlaufende Aktivierung, Farbschleife
Sonstige: individuelle LED-Profile
Farbe: Weiß
Modi: Atmungseffekt, Welleneffekt, Reaktiver Modus, umlaufende Aktivierung
Farbe: Rot
Makros & Programmierung: 512 kB, 5 Profile, Hardware-Wiedergabe
vollständig, softwarelos programmierbar
1 Profile, Hardware-Wiedergabe?
? programmierbar
Preis: ab 88 € / 119 $ ab 100 € 190 €

Äußerlichkeiten: Solider Standard

Freistehende Taster sind mittlerweile im Mainstream angekommen. Bei dieser Anordnung wird das Tastenbett nicht von einem Gehäuse umschlossen. So präsentiert sich die ohnehin zur Stabilisierung der Taster genutzte Metallplatte als Oberseite der Tastatur und dient der Abdeckung des Kunststoff-Chassis. Eine solche Anordnung erleichtert die Reinigung, aber auch die Ausbreitung von Geräuschen.

An Ort und Stelle gehalten wird das Gehäuse durch effektive Gummielemente, die gleichmäßig wirksam werden, ohne gewünschte Änderungen zu behindern. Lediglich das abnehmbare Kabel gefällt nicht in letzter Konsequenz, weil es nicht über einen Kabelkanal fixiert und entlastet wird. Der lockerer Sitz des Steckers schont zwar die Buchse beim versehentlichen Abstecken etwas, optimal ist diese Lösung aber nicht.

Aus der Masse abheben kann sich die SE Spectrum nicht: Alles funktioniert und ist ordentlich konzipiert worden, weckt aber keine Begeisterung durch besonders intelligente Details. Dies gilt auch für den Bereich Beleuchtung: Die Beschichtung der Tastenkappen ist zwar weiß und nicht schwarz, Beschriftungsverfahren und Werkstoff entsprechen aber dem Standard beleuchteter Tastaturen.

Standard-Ausleuchtung

Beleuchtet werden Tasten der Gram SE Spectrum durch LEDs, die oberhalb der Taster auf dem PCB montiert werden. Die Diode kann aufgrund dieser Anordnung nur den oberen Bereich der Tastenkappe optimal ausleuchten, da der Weg in die gegenüberliegende Hälfte durch die Tastenmechanik blockiert wird. Tesoro reagiert darauf über die Position der Beschriftung, die nach Möglichkeit am Ort bester Ausleuchtung platziert wird. Bei Doppelbelegungen ist dies nicht möglich, FN-Funktionen bleiben daher dunkler und lassen einen Helligkeitsverlauf erkennen.

Von den vielen Leuchtoptionen der LEDs bleiben praktisch nur wenig sinnvolle übrig, weil eine Option zum Konfigurieren der Effektgeschwindigkeit fehlt und hektische Blinkorgien, die in vielen Modi an den Tag gelegt werden, nicht jedermanns Aufmerksamkeit bekömmlich sind. Auch die Flexibilität bei der Kombination und Definition von Effekten bleibt hinter den Möglichkeiten, die sich in diesem Jahr als Standard etabliert haben. Angeboten wird nur die Option, zwei eigene LED-Profile anzulegen, eines für die gezielte Beleuchtung einzelner Tasten und eines, das die Aufnahme von Leuchtsequenzen erlaubt. Die Dauer des Tastendrucks bei der Aufnahme bestimmt die Dauer des Leuchtsignals bei der Wiedergabe – planvolles Erstellen von Effekten erlaubt Tesoro nicht.

Wenig Freiraum bei der Programmierung

Die Farbwahl wird dabei eingeschränkt. Profile und Effekte können lediglich mit den Funktionen PFC (Profile Color) und SPC (Spectrum Color) zwischen der Darstellung einer zuvor festgelegten, statischen Farbe und einem bunten Farbwechsel wechseln. Daraus ergibt sich eine gewisse Limitierung bei der Programmierung eigener Profile: Weil die Farbwahl über die Tastatur nicht möglich ist, muss entweder ein Regenbogen-Programm oder die Basisfarbe des Profils herhalten. Für mehr als statische Beleuchtung oder spezifische Ansprüche an die „Lichtorgel“-Funktion einer RGB-Tastatur eignen sich andere Tastaturen besser.

Alltagserfahrungen: Leider laut

Spannend kann die Gram SE Spectrum also nur aufgrund ihrer Tastentechnik sein. Während mechanische Taster typischerweise Signale durch das Trennen von Kontakten erzeugen, wird bei den optischen Tastern nur eine Infrarot-Schranke unterbrochen. Die eigentliche Signalerfassung erfolgt bei diesem Konzept durch einen Sensor, der direkt auf dem PCB montiert wird. Das Tastergehäuse, das sich visuell nicht von klassischen mechanischen Tastern unterscheidet, beherbergt nur noch den Stempel, der beim Herunterdrücken der Tastenkappe die Lichtschranke unterbricht sowie Bauteile, die für das Feedback nötig sind.

Rote und blaue Taster

Bei den linearen mit einem bräunlichen rot kodierten Tastern ohne Druckpunkt ist dies lediglich eine Feder, die den Widerstand reguliert. Blaue Varianten, bei denen der Druckpunkt sowohl hör- als auch spürbar ist, unterscheiden sich in ihrem Inneren hingegen nicht von ihren klassischen Gegenstücken – die Kontaktplättchen werden hier für die Charakteristik benötigt. Sie sind lediglich nicht mehr mit dem PCB verlötet und so gut sichtbar ihrer sonst primären Aufgabe entbunden. Korrosion wird daher für die Funktion der Tastatur irrelevant, schreibt der Hersteller; sie spielt bei normalen mechanischen Tastern aber in aller Regel auch keine Rolle. Diese Eigenheit macht die SE Spectrum zusammen mit einer Beschichtung des PCBs unempfindlich gegenüber Spritzwasser.

Tesoro Optical Red Tesoro Optical Blue
Charakteristik: linear taktil („clicky“)
Hubweg: 4,0 mm
Position des Signalpunktes: 2,0 mm 2,3 mm
Widerstand am Signalpunkt: 45 g 60 g
Lebensdauer (Anschläge):

Die Abstimmung der Taster orientiert sich an Cherrys MX-Serie, das Federgefühl ist wie bei vielen roten Varianten anderer Hersteller aber schwammiger. Weil die Kontaktflächen entfallen, gleitet der Stempel aber besser in den Führungen, das Herunterdrücken fühlt sich zumindest bei roten Tastern geschmeidiger an als bei Cherrys MX Red. Die blaue Variante mit Pseudo-Kontaktplättchen besitzt diese Eigenschaft weniger stark ausgeprägt. Sie ist zudem, wie die Spezifikationen verraten, minimal schwergängier abgestimmt als das gleichfarbige Vorbild und besitzt einen etwas stärker ausgeprägten Druckpunkt.

Lebensdauer in Stunden statt Klicks

Ein Haken oder Verkanten der Taster ließ sich bei keinem der beiden Modelle provozieren, was für die Qualität der Ausführung spricht. Dieser Umstand kann allerdings nicht als Indiz für die praktische Lebensdauer genommen werden. Hier ist der Verschleiß des Sensors maßgeblich. Angegeben wird aufgrund der Bauart nicht die Anzahl der Auslösungen, sondern die Betriebsdauer mit 100 Millionen Stunden. Inwiefern dieser Wert tatsächlich realistisch ist, müssen Langzeit-Erfahrungen von Käufern zeigen.

Nicht schlüssig erklären ließ sich, warum Tesoro dem Vorbild alter MX-Taster folgt anstatt die Bauhöhe zu reduzieren. Da die Signalerfassung nicht mehr im Tastergehäuse erfolgt, bleibt bei dieser Technologie eigentlich mehr Spielraum für derartige Änderungen. Neu ist die Infrarot-Technik ohnehin nicht, sie wird unter anderem schon seit dem vergangenen Jahr bei A4 Tech/Bloody eingesetzt.

Entsprechende „Taster“ können in der Theorie aber, so sie denn verfügbar sein werden, auch nachgerüstet werden: Das lediglich gesteckte Tastergehäuse lässt sich mit Hilfe eines mitgelieferten Werkzeuges einfach abziehen. Eine solche Option ist im Jetzt der Gegenwart aber ein Zukunftstraum. Dieses sogar Hot-Swap-fähige Verfahren geht zwar gut von der Hand, hat aktuell mangels Angebot aber noch keinerlei wirklichen Nutzen. Vier Taster der jeweils anderen Sorte, rot oder blau, legt Tesoro der Tastatur bei um vier Tasten markieren zu können. Pläne, komplette Sätze der Tastergehäuse anzubieten, gibt es derzeit nicht.

Theoretische Vorteile

Als weiterer Vorteil der ungewöhnlichen Technik wird von Tesoro die Geschwindigkeit hervorgehoben. Eingaben sollen nach 0,1 statt üblicher 0,2 Millisekunden erfasst werden, was an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber aufgeführt wird. Bis ein Signal auf dem Bildschirm landet, vergeht schließlich eine niedrige zweistellige Anzahl Millisekunden.

Aus diesem Grund ist auch ein weiterer Vorteil der Infrarot-Erfassung theoretischer Natur. Durch den Sensor entfällt die Notwendigkeit zum „Debouncing“ bei der Signalverarbeitung. Mechanische Taster erzeugen beim Herunterdrücken im Millisekundenbereich mehrere Kontake, übersenden also keine eindeutige Information. Um ungewollten (Mehrfach-)Übertragungen vorzubeugen, wird der Zustand des Tasters bei der Verarbeitung in der Regel über einen kurzen Zeitraum beobachtet, um Gewissheit über den aktuellen Status des Tasters zu gewinnen. Wie lange beobachtet wird, hängt von den verwendeten Tastern ab, Cherry gibt für MX-Taster etwa eine „Bounce Time“ von fünf Millisekunden an. Auch hier bringt die Einsparung praktisch nur theoretische Vorteile, sie liegt außerhalb des für Normalsterbliche spürbaren Bereichs.

Layout will Gewöhnung

Layout und Konfiguration der Tastatur sind zwar nutzbar, benötigen jedoch eine Gewöhnungsphase; es dauert, bis Funktionen und das Verständnis für sie in Übereinstimmung geraten. Experimentieren ist dabei unerlässlich. Nicht jedes Feature wird im mageren Handbuch erklärt – etwa, dass die Tastatur zwei Betriebsebenen pro Profil nutzt.

Der Gaming-Modus aktiviert neu belegte Tastenkonfigurationen, der Normalmodus lädt die Standard-Belegung. Das Layout erweist sich dabei grundsätzlich als vernünftig, die meisten häufig genutzten Tasten sind mit einer Hand und recht bequem zu erreichen. Nur bei der Mediensteuerung korreliert Komfort mit der Handgröße.

Lästige Lautstärke

Als gravierender Schwachpunkt stellt sich die Lautstärke der Tastatur heraus, was nicht so sehr die Lautstärke beim Schreiben meint. Das Tippgeräusch, das durch die offene Kulisse und die geleerten und so besser hallenden Tastergehäuse aufgehellt wird, liegt eher am oberen Ende des Spektrums mechanischer Tastaturen. Auch wenn dem die bei der alten Gram Spectrum integrierte Dämmung hätte entgegenwirken können, ist das helle Klacken noch akzeptabel.

Nicht mehr hingenommen werden können andere, nicht konstruktiv bedingte und damit vermeidbare Nebengeräusche. Was an den Nerven sägt, ist ein permanentes, von Helligkeit und Beleuchtungseinstellungen entkoppeltes Summen. Hierin unterbietet die Gram SE Spectrum das Vorgängermodell, das nur bei bestimmten Farben und Helligkeitseinstellungen auffällig wurde.

Tesoro Gram SE Spectrum (Tesoro Optical Red)

So hat Tesoro die Störgeräusche der Beleuchtung wie zugesagt abgestellt, nicht aber ein für Anwender zufriedenstellendes Ergebnis erzielt und die Lautstärke im Endeffekt sogar weiter gesteigert. In ruhigen Umgebungen mit einem leisen Rechner wirkt das permanente Summen nervtötend und verhindert konzentriertes Arbeiten. Die Gram SE Spectrum disqualifiziert sich damit als Eingabegerät, während zugleich massive Zweifel an der Ernsthaftigkeit von Produktverbesserungen und „Vorserienfehlern“ zurückbleiben.

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