Nintendo Classic Mini im Test: Zurück in die Vergangenheit

Jan-Frederik Timm 171 Kommentare
Nintendo Classic Mini im Test: Zurück in die Vergangenheit

Nostalgie pur

Ein geschrumpftes Nintendo Entertainment System (NES) mit 30 vorinstallierten Spieleklassikern für 70 Euro? Zur Ankündigung der Spielekonsole Nintendo Classic Mini im Juli 2016 war die Euphorie riesig, das für Vorbesteller verfügbare Kontingent schnell vergriffen. Erstauslieferungen der Retro-Konsole wurden zuletzt für 180 Euro und mehr bei eBay gehandelt.

Der Nintendo Classic Mini im Test

Seit gestern ist die kleine Konsole auf Smartphone-Technik erhältlich. ComputerBase hat Platz genommen und ist an Fernsehern mit Full HD und UHD bis zu 36 Jahre in die Vergangenheit gereist

Das sind die 30 installierten Spiele
Balloon Fight Galaga Pac-Man
Bubble Bobble Ghots'n Goblins Punch-Out!! Featuring Mr. Dream
Castlevania Gradius StarTropics
Castlevania II: Simon’s Quest Ice Climber Super C
Donkey Kong Kid Icarus Super Mario Bros.
Donkey Kong Jr. Kirby’s Adventure Super Mario Bros. 2
Double Dragon II: The Revenge Mario Bros. Super Mario Bros. 3
Dr. Mario Mega Man 2 Tecmo Bowl
Excitebike Metroid The Legend of Zelda
Final Fantasy Ninja Gaiden Zelda II: The Adventure of Link

Mini-Konsole, kurzes Kabel

Der Nintendo Classic Mini ist winzig: 13,0 × 10,0 × 4,3 cm misst das Gehäuse ohne Knöpfe und Füße. Die Proportionen stimmen inklusive der beiden Knöpfe für Power und Reset mit dem Original überein. Auch die Klappe zum Einlegen der Cartridge gibt es, sie ist aber nur eine Attrappe. Das Gewicht der kleinen Box liegt mit 174 Gramm unter dem des iPhone 7 Plus (188 Gramm). HDMI- und Stromkabel wiegen zusammen mit dem Controller mehr (210 Gramm).

Auch der Controller gleicht dem Original, in diesem Fall sogar in der Größe. Der neue kommt allerdings aus China und nicht mehr aus Japan. Und es gibt einen weiteren entscheidenden Unterschied.

Das Kabel ist geschrumpft

Wie von ComputerBase im September vorab berichtet, ist das Kabel am Controller mit 75 Zentimetern sehr kurz. Das Original war über zwei Meter lang. Die neue Länge ist damit noch weniger zeitgemäß, wenn die Konsole „wie früher“ nah beim Fernseher aufgestellt werden soll. Fernseher sind heute größer, der Sitzabstand ist es auch. Abhilfe schaffen hier längere HDMI- und Stromkabel, die im Karton sind 150 respektive 145 Zentimeter lang. Alternativ haben Drittanbieter bereits Verlängerungen und auch drahtlose Controller für die neue Konsole angekündigt, beispielsweise den Miniboss von Nyko für 20 US-Dollar. Der alte Original-NES-Controller kann am neuen Mini nicht genutzt werden.

Strom kommt über USB

Die Energie erhält der Nintendo Classic Mini über USB. An der Rückseite findet sich neben dem HDMI- dafür ein Micro-USB-Port. Ein Netzteil liegt ab Werk aber nicht bei. Im Handbuch rät Nintendo zu einem USB-Netzteil mit 5 Volt und 1 Ampere (5 Watt), implizit geht Nintendo aber wohl davon aus, dass viele Käufer die Konsole am USB-Port des Fernsehers anschließen.

Im Test war das auch an USB-Ports, die nur mit 5 Volt und 0,5 Ampere klassifiziert sind, problemlos möglich. Die Messergebnisse bestätigen einen Verbrauch von nur 1,7 bis 2,2 Watt im Betrieb. Die Leistung sollten viele USB-Anschlüsse bereitstellen können. Das Original hat neun Watt benötigt.

Vier Kerne und 256 MB RAM

Im Gehäuse sitzt nur eine Platine, die einen Vier-Kern-SoC auf ARM-Cortex-A7-Basis und 256 MiB RAM beherbergt – 131.072 Mal so viel wie beim Original mit 2 KiB. Die Spiele und das nicht näher bekannte Betriebssystem finden auf 512 MiB Flash-Speicher Platz.

Jederzeit speichern

Der Nintendo Classic Mini erlaubt es Spielern, den Spielverlauf in jedem Spiel jederzeit zu speichern. Das geschieht automatisch, wenn das aktuelle Spiel über die Reset-Taste verlassen wird. Der in diesem Moment gespeicherte Spielstand kann vom Spieler im Hauptmenü dann in einem von vier Speicherplätzen für dieses Spiel abgelegt werden – muss es aber auch nicht. Beim nächsten Start kann der Spieler das Spiel dann nicht direkt sondern über diesen Speicherstand aufrufen, der über die Cursor-Unten-Taste aufrufbar ist. Bereits belegte Speicherstände können durch längeres Betätigen der Taste A auch jederzeit überschrieben oder in den Papierkorb verschoben werden.

Speichern auch im Standby

Nach einer Stunde ohne Eingabe wechselt die Konsole in den Standby-Modus. Sollte zu diesem Zeitpunkt ein Spiel laufen, wird automatisch ein Speicherpunkt gesetzt. Nach dem Neustart findet sich der Spieler im Hauptmenü wieder und kann diesen Speicherstand dann dauerhaft abspeichern oder verwerfen. Der Standby-Modus lässt sich in den Einstellungen auch deaktivieren. Dasselbe gilt für den Demomodus, der startet, wenn im Hauptmenü keine Interaktion erfolgt.

Drei Anzeigenmodi

Über das Hauptmenü lassen sich drei verschiedene Anzeigenmodi für die Darstellung von Spielen auswählen: 4:3 (Standard), Pixel Perfect und CRT-Filter. Auf das Menü selbst haben sie keine Auswirkung.

Spiele hingegen werden bei Auswahl des CRT-Filters im Format 4:3 mit einem Filter überdeckt, der die Darstellungen auf aktuellen Flachbildfernsehern der auf Röhrenfernsehern der 80er-Jahre angleichen soll. Die Auswahl 4:3 präsentiert wiederum denselben Ausschnitt ohne Farbverfälschungen und horizontale Streifen, aber im von Fernsehern der damaligen Zeit bekannten Format.

Ein Modus für das perfekte Pixel

Pixel Perfect wiederum stellt jedem gerenderten Pixel ein Bildschirmpixel gegenüber. Der angezeigte Bildschirmausschnitt wird hier horizontal gestaucht, denn der NES renderte nicht im 4:3-Format sondern mit 256 × 240. Dafür wird die Darstellung gestochen scharf. Das Video zeigt die drei Modi im Vergleich.

Im Spielealltag erweist sich die Standardeinstellung 4:3 trotz der Unschärfe durch den gezerrten Bildschirmausschnitt als die eingängigste weil auch bekannteste. Pixel Perfect ist gefühlt zu eng bemessen, wenn auch scharf, der CRT-Filter hingegen schnell eine optische Zumutung.

Grafikfehler wie vor zwei Jahrzehnten

Konsole an und losgespielt. Aber dann: Grafikfehler! Gab es die immer schon? Besonders auffällig sind sie in Super Mario Brothers 3. Es kommt zu Fehlfarben am rechten Bildschirmrand, an dem sich die Welt aufbaut. Doch der Mitschnitt des Bildsignals von der Originalkonsole (ab 0:20) zeigt: die gab es schon immer.

Antike Fehler gehören dazu

Möglich, dass das in Vergessenheit geraten ist. Möglich, dass man in den 80ern noch nicht so darauf geachtet hat. Möglich, dass es auf flimmernden Röhrenfernsehern einfach nicht aufgefallen ist. Egal: Die Erkenntnis, dass es nicht die Schuld der Emulation auf dem Nintendo Classic Mini sondern eine antike Eigenschaft der Spiele ist, nimmt den Fehlern ihre Brisanz.

In Kirby's Adventure zeigte sich allerdings immer wieder ein anderes Problem: Das Spiel ruckelte leicht. In Ermangelung einer Cartridge des Originals konnte hier kein Abgleich erfolgen und das Problem nicht abschließend der Neuauflage zugeschoben werden.

2016 ist nicht 198x

Die Musik im Menü, die Musik der Spiele, die Charaktere, die Grafik, der Controller mit seinen nur zwei Knöpfen – der Umgang mit dem Nintendo Classic Mini weckt Erinnerungen. Und jedem, der in seiner Jugend mit den Klassikern von Nintendo in Kontakt gekommen war, zeichnet sich deshalb augenblicklich ein Lächeln ins Gesicht.

Der Aspekt Erinnerung ist aber wichtig, denn 2016 sind nicht die 80er. Die (fehlerbehaftete) Grafik der Spiele ist natürlich altbacken, der Sound in heutigen Maßstäben schwach, die Spielmechanik oft Level für Level für Level dieselbe. Selbst über Spiele hinweg. Klassiker der Spielegeschichte bleiben Klassiker der Spielegeschichte, die Faszination wie vor 35 Jahren – damals alternativlos gut – versprühen die 30 Spiele aber nicht mehr. Wer keine Erinnerungen an den NES hat, sollte auch die Investition von 70 Euro gut überdenken.

Fazit

Das Nintendo Entertainment System von 1983 ist zurück. Mit 30 vorinstallierten Spielen ohne Aussicht auf Nachschub auf demselben Gerät zwar nur eingeschränkt, dafür dank HDMI-Anschluss ohne Adapter und in 720p an modernen Fernsehern einsetzbar.

Zaubert ein Lächeln ins Gesicht

Anschließen. Anschalten. Und da ist es wieder: Diese Musik, die Charaktere, die Farben. Wer Erinnerungen an die Zeit des NES hegt, dem zeichnet die kleine Neuauflage ein Lächeln ins Gesicht. Die Anlehnungen an die Moderne stehen dem Nintendo Classic Mini dabei gut.

Das neue, bildschirmfüllende Menü in 720p sieht auf Full-HD- und Ultra-HD-Fernsehern im Test gestochen scharf aus. Dieselbe Schärfe, wenn auch im engen Bildausschnitt, erhalten Spieler im Anzeigenmodus Pixel Perfect. Besser spielen lässt es sich trotzdem im klassischen 4:3.

Mit Vier-Wege-Cursor und zwei Knöpfen in die Vergangenheit
Mit Vier-Wege-Cursor und zwei Knöpfen in die Vergangenheit

Der eine wird die Möglichkeit, überall speichern zu können, verteufeln, für das kurze Spiel zwischendurch ist sie ein Segen. Und genau das dürfte der Einsatzzweck für die bis zu 36 Jahre alten Titel in vielen Haushalten heutzutage sein: Der kurze Ausflug in die Vergangenheit, nicht die abendfüllende Reise in Super Mario.

Warum so kurze Kabel?

Absolut unverständlich bleibt Nintendos Entscheidung, die Kabel derart kurz zu bemessen. So müssen Spieler bei Bedarf über alternative Controller-Kabel oder längere HDMI- und Stromkabel nachhelfen.

Der Nintendo Classic Mini ist insgesamt trotzdem ein rundes Produkt. Wer am lebenden Objekt in Erinnerungen an Nintendos Anfangsjahre schwelgen möchte und keine andere Konsole mit Nintendo Virtual Console besitzt, kann zum Preis von 70 Euro bedenkenlos zugreifen. Ein weiterer Controller kostet 10 Euro.

Dieser Artikel war interessant, hilfreich oder beides? Die Redaktion freut sich über jede Unterstützung in Form deaktivierter Werbeblocker oder eines Abonnements von ComputerBase Pro. Mehr zum Thema Anzeigen auf ComputerBase.