Huawei P20 Pro im Test: Mit der besten Smartphone-Kamera zum König der Nacht 2/5

Mahir Kulalic 174 Kommentare

Triple-Kamera im Detail und im Vergleich

Trotz der überarbeiteten Optik und Formsprache liegt der Schwerpunkt des P20 Pro auf der Kamera, respektive derer drei. Huawei schürte die Erwartungshaltung im Zuge der Vorstellung sehr. Der Hersteller verspricht nicht weniger als „das beste Smartphone-Kamerasystem auf dem Markt“ und setzt daher mit ganzer Kraft auf die Technik im P20 Pro.

Auf der Rückseite bringt Huawei eine Triple-Kamera unter, die erneut in Zusammenarbeit mit Leica entstanden ist. Wie von den letzten Modellen der P- und Mate-Reihe bekannt, setzt der Hersteller auch im neuen Spitzenmodell auf je eine Kamera mit und ohne Bayer-Matrix, sodass ein Farb- und ein Monochromsensor zusammenarbeiten, wodurch Bilder vor allem schärfer werden sollen. Die neue dritte Kamera ist als Teleobjektiv ausgeführt und soll in Zusammenarbeit mit den anderen Sensoren eine bis zu fünffache Vergrößerung mit geringem Qualitätsverlust ermöglichen.

Huawei P20 Pro
Huawei P20 Pro

Die Hardware im Detail

Der primäre Teil der Triple-Kamera ist der Farbsensor. Dieser bietet eine Offenblende von f/1.8 und eine Auflösung von 40 Megapixel. Mit einer Größe von 1/1,7" ist der Sensor zudem für heutige Smartphone-Verhältnisse sehr groß, was bei der hohen Auflösung aber auch nötig ist. Zum Vergleich: Der Sensor der Hauptkamera des Samsung Galaxy S9+ ist bei 12-Megapixel-Auflösung 1/2,55" groß, der des Google Pixel 2 (XL) bei 12,2 Megapixel mit 1/2,6" ähnlich groß.

Als ab Werk empfohlene Auflösung nutzt das Smartphone aber nicht die vollen 40 Megapixel des Sensors, sondern greift auf „Pixel Binning“ zurück, um vier Pixel zu einem zusammenzurechnen. Dafür nutzt der Sensor eine Quad-Bayer-Matrix, die die farbigen Pixel in vier gleichmäßige Einheiten aufteilt, aus denen dann die jeweiligen Farben extrahiert und zusammengelegt werden.

Pixel Binning von 40 auf 10 Megapixel
Pixel Binning von 40 auf 10 Megapixel

Die Auflösung der Fotos entspricht dann circa 10 Megapixel. Als Resultat verspricht Huawei Pixel mit einer Fläche von 4 Quadratmikrometer, die größer sein sollen als bei der Konkurrenz, bei der die Pixel oft zwischen 1,2 und 1,5 µm (Kantenlänge) groß sind. Durch die größeren Pixel in Kombination mit dem großen Sensor kann insbesondere mehr Licht eingefangen werden, was bei Nachtaufnahmen vorteilhaft ist. Die weiteren technischen Daten der Kamera im Vergleich zur Konkurrenz sind in der nachfolgenden Tabelle aufgeschlüsselt und gegenübergestellt.

Technische Daten der Kameras
Huawei P20 Pro Samsung Galaxy S9+ Google Pixel 2 (XL) Apple iPhone X
Hauptkamera 40 Megapixel
Quad-Bayer-Matrix
1/1,7“-Sensor
Offenblende f/1.8
12 Megapixel
1/2,55“-Sensor
Variable Offenblende f/1.5 oder f/2.4
Optischer Bildstabilisator
12,2 Megapixel
1/2,6“-Sensor
Offenblende f/1.8
Optischer Bildstabilisator
12 Megapixel
Offenblende f/1.8
Optischer Bildstabilisator
Sekundärkamera 20 Megapixel (Monochrom)
Offenblende f/1.6
12 Megapixel
1/3,6“-Sensor
Teleobjektiv
Offenblende f/2.4
Optischer Bildstabilisator
12 Megapixel
Teleobjektiv
Offenblende f/2.4
Optischer Bildstabilisator
Tertiärkamera 8 Megapixel
Teleobjektiv
Offenblende f/2.4
Optischer Bildstabilisator
Weiteres Dual-LED
Autofokus: Laser, Phasen-, Kontrast- und Tiefenerkennung
Farbtemperatursensor
LED
Dual-Pixel-Sensor
Multi-Frame-Rauschunterdrückung
Dual-LED
Dual-Pixel-Sensor
Pixel Visual Core
Autofokus: Laser, Phasenerkennung
Quad-LED
Autofokus: Phasenerkennung

AI soll es richten

Doch nicht nur mit der Technik möchte Huawei punkten. Mehr denn je wirbt der Hersteller mit dem Begriff AI, insbesondere im Zusammenhang mit der Kamera. Im HiSilicon Kirin 970 des P20 Pro steckt eine „Neural Processing Unit“ (NPU), die bereits im damit ausgerüsteten Mate 10 Pro bessere Fotos liefern sollte. Die Software dafür war zum damaligen Testzeitpunkt aber nicht so weit fortgeschritten wie beim neuen Flaggschiff. In 19 Kategorien eingeteilt, soll das Smartphone über 500 Motive und Szenen erkennen und die Parameter automatisch anpassen. Dieser „Master AI“ genannte Modus ist ab Werk aktiv und soll vor allem Nutzern zugutekommen, die sich nicht mit manuellen Einstellungen beschäftigen wollen. Der Modus setzt aber nicht nur auf Bildeinstellungen, sondern aktiviert bei Personen auch den Porträtmodus, wenn diese aus der Nähe fotografiert und vom Hintergrund abgesetzt werden sollen. Hier nutzt Huawei künstliche Tiefenunschärfe (Bokeh). Hinzu kommt, wie von den Dual-Kameras des Herstellers gewohnt, ein Modus für „große Blende“, der eine Blendenöffnung von f/0.95 bis f/16 simuliert und eine manuelle Bokeh-Anpassung während und nach der Aufnahme ermöglicht.

HDR weiterhin nur manuell

Die Kamera-App hat Huawei im Vergleich zu den vorherigen Modellen überarbeitet und andere Modi weg von einzelnen Schaltern in eine scrollbare Leiste am unteren Rand verschoben. Dort enthalten sind die Automatikmodi „Foto“ und „Video“ sowie die Modi „Pro“, „Nacht“, „Porträt“ und „Blende“. Je nach Ausrichtung rechts respektive oben befindet sich der Reiter „Mehr“, der Zugriff auf alle anderen Modi wie „QR-Code-Scanner“, „Panorama“, „Monochrom“ oder auch „HDR“ bietet. Denn: Automatisches High Dynamic Range gibt es bei Huawei weiterhin nicht.

Vergleichsgeräte und Software

In den Bildergalerien sind neben Fotos des P20 Pro auch dazugehörige Vergleichsbilder des Vorgängers P10 sowie der Modelle Google Pixel 2 XL und Samsung Galaxy S9+ zu finden, die beide für ihre starken Kameras bekannt sind. Den Nachtaufnahmen liegen zudem Vergleichsbilder der Sony Alpha 7R II mit 50-Millimeter-Objektiv bei.

Bereits bei der Ausgabe der Testgeräte kündigte Huawei ein Update für das P20 Pro an, das die Kamera verbessern sollte. Dieses ließ zu Beginn auf sich warten, sodass bereits Vergleichsfotos vor der Aktualisierung aufgenommen wurden. Weitere stehen nach dem Update ebenfalls bereit. Aufgrund der veränderten Bedingungen lässt sich kein direkter Vergleich ziehen, grundsätzlich gibt es aber wenig Indizien für pauschale Verbesserungen. Möglich sind Optimierungen an der KI, den Algorithmen oder der Kamera-App selbst. Um trotzdem Aufnahmen vor und nach dem Update kenntlich zu machen, sind die Fotos inklusive aller Vergleichsbilder in allen eingebetteten Galerien für den jeweiligen Software-Stand mit Pre- und Post-Update gekennzeichnet.

Qualität bei Tageslicht

Bei Tageslicht überzeugen die Bilder des Huawei P20 Pro vor allem mit Schärfe bis zum Rand und einer ausgewogenen Farbdarstellung, die weder zu blass noch zu kühl ausfällt. Auch die Dynamik der Fotos gefällt bereits ohne HDR – die Bilder wirken lebendig, die Kontraste passen, denn das P20 Pro gestaltet die aufgehellten Bereiche wie auch die Farben allgemein ausgewogen und nicht zu hell. So geht das Modell einen guten Mittelweg, auch bei stärkerem Gegenlicht. In puncto Details überzeugt das Smartphone, die Bilder sind auch in der 100-Prozent-Ansicht im Automatikmodus mit 10 Megapixel mit vielen Feinheiten versehen. Das Rauschverhalten des P20 Pro ist sehr gut, das „Pixel Binning“ funktioniert wie versprochen. Im Allgemeinen wirken die Aufnahmen ausbalanciert, auffällige große Schwachstellen sind bei Tageslicht nicht auszumachen. Vor allem die gleichmäßig verteilte Schärfe, das Rauschverhalten und der Weißabgleich plus Farbwiedergabe gefallen und gehören zum Besten, was Top-Smartphones leisten. Die Bilder wirken farbenfroh, lebendig und dynamisch, aber nicht unnatürlich oder zu stark nachbearbeitet – mit einer Ausnahme: Fotos mit Personen sind zum Teil im Gesichtsbereich zu stark weichgezeichnet, sodass an dieser Stelle Details verloren gehen.

P20 Pro, P10, Galaxy S9+ und Pixel 2 XL bei Tag

Schärfer als die Konkurrenz mit weniger feinem Detail

Im Vergleich zum Huawei P10, Samsung Galaxy S9+ und Google Pixel 2 XL ist es am Tag aber oft ein Dreikampf zwischen den beiden letztgenannten Modellen und Huaweis neuem Topmodell. Das P10 überzeugt im Alltag durch Schärfe und Farbdarstellung, fällt bei Details und Dynamik aber zurück. Im Randbereich setzt sich das P20 Pro oft gegen die Konkurrenten von Samsung und Google durch, die Bilder sind insgesamt schärfer. Dafür können die beiden Konkurrenten das P20 Pro in Sachen Details zum Teil in die Schranken weisen: Insbesondere bei sehr feinen Details wie den Übergängen an Pflastersteinen, Dächern, Fugen und Fassaden neigt das P20 Pro gelegentlich zum Verschlucken oder Verblassen. Das S9+ und öfter noch das Pixel 2 XL schaffen es, solche Details beizubehalten. Auffällig ist dies aber eher bei weiter entfernten Gebäuden oder feineren Elementen, sodass die Unterschiede erst in der 100-Prozent-Ansicht wirklich auffallen. Grund dafür könnte eine zu starke Nachschärfung oder Rauschunterdrückung sein. Zudem sind die Vergleichsfotos alle im 10-Megapixel-Modus entstanden. Wird die Auflösung auf native 40 Megapixel gestellt, fängt das P20 Pro mehr Details ein, verliert aber andere Qualitäten – doch dazu später mehr.

Ausgewogenes Bild mit viel Dynamik

Farben sind beim P20 Pro grundsätzlich ausgewogen, die Darstellung platziert sich zwischen den satten Farben des Galaxy S9+ und den kühleren Ergebnissen des Pixel 2 XL. Bei Huawei gelingen sowohl Farbdarstellung als auch Dynamik in einer guten Balance, ohne dass eines der beiden Kriterien zu weit ausschlägt. Der Dynamikumfang des S9+ landet bei dem Großteil der Aufnahmen auf dem letzten Platz, da die Farben blasser und die Bilder kontrastärmer wirken. Auf den ersten Blick ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern sich Google und Huawei. Nicht auf jedem Foto gibt es einen klaren Sieger, zumal viele Fragen zur Dynamik und Stimmung subjektiver Natur sind. Subjektiv ist insgesamt aber das Pixel 2 XL bei vielen Fotos einen Tick dynamischer, der überzeugende HDR+-Algorithmus ist aber durchaus erreichbar, wie das P20 Pro beweist. Denn das Modell schafft es etwa beim Motiv des Baums im Gegenlicht (Bild 5 und 52 in der Galerie), die vorderen Bereiche aufzuhellen und passend den Kontrast beizubehalten, sodass mehr Farben und Details erhalten bleiben und das Bild lebendiger wirkt.

Einen klaren Sieger gibt es daher bei Tageslicht nicht, vor allem die unterschiedlichen Farbtemperaturen sind auch eine Geschmacksfrage. Welches Smartphone das beste Bild liefert, hängt auch vom Motiv und der Lichtsituation ab.

Optional mit 40 Megapixel

Alternativ nimmt das Smartphone Fotos mit vollen 40 Megapixel auf. Diese sind durch die höhere Auflösung detailreicher, was vor allem bei Vergrößerungen auffällt. Im Vergleich zu den 10-Megapixel-Pendants fehlt es den Fotos an Dynamik und Kontrast. Zudem wirken die Fotos in der kleineren Auflösungen schärfer. Durch das „Pixel Binning“ will Huawei zudem durch größere Pixel profitieren, die vor allem bei schlechtem Licht aushelfen sollen. In der vollen Auflösung fängt das Smartphone weniger Licht ein und die Bilder wirken etwas weniger lebendig. Daher eignet sich die volle Auflösung für detailreiche Aufnahmen primär am Tag.

Master AI in Aktion

AI wird beim P20 Pro ganz großgeschrieben und den meisten Nutzen davon soll die Kamera ziehen. Ein Teil dieses Unterfangens ist das ab Werk aktivierte Helferlein „Master AI“, das Szenen aus insgesamt 19 Kategorien wie „Blumen“, „Porträt“, „Hund“, „Blauer Himmel“, „Grün“, „Sonnenaufgang/-untergang“ oder natürlich „Essen“ erkennen soll. Entsprechend der jeweiligen Szene passt das Smartphone automatisch verschiedene Parameter an, um bessere Ergebnisse zu erzielen – so zumindest in der Theorie. In der Praxis zeigt sich, dass in vielen Fällen vor allem Farben und Kontraste übersättigt werden und die Fotos künstlich und unnatürlich wirken.

Huawei P20 Pro – Master AI

Im Direktvergleich desselben Motivs fällt dies besonders auf. Es wirkt wie ein Filter, der die Farben viel zu sehr verstärkt und das Bild auch mit einer Vignettierung versieht. Die Erkennung funktioniert schnell und in der Regel zuverlässig, ist vereinzelt aber auch widerspenstig. Der ausgewählte Modus, sofern ein entsprechendes Motiv vorliegt, wird in der Kamera-App über dem Auslöser eingeblendet und kann per „ד geschlossen werden – oft aktiviert sich die AI dann wieder automatisch, in anderen Fällen hält sich die künstliche Intelligenz wie gewünscht zurück. Dass die AI zudem noch nicht komplett ausgereift ist, zeigt die Erkennung eines lockigen Hinterkopfes als „Hund“ sowie eines Tisches in einer dunklen Bar als „Sonnenaufgang/-untergang“.

Zoom- und Pro-Modus

Die dritte Kamera des P20 Pro nutzt Huawei für den Zoom. Das Teleobjektiv ermöglicht laut Hersteller einen dreifachen optischen und fünffachen hybriden Zoom. Der Qualitätsverlust bei letztgenanntem soll sich dabei im Rahmen halten und gleichzeitig Objekte noch näher heranbringen. Die wichtigsten Bedingungen für einen zufriedenstellenden Zoom sind genug Licht und eine ruhige Hand. Ist beides gegeben, überzeugt vor allem der Dreifach-Zoom. Für diesen arbeiten das Teleobjektiv und der Hauptsensor zusammen. Die Ergebnisse bei Tageslicht sind überzeugend: Das Bild ist scharf und kontrastreich, die Farben wirken natürlich und ausgewogen. Auch Details sind weiterhin genug vorhanden, selbst in der 100-Prozent-Ansicht einer Zoom-Aufnahme bleiben diese Merkmale erhalten. Die Stärken des Automatikmodus überträgt das P20 Pro gelungen und überzeugend. Das gezoomte Foto des Gasometers (Bild 3 in der Galerie zum Zoom) zeigt bei Schärfe, Kontrast und Details zudem ein besseres Ergebnis, als ein Ausschnitt einer klassischen Aufnahme im Automatikmodus ermöglicht.

Huawei P20 Pro und Samsung Galaxy S9+ im Zoom-Vergleich

Auch der hybride Fünffach-Zoom produziert bei Tageslicht klare und scharfe Bilder, wenngleich Schärfe und Details nicht ganz mit der dreifachen Vergrößerung mithalten können. Vor allem der Dreifach-Zoom ist eines der positiven Merkmale der Kamera, da er weniger Kompromisse eingeht als die fünffache Vergrößerung – doch bei geeigneten Bedingungen überzeugt diese ebenfalls.

Auch das Galaxy S9+ setzt bei seiner zweiten Kamera auf ein Teleobjektiv, die Vergrößerung ist zweifach und daher etwas kleiner als die optische Vergrößerung des P20 Pro. Im Direktvergleich überzeugt das Samsung-Modell aber durch mehr Schärfe und noch bessere Kontraste. Das Objekt ist nicht so nahe wie beim Huawei, dafür wirkt das Bild insgesamt feiner und runder als beim letztgenannten Herstellermodell. In den meisten Situationen geht das S9+ beim Zoom mit einem Vorteil bei der Bildqualität als Sieger hervor. Durch den stärkeren Grad der Vergrößerung agiert das P20 Pro aber mit trotzdem hoher Qualität situativ besser, sofern die Objekte weit genug entfernt sind.

Das P20 Pro ist sehr flexibel

Neben dem Zoom ist auch der Pro-Modus ein weiteres Merkmal, das die Flexibilität der Kamera unterstreicht. Der Pro-Modus erlaubt Aufnahmen mit optionaler AI und die manuelle Anpassung der Parameter. Zudem können nicht nur JPEG-, sondern auch RAW-Aufnahmen in 10 oder 40 Megapixel angefertigt werden. Dadurch ermöglicht das P20 Pro versierten Nutzer eine bessere Kontrolle über das Bild, während im Automatikmodus bereits in wenigen Augenblicken sehr gute Fotos entstehen.

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