Vívomove HR im Test: Garmins hybride Smartwatch zieht an der Steel HR vorbei

Jan Lehmann 81 Kommentare
Vívomove HR im Test: Garmins hybride Smartwatch zieht an der Steel HR vorbei

tl;dr: Hybride Smartwatches, die analoge Ziffernblätter, smarte Funktionen und ein kleines Display bieten, sind spätestens seit der Withings/Nokia Steel HR auch in einem attraktiven Gesamtpaket zu bekommen. Garmin übernimmt das Konzept mit der Vívomove HR und kann das Vorbild sogar übertreffen – nur nicht bei der Akkulaufzeit.

Garmin Vívomove HR

Neben den mit umfangreichen Sportfunktionen ausgestatteten aber relativ klobigen Garmin-Smartwatches beschreitet der Hersteller mit der Vívomove HR neues Terrain. Eine auf den ersten Blick analoge Uhr, die unter anderem einen Herzfrequenzsensor und ein kleines Info-Display bietet, ist dabei Mitte 2018 keinesfalls mehr ein Novum. Parallelen zu anderen Ablegern sind schnell gezogen – vornan die Withings/Nokia Steel HR (Test), die das Konzept als eine der ersten Uhren dem breiten Markt eröffnete und mit nahezu identischen Parametern der Vívomove HR gegenübersteht.

Nach dem Verkauf von Withings an Nokia und quasi wieder zurück ist die Steel HR mittlerweile allerdings für 129 Euro im Handel verfügbar und damit deutlich günstiger als die Garmin Vivomove mit einem Straßenpreis nahe der UVP von 199 Euro für die Sport- und 299 Euro für die Premium-Version.

Smartwatch im Detail

Das Äußere der Garmin Vívomove HR ist als absolut tadellos zu bezeichnen. Sowohl die Sport- als auch die Premiumversion, die sich lediglich hinsichtlich des Gehäuses (Sport: verstärktes Polymer; Premium: Edelstahl) und des Armbands (Sport: Silikon; Premium: Leder) unterscheiden, sind überaus hochwertig verarbeitet. Beide Gehäusearten im Kaliber 43 Millimeter wirken sehr robust, massiv und bis auf den am Boden montierten Herzfrequenzsensor wie aus einem Stück gefertigt. Die Steel HR gibt es mit 36 und 40 mm.

Das gleiche Bild zeigt sich bei den Armbändern und den Ziffernblättern. Die Armbänder beider Versionen lassen sich angenehm tragen, sind wechselbar und ausreichend lang. Erfreuliche Aspekte, die zusammen mit einem nicht zu wuchtigen Auftreten und einer Gehäusehöhe von 11,6 Millimeter (Steel HR 13,0 mm) einen unerwartet guten Tragekomfort bieten. Die Wasserdichtigkeit wird seitens Garmin mit 5 ATM angegeben, was laut Norm das Tragen beispielsweise beim Duschen erlaubt. Garmin selbst weicht hier jedoch merkwürdigerweise ab und spricht dem 5-ATM-Standard die Eignung zum Schwimmen, Tauchen und Schnorcheln zu.

Beim Design verfolgt die Vívomove HR andere Wege als den Max-Bill-Stil der Withings/Nokia Steel HR, die auf Minimalismus und ein gewölbtes Glas setzt. Die Vívomove HR reiht sich mit einer matten Oberfläche, einem schwarzen Ziffernblatt, kleinen Indizes und Numeralien der geraden Stunden eher in den Designbereich einer Standarduhr ein – was aber auch zu gefallen weiß.

Verstecktes Info-Display

Beim Info-Display hat die Garmin Vívomove HR ihrem direkten Nebenbuhler gleich mehrere Punkte voraus. Am auffälligsten ist die Optik. Bei der Steel HR ist das kleine Display in das Ziffernblatt eingefasst, wohingegen es bei der Vívomove HR nahezu nahtlos im Ziffernblatt integriert ist. Im ausgeschalteten Zustand lässt es sich nicht als Display erkennen, was das Armbanduhrendesign nochmals unterstreicht.

Auch die Funktionsweise unterscheidet sich zum Positiven. Das kleine Display der Vívomove HR reagiert auf Touch-Eingaben. Mittels Drück- und Wischgesten kann zwischen den Menüpunkten gewechselt werden. Um das Sichtfeld nicht zu behindern, wechseln die Zeiger bei Aktivierung des Displays in eine 10-2-Stellung (10:10 Uhr). Die Display-Auflösung von 64 × 128 Pixeln ist mehr als ausreichend. Zwar sind pixelige Kanten von Nahem zu erkennen, doch sind diese angesichts der Größe (9,6 × 19,2 mm) des Bildschirms und des eigentlichen Blickabstands zu vernachlässigen. Einzig die Lesbarkeit im direkten Sonnenlicht macht dem ansonsten hervorragenden Display einen Strich durch die Gesamtwertung. Im direkten Sonnenlicht ist das Display nur mit Mühe zu erkennen, sodass eine höhere Helligkeit von Vorteil wäre.

Garmin Vívomove HR Withings Steel HR
Form: rund
Kompatibilität: iOS, Android ab Version
Uhrenglas: gehärtetes Mineralglas
Bedienung: via App
Touch
via App
Knopf
Display: ja
Anbindung: Bluetooth 4.0 LE
Sensoren: Beschleunigungsmesser
Bewegungssensor
Herzfrequenzsensor
Barometer
Beschleunigungsmesser
Bewegungssensor
Herzfrequenzsensor
Energieversorgung: Akku
Abmessung: 43 × 11,6 Millimeter 36,3 × 13 Millimeter (36 mm)
39,5 × 13 Millimeter (40 mm)
Gewicht: 40,8 Gramm (Sport)
56,5 Gramm (Premium)
39 Gramm (36 mm)
49 Gramm (40 mm)
Schutz: wasserdicht 5 ATM
Armband: wechselbar
20 mm
wechselbar
18 mm (36er Version), 20 mm (40er Version)

Umfangreiche Anzeige mit vielen Funktionen

Vívomove HR: nahtlos eingefasstes Display
Vívomove HR: nahtlos eingefasstes Display

Abgesehen vom barometrischen Höhenmesser bietet die Vívomove HR mit Herzfrequenz- und Beschleunigungsmesser den gängigen Standard. Die zur Hand gegebenen Sensoren nutzt die Uhr jedoch umfangreich. Dem Träger stehen auf dem Info-Display insgesamt elf mögliche Widgets zur Verfügung. Neben den herkömmlichen Parametern „Schritte“, „Kalorien“ und „Herzfrequenz“ gibt die Vívomove HR außerdem Auskunft über den Stresslevel und die überwundenen Etagen, was sogar in Auf- und Abwärts untergliedert wird.

Auch bei der Benachrichtigungsanzeige setzt sich die Vívomove HR vor die Withings/Nokia Steel HR, die hier lediglich auf eine eingehende Benachrichtigung verweist und den Absendernamen ausgibt. Das kleine Display der Garmin zeigt in zwei Zeilen mit jeweils zwölf Zeichen die Anfangsworte jeder Benachrichtigung. Zur Aktivierung des Displays genügt es, neben einer doppelten Touch-Geste das Handgelenk zu heben. Ein manuelles Aktivieren wie bei der Steel HR ist nicht vonnöten. Zudem kann das Display kleine Animationen, wie beispielsweise ein Feuerwerk bei Erreichen eines Tagesziels, ausgeben.

Mächtige App und tadellose Sensoren

Die App Garmin Connect kann sowohl übersichtlich als auch überaus umfangreich sein. Der Hauptbildschirm kann für die einfache Übersicht auf die wichtigsten Parameter in Tabellenform reduziert werden. Eine erweiterte Übersicht gibt indes genauere Auskunft über die Vitalpunkte, wobei in beiden Modi stets der entsprechende Parameter für eine detaillierte Tages-, Wochen- oder Monatsauskunft ausgewählt werden kann.

Neben der Hauptübersicht bietet die App einen Challenges-Modus, bei dem sich der Nutzer mit anderen Anwendern verbinden und Herausforderungen oder Wettkämpfe austragen kann. Die Kalenderfunktion zeigt gut gelöst eine grobe Trainingshistorie an. Mittels kleiner Balken an den Tagen kann hier auf einen Blick erfasst werden, an welchen Tagen die Vitalziele erfüllt oder vernachlässigt wurden.

In Summe hinterlässt die App einen sehr guten Eindruck. Die Verbindung zwischen Uhr und Smartphone erfolgte zu jeder Zeit ohne Probleme und auch die Ersteinrichtung war einfach gehalten. Wenn auch beschränkt, kann die Uhr zudem ohne Smartphone für sportliche Übungen genutzt werden. Der interne Speicher der Uhr speichert insgesamt sieben Aktivitäten mitsamt Zeitangaben sowie die herkömmlichen Aktivitätsdaten von 14 Tagen, ehe sie mit dem Smartphone synchronisiert werden müssen.

Sensoren: Nahezu eine Punktlandung

Hinsichtlich der Sensorik schlägt sich die Garmin Vívomove HR sehr gut und reiht sich mit nur unwesentlich kleinen Schnitzern minimal unterhalb der Referenzwerte ein. Von 1.000 gezählten Schritten ermittelt die Vívomove HR einen Wert von 1.003. Ungeachtet der drei zu viel gemessenen Schritte, die womöglich auf ein zu starkes Mitschwingen des Arms zurückzuführen waren, ist das ein hervorragendes Ergebnis.

Bei der Herzfrequenzmessung verfehlt die Uhr nur knapp den dreigestaffelten Referenzwert, der mittels Brustgurt Polar H7 ermittelt wurde. Im Szenario der Ruhephase und auch bei der Erholungsphase nach einer sportlichen Aktivität stimmt der ermittelte Wert zu 100 Prozent mit dem des Brustgurts überein. Einzig während einer sportlichen Ertüchtigung kann die Uhr nur knapp dieses Ergebnis halten. Angelehnt an die guten Ergebnisse verwundert es wenig, dass auch die Messung der zurückgelegten Stockwerke sowohl auf- als auch abwärts vollständig erfasst wird. Unprüfbar bleibt die Ermittlung des Stresslevels, der über einen Algorithmus im Zusammenspiel von Puls und Aktivität ermittelt wird.

Laufzeit

Der gestiegene Funktionsumfang gegenüber der Steel HR hat jedoch auch seine Schattenseite: die Akkulaufzeit. Laut Hersteller hält die Vívomove HR bis zu fünf Tage bis zur nächsten Ladung aus, ehe sie sich für maximal zwei Wochen in einen Energiesparmodus, der nur die analoge Uhr umfasst, versetzt. Zwar wurde die reguläre (Smartwatch-)Laufzeit im Test mit einer durchschnittlichen Laufzeit von sechs bis sieben Tagen überschritten, doch unterliegt sie der Ausdauer der Steel HR, die bis zu drei Wochen den vollen Funktionsumfang bietet.

Nicht hübsch, aber funktional

Ein äußerst ungewöhnliches Bild zeigt sich beim Ladesystem der Vívomove HR. Aus dem Smartwatch-Segment kennt man bereits die verschiedensten Arten von Lademechanismen wie beispielsweise über Ladedock oder Ansteckadapter. Die Garmin-Uhr setzt indes auf eine Klammer, die am Glasrand der Vorderseite und mit Kontakten am Uhrenboden befestigt wird. Das ist nicht hübsch gelöst, jedoch hält die Ladeklammer absolut fest, sodass zum Laden der Uhr diese nicht erst akkurat positioniert werden muss. Und der Optik zum Trotz: Ein vollständiger Ladevorgang dauert nur rund eine Stunde und ist somit doppelt so schnell wie bei der Steel HR.

Fazit

Die Withings Steel HR (Test) hat das Konzept einer hybriden Smartwatch samt Info-Display anderthalb Jahre zuvor gut vorlegt, wird nun jedoch in nahezu allen Punkten von der Garmin Vívomove HR übertrumpft.

Der Spagat zwischen einer analogen Uhr mit Charme und einem smarten Gadget ist Garmin hier ausgezeichnet gelungen, was vor allem an dem kleinen Display liegt. Es ist nicht sofort als solches zu erkennen und stört somit nicht das Gesamtbild der Uhr. Auch der Anzeigeumfang ist für einen hybriden Ableger äußerst umfangreich. Zwar können keine ganzen Nachrichten gelesen oder verschickt werden, wie es bei Smartwatches mit komplettem Display der Fall wäre, jedoch zumindest die Anfänge jener in Augenschein genommen werden. Hinzu kommen Touch-Gesten und eine automatische Aktivierung des Displays.

In Farbvarianten für Herren und Damen
In Farbvarianten für Herren und Damen (Bild: Garmin)

Eine tadellose Verarbeitung, angenehm zu tragende Armbänder und sogar ein Silikonarmband, das nicht wie ein Chemiewerk riecht, sind weitere Pluspunkte für die Uhr. Doch auch abgesehen vom Äußeren kann die Uhr mit Vitalwerten, die nahe der Referenz liegen, überzeugen. Die App ist leicht zu bedienen und gewährt einen umfangreichen Parameter-Überblick.

Die ansonsten vorherrschende Schwachstelle aus dem Smartwatch-Segment – Akkulaufzeit – lastet den hybriden Ablegern weniger an. Dennoch ist dies die einzige Kategorie, in der die Vívomove HR gegenüber der Withings/Nokia Steel HR das Nachsehen hat. Der erweiterte Funktionsumfang saugt am Akku. Die durchschnittliche Laufzeit von sechs bis sieben Tagen ist für das Gebotene aber absolut vertretbar, weshalb die Garmin Vívomove HR den Test in Summe mit einer Empfehlung seitens der Redaktion beendet. Die von Garmin behauptete Eignung zum Tauchen und Schwimmen bleibt unter dem Gesichtpunkt einer 5-ATM-Zertifizierung jedoch fragwürdig.

Garmin Vívomove HR
Produktgruppe Smartwatches, 12.07.2018
  • tadellose Verarbeitung und Materialien
  • sehr gute hybride Umsetzung
  • nahtlos eingefasstes Display
  • Umfangreiche Infoanzeigen
  • schönes Design
  • lange Akkulaufzeit
  • Vitalmessungen nahe der Referenz
  • umfangreiche App
  • Helligkeit könnte bei direkter Sonneneinstrahlung besser sein
  • Fragwürdige Eignung zum Schwimmen und Tauchen trotz 5-ATM-Standard
ComputerBase-Empfehlung für Garmin Vívomove HR

Preis

Die Garmin Vívomove HR ist seit Juli in fünf Farbvariationen erhältlich. Für die Sportvariante in den Farben Schwarz, Roségold/Weiß und Roségold/Schwarz ruft der Hersteller eine Preisempfehlung von rund 200 Euro aus. Die Straßenpreise beginnen indes bereits kurz nach Verkaufsstart bei rund 178 Euro. Die Premiumvariante mit hellem oder dunklem Lederarmband und Edelstahlgehäuse schlägt mit einem Aufpreis von 100 Euro zu Buche. Die insgesamt bessere hybride Smartwatch kostet damit auch mehr als die Steel HR, die zuletzt deutlich im Preis nachgegeben hat und bereits für 129 Euro verfügbar ist.

ComputerBase hat die Vivomove HR leihweise von Garmin zum Testen erhalten. Eine Einflussnahme des Herstellers auf den Testbericht fand nicht statt, eine Verpflichtung zur Veröffentlichung bestand nicht. Es gab kein NDA.

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