Sony Xperia 1 im Test: Sonys erste Triple-Kamera macht HDR-Videos

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Mahir Kulalic 121 Kommentare
Sony Xperia 1 im Test
Sony Xperia 1 im Test

Das Xperia 1 markiert aber nicht nur die Premiere des UHD-OLED-Displays, auch die Kamera ist – zumindest für Sony – ein Debüt. Bisher vertraute der Hersteller meist auf eine einzelne Kamera, Dual-Ausführungen hat Sony seit dem Start des XZ2 Premium (Test) sowie des Xperia 10 (Plus) nur sehr selten verbaut. Für das neue Topmodell steht somit eine gewisse Kehrtwende an, die Ausstattung der Kamera folgt dabei der Richtung anderer Smartphones wie Galaxy S10(+) oder Huawei P30 Pro. Sony verwendet drei Kameras mit drei verschiedenen Brennweiten für Standardaufnahmen im Weitwinkel, Fotos mit Ultraweitwinkel sowie Aufnahmen per Teleobjektiv.

Alle drei Kameras schießen Fotos mit 12 Megapixeln Auflösung. Die Hauptkamera erledigt dies bei einer zum Kleinbild äquivalenten Brennweite von 26 mm. Der Sensor ist 1/2,6“ groß und damit für ein modernes Smartphone relativ gewöhnlich. Die Pixelgröße beträgt 1,4 µm, die Offenblende f/1.6. Weitere Merkmale sind ein optischer Bildstabilisator sowie ein integrierter DRAM-Cache für Superzeitlupen mit bis zu 960 FPS. Wem Weitwinkelaufnahmen bei 78 Grad Sichtfeld nicht reichen, kann zur Ultraweitwinkelkamera wechseln. Diese zeichnet Fotos im 130-Grad-Winkel auf (Kleinbild-äquivalente Brennweite: 16 mm), eine automatische Korrektur von Verzerrungen zieht die Bilder auf Wunsch gerade. Die technischen Merkmale fallen im Vergleich zur Hauptkamera aber ab. Der Sensor ist mit 1/3,4“ deutlich kleiner, was auch auf die Pixelgröße von 1,0 µm zutrifft. Die Blendenöffnung liegt bei f/2.4. Auch auf OIS muss bei dieser Kamera verzichtet werden. Einen Mittelweg geht hingegen das Teleobjektiv mit Kleinbild-äquivalenter Brennweite von 52 mm. Dieses bietet die gleichen technischen Daten wie das Ultraweitwinkelobjektiv, verfügt aber wie die Hauptkamera über OIS. Der Aufnahmewinkel beträgt 45 Grad.

Detailreich und farbecht am Tag

Bei Tageslicht schießt das Sony Xperia 1 sehr kontrastreiche und detaillierte Bilder. Vor allem in der Totalen wirken die Bilder sehr ausgewogen und überzeugen durch die natürlichen Farben. Im Zusammenspiel mit der vernünftigen, aber nicht herausstechenden Dynamik gelingt es dem Smartphone, auch weiter entfernte Bereiche mit ähnlichen Farben, etwa Sträucher und Büsche, präzise und detailliert abzubilden, ohne dass die einzelnen Elemente verschwimmen. Der Dynamikumfang kann an einigen Stellen weitere Informationen aus dunkleren Bereichen herausholen, kommt aber nicht an die Nachbearbeitung von beispielsweise Googles HDR+ heran. HDR gibt es zudem nicht als Regler bei automatischen Aufnahmen, sondern nur im manuellen Modus. Die Automatik setzt auf Szenenerkennung und schaltet HDR bei „Hintergrundbelichtung“ ein.

Die Bilder des Xperia 1 weisen einen sehr hohen Detaillevel auf, was aber auch daran liegt, dass die Rauschunterdrückung sehr zurückhaltend arbeitet. Im Umkehrschluss bedeutet dies sichtbares Rauschen in der 100-Prozent-Ansicht auch bei Tageslicht. Durch den hohen Detailgrad erscheint das Rauschen aber als annehmbarer Kompromiss, auch weil es nicht überdeutlich ausgeprägt ist und daher die Bilder nicht zu stark darunter leiden. Bei Tag kommt es außerdem nicht zu störender Artefaktbildung. Die Nachbearbeitung überschärft die Bilder genauso wenig wie sie sie zu stark weichzeichnet. Dadurch ist das grundlegende Erscheinungsbild sehr realistisch. Beim Display setzt Sony im Creator-Modus auf realistische Farben, aber auch die Kamera schafft es, eine Szene detailgetreu und realitätsnah abzubilden. Die Bilder haben weder einen ausgesprochen kühlen noch warmen Charakter, was der sehr überzeugenden Ausgewogenheit zugutekommt.

Nicht ganz ideal sind hingegen die Schärfe und die Schärfeverteilung. Nicht alle Bilder weisen eine gleichmäßige oder eindeutige Schärfeverteilung auf, manche sind bei vielen Aufnahmen hintereinander sichtbar unterschiedlich geschärft. Ist dies der Fall, zeigt es sich bei den Tageslichtaufnahmen in der Regel nur in der 100-Prozent-Ansicht, ist aber trotzdem unglücklich. Eine genaue Ursache konnte innerhalb des Testzeitraums nicht identifiziert werden. Da es sich aber, wie andere Aufnahmen zeigen, nicht um ein inhärentes (technisches) Problem handelt, tritt dies nicht konstant auf. Allgemein lässt sich jedoch festhalten, dass auch die idealen Ergebnisse nicht ganz an die Schärfe von Topmodellen wie dem Huawei P30 Pro heranreichen.

Autofokus mit Auge

Während viele Smartphones über eine Gesichtserkennung verfügen, die auch das Xperia 1 beherrscht, geht das Modell noch einen Schritt weiter. Sony implementiert den in der Alpha-Serie genutzten Augen-Autofokus, der nicht nur das Gesicht, sondern ebenso Augen erkennt und diese verfolgt. Dies gelingt im Alltag sehr zuverlässig und hilft, auch bei Menschen oder Tieren in Bewegung den Fokus zu behalten. Nicht alle Aufnahmen resultieren automatisch in gänzlich scharfen Schnappschüssen ohne Bewegungsunschärfe. Doch der durchgängige Autofokus inklusive Objektverfolgung erleichtert es zumindest, den richtigen Moment für ein Foto zu erwischen, ohne sich Gedanken über die Fokussierung zu machen. Unterstützt wird der Augen-Autofokus durch Serienbildaufnahmen von bis zu 10 Bildern pro Sekunde, die dem fokussierten Auge folgen.

Nützlicher Zoom mit OIS

Für weit entfernte Objekte steht im Xperia 1 ein Teleobjektiv bereit, das eine zweifache Vergrößerung ermöglicht. Dieses eignet sich insbesondere bei Tageslicht, da es aufgrund der kleineren Blende von f/2.4 sowie der kleineren Pixelgröße von 1,0 gegenüber 1,4 µm weniger Licht einfangen kann. Durch den OIS kann die Kamera aber auch bei schlechten Lichtbedingungen für eine geeignete Belichtungszeit stabilisiert werden, sodass die technische Schwäche gegenüber der Hauptkamera etwas aufgefangen werden kann.

Bei guten Lichtbedingungen zeigen die Aufnahmen des Teleobjektivs sehr ähnliche Charakteristika wie die der Hauptkamera. Dies sind insbesondere eine sehr natürliche Farbdarstellung und ein hoher Detailgrad. Die Farben werden aber etwas blasser eingefangen, wodurch Kontraste ein wenig geringer ausfallen. Im Alltag ist das Teleobjektiv so eine große Hilfe und ermöglicht Aufnahmen, die mit der Hauptkamera so nicht möglich wären.

130-Grad-Fotos mit automatischer Korrektur

Komplettiert wird das Dreigespann auf der Rückseite durch die Ultraweitwinkelkamera. Diese nimmt Fotos mit einem Sichtfeld von 130 Grad auf, das Zahlenwerk entspricht dem Teleobjektiv. Anders als dieses oder die Hauptkamera ist die dritte Kamera aber nicht optisch stabilisiert und bietet keinen Autofokus. Die Farbdarstellung der ultraweiten Fotos geht wieder mehr in Richtung Hauptkamera, die Farben sind etwas satter und die Kontraste höher. Der Detailgrad ist etwas niedriger, was vor allem in der 100-Prozent-Ansicht auffällt, doch die Bilder der Ultraweitwinkelkamera sind primär für die Betrachtung in der Totalen ausgelegt. Die Schärfe geht in Ordnung, gelegentlich wäre aber ein Autofokus praktisch.

Standardmäßig eingestellt sind Bilder ohne Korrektur der Verzerrung, die insbesondere an geraden Objekten und Linien entsprechend nach Fischaugenobjektiv aussehen. In den Einstellungen gibt es aber eine Option zur automatischen Korrektur der Verzeichnungen, die interessanterweise jedoch „Bildqualität priorisieren“ gegenübergestellt ist. Im Alltag sehen die ultraweiten Aufnahmen mit Korrektur auf den ersten Blick besser aus, zeigen allerdings beispielsweise bei Gebäuden teils zu starke Korrekturen auf, die Elemente zu stark dehnen und gerade ziehen, sodass auch die korrigierten Bilder partiell unrealistische Proportionen zeigen. Doch trotz dieses Nachteils wirkt der korrigierte Modus als geeigneter im Alltag.

Gute Farben bei Nacht

Die Königsdisziplin heutiger Flaggschiffe hat sich in Sachen Kamera aber klar in Richtung Nachtaufnahmen entwickelt. Neben der Hardware spielt vor allem auch die Software eine immer größere Rolle. Dies zeigt sich beispielsweise an Huaweis Nachtmodus, aber ebenso an den Funktionen, die Google durch „Computational Photography“ auf die Pixel-Smartphones bringt. Sony setzt hingegen weniger auf bestimmte Software-Funktionen für Nachtaufnahmen, ein dedizierter Nachtmodus fehlt gänzlich. Das Xperia 1 nutzt im Automatikmodus aber wie alle Sony-Smartphones seit jeher Szenenerkennung und erkennt so auch schwaches Licht oder Nachtszenen zuverlässig. Bei stabilem Halt nutzt das Mobilgerät gelegentlich längere Belichtungszeiten, um ein besseres Bild zu ermöglichen.

Die Nachtaufnahmen teilen sich viele Vorzüge, jedoch auch Nachteile der Bilder bei Tageslicht. Dies bedeutet, dass auch bei Nacht die Farben sehr sauber und realistisch abgebildet werden. Die Bilder wirken ausgewogen und ruhig, der Detailgrad ist noch immer hoch. Dies zeigt sich beispielsweise in scharfen Schriften. Anders als bei den Nachtmodi von etwa Huawei oder Google wirken die Bilder des Xperia 1 zudem nicht zu künstlich aufgehellt und dadurch natürlicher. Das Rauschen ist sichtbar, aber auf einem vertretbaren Level, das die Komposition zu keiner Zeit stört. Dies überrascht positiv, da bereits bei Tageslicht Rauschen sichtbar ist. Laut Sony kommt im Xperia 1 die von den Systemkameras übernommene „RAW-Rauschunterdrückung“ zum Einsatz. Im Idealfall schießt das Xperia 1 also sehr ausgewogene, naturgetreue und detaillierte Aufnahmen bei Nacht, was für Sony ein großer Schritt nach vorne ist.

Doch nicht unter allen Bedingungen gelingen Aufnahmen, wie Bild 6/7 (40/41 in Vollbild) zeigt. Die Problemstellen, die dort deutlich werden, zeigen sich noch viel mehr unter veränderten Bedingungen. Die Probleme des Xperia 1 bei Nacht sind – wie gelegentlich am Tag – nicht immer ganz scharfe Aufnahmen, was aber auch hier nicht den Regelfall darstellt, sowie insbesondere starkes Highlighting von hellen Gegenlichtquellen. Wie Aufnahme 8 (42 in Vollbild) zeigt, sorgen die hellen Lichter durch die Fensterscheiben sowie des Außenbildschirms für enorme Schwierigkeiten. Das Xperia 1 schafft es nicht, die Helligkeit zu kompensieren, sodass diese Flächen verschwimmen und strahlen, aber dadurch jegliche Details verlieren. Sind die einzelnen Lichtquellen weniger stark, kann das Smartphone diese jedoch auch aus der Nähe deutlich besser, wenngleich nicht ideal, einfangen, wie die Fotos 3 und 4 (37/38 in Vollbild) belegen.

Insgesamt liefert Sony mit der Triple-Kamera des Xperia 1 ein sehr gelungenes, variables Setup, das für den Hersteller einen sehr großen Sprung nach vorne bedeutet. Gleichzeitig schafft es Sony aber nicht, an anderen Mitbewerbern vorbeizuziehen, gerade bei den Nachtaufnahmen fällt dies auf. Hier wäre beispielsweise ein Nachtmodus hilfreich. Dafür punktet das Xperia 1 unter allen Bedingungen mit sehr natürlichen Farben und vielen Details. Features wie der Augen-Autofokus sind zudem einzigartig.

Die Kamera-App braucht mehr Pflege

Im Gegensatz zur Hardware überzeugt die Kamera-App hingegen nicht. Dies liegt vor allem daran, dass nicht alle Funktionen schlüssig gestaltet sind und auch einige Modi nicht übergreifend auf die gesamte Hardware zurückgreifen können. Der Wechsel zwischen Hauptkamera und Teleobjektiv gelingt wie bei praktisch allen anderen Smartphones im Automatikmodus über einen 1x-Schalter, der dann auf „2x“ springt, sobald das Teleobjektiv aktiv ist. Bei erneutem Auswählen des Schalters springt die Kamera aber auf das Ultraweitwinkelobjektiv. Dies ist als Folge der Vergrößerung nicht unbedingt logisch und dazu umständlich gelöst, denn auf Knopfdruck ist die Ultraweitwinkelkamera nach App-Start nicht zugänglich.

Besser gelöst ist die Einbindung etwa bei Asus, LG und Samsung, die zwei dedizierte Knöpfe einbringen, die automatisch zwischen den Kameras wechseln und eindeutig sind. Auch dauert der Wechsel in den Modus für Ultraweitwinkel lange, gerade bei aktivierter Verzerrungskorrektur ist dies spürbar. Zudem bietet die Kamera-App wie von Sony gewohnt keinen HDR-Schalter, im Automatikmodus wird HDR als „Hintergrundbeleuchtung“ per Szenenerkennung dargestellt. Eine manuelle Aktivierung von HDR geht nur im manuellen Modus.

Dieser bietet eine Fülle an Funktionen, aber beispielsweise keinen Schalter für das Teleobjektiv. Eine Vergrößerung muss somit per Pinch-to-Zoom-Geste eingeleitet werden. Darüber hinaus lässt sich die Ultraweitwinkelkamera im manuellen Modus erst gar nicht auswählen.

Kamera-App und Cinema Pro
Kamera-App und Cinema Pro

Videos auch in HDR

Neben der Triple-Kamera hebt Sony aber auch die Videofunktionen des Smartphones hervor. Dazu gehört einerseits die Möglichkeit, HDR-Videos in Full und Ultra HD bei 30 FPS aufzuzeichnen. Darüber hinaus können Videos in Full HD mit 60 FPS erstellt werden. Die Kamera-App von Sony beherrscht allerdings kein UHD mit 60 Bildern pro Sekunde, obwohl der Snapdragon 855 dafür genug Leistung bietet.

Des Weiteren installiert Sony eine „Cinema Pro“ genannte App, die in Zusammenarbeit mit der Video-Abteilung erstellt wurde, um einige Effekte und Formate aus dem Kino für Videoaufnahmen einzubringen. Hierbei gilt es anzumerken, dass HDR-Videos sowie reguläre Bewegtbilder in 16:9 über die Kamera-App aufgenommen werden. In Cinema Pro lassen sich hingegen Videos in 21:9 und mit verschiedenen Einstellungen und Effekten aufzeichnen.

Scharf und kontrastreich bei 30 FPS

Grundsätzlich überzeugen die 30-FPS-Videos sowohl in Full HD als auch in UHD mit sehr guten Farben, starken Kontrasten sowie sehr viel Schärfe. Auch der Detailgrad ist sehr hoch. Wird bei Full-HD-Videos hingegen zu 60 FPS gewechselt, ändern sich die Bildeigenschaften spürbar. Die Videos verlieren sichtbar an Schärfe und Details, gleichzeitig verschwimmen Farben und Kontraste etwas. Videos in HDR wirken entsättigter und matter, während das Bild etwas wärmer erscheint, vor allem aber deutlich heller. So wirken einige Bereiche etwas unnatürlich. Die Videostabilisierung des Xperia 1 funktioniert über fünf Achsen per EIS und wird gleichzeitig per OIS unterstützt. Trotz der auf dem Papier vielfältigen Optionen erscheinen Bilder weder in 30 noch in 60 FPS wackelfest. Bei schnelleren Bewegungen kommt die Kamera nicht mehr der Stabilisierung hinterher, sodass eine ruhige Hand und nicht zu schnelle Bewegungen empfehlenswert sind.

„Cinema Pro“ für Hobby-Kinofilme

In der Cinema-Pro-App unterstützt Sony dann eine andere Art von Videos. Diese sind immer in 21:9 und können in verschiedener Hinsicht angepasst werden. Dazu dienen neben zwei verschiedenen Auflösungen (3.840 × 1.644, 2.520 × 1.080) auch Filter für warme, kalte oder monochrome Aufnahmen mit unterschiedlicher Farbsättigung und -darstellung. Hinzu kommen selbst bestimmbare Verschlusszeiten, ISO-Werte sowie ein manueller oder automatischer Fokus. Auch der Weißabgleich sowie das genutzte Objektiv können ausgesucht werden. Die Videos werden entweder in 23,98 oder 29,97 FPS aufgezeichnet. Innerhalb der App können diese als Projekte abgespeichert und abschließend exportiert werden.

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