Retro-Konsole: Atari VCS mit Ryzen steht ohne Entwickler da

Sven Bauduin 68 Kommentare
Retro-Konsole: Atari VCS mit Ryzen steht ohne Entwickler da
Bild: Atari

Zuletzt sorgte ein Hardwarewechsel für eine Verspätung der Auslieferung, nun steht das Projekt rund um die Retro-Konsole Atari VCS unmittelbar vor dem Aus. Rob Wyatt, hauptverantwortlicher Entwickler und Projektleiter, sprach gegenüber dem britischen Nachrichtenmagazin The Register von katastrophalen Zuständen.

Entwicklerteam verlässt Atari

Wyatts Unternehmen Tin Giant, das mit der Entwicklung des Mainboards für den Atari VCS beauftragt wurde, habe seit sechs Monaten keine Zahlungen mehr von Atari erhalten, Anfang Oktober sei es deshalb zum Rückzug aus dem Projekt gekommen. „Als kleines Unternehmen können wir uns glücklich schätzen, überhaupt so lange überlebt zu haben“, so Wyatt weiter.

Gemeinsam mit dem Projektleiter verließen damit auch alle Ingenieure des Unternehmens Tin Giant das Projekt Atari VCS. Die Fertigstellung des Atari VCS ist damit sehr unwahrscheinlich.

Veröffentlichung rückt in weite Ferne

Schon das zuerst genannte Veröffentlichungsdatum Juli 2019 konnte das Unternehmen nicht einhalten. Dabei konnten Interessenten die „retroinspirierte“ Konsole bereits ab dem 30. Mai 2018 zum Preis von 199 US-Dollar exklusive Steuern vorbestellen, damals noch mit AMD Bristol Ridge. Im März 2019 erfolgte der Wechsel auf AMD Ryzen R1000, der Auslieferungstermin wurde auf den März 2020 verschoben. Ohne ein Entwicklerteam, das sich um die Fertigstellung des Mainboard-Prototypen kümmert, steht das Projekt jetzt höchstwahrscheinlich endgültig vor dem Aus.

Teils katastrophale Umstände

Wie The Register in wochenlangen eigenen Recherchen herausgefunden haben will, müssen rund um das Projekt Atari VCS teils katastrophale Umstände geherrscht haben. Mit der Entwicklung des Mainboards soll beispielsweise erst begonnen worden sein, nachdem die benötigte Summe über Crowdfunding eingesammelt wurde, was den Entwicklern rund um Rob Wyatt weniger als ein Jahr Zeit für die Fertigstellung bis zum geplanten Release gegeben hätte.

Auch ein eigenes Betriebssystem oder zumindest eine eigens angepasste Linux-Distribution sei noch nicht in Sicht gewesen. Auf dem Atari VCS Prototypen lief bis zuletzt ein unangepasstes Linux-Betriebssystem, so das Nachrichtenmagazin weiter. Ferner gab es bis zuletzt keinen eigenen App-Store und Verträge mit Spieleentwicklern wurden bislang noch nicht geschlossen.

Insgesamt sammelte Atari über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo rund 2,8 Millionen Euro von mehr als 11.600 Unterstützern ein. Durchschnittlich zahlte jeder Founder damit rund 240 Euro. Ein Investment, das jetzt offensichtlich unter dem Motto „Fehlinvestition“ verbucht werden kann.

Auch Atari selbst äußert sich

Nachdem das britische Nachrichtenmagazin den Bericht über die aktuellen Zustände des Projektes veröffentlicht hatte, meldete sich auch Ataris Presseunternehmen, ÜberStrategist, zu Wort und versuchte die Darstellung des Berichtes zu relativieren. Im Auftrag von Atari verweist die Agentur auf nicht korrekte oder nicht mehr aktuelle Informationen und darauf, dass einige der erwähnten Aspekte eindeutig unter Bruch eines Schweigeabkommen an das Magazin herangetragen wurden.

Atari wishes to inform you that some of your questions indicate that you possess information that is incorrect and/or outdated. In addition, some aspects of the Atari VCS project clearly have been leaked to you in violation of existing confidentiality agreements, and Atari therefore hereby reserves its rights in that respect.