Xiaomi Mi 11 im Test: Top-Smartphone sucht letzten Feinschliff

Nicolas La Rocco
149 Kommentare
Xiaomi Mi 11 im Test: Top-Smartphone sucht letzten Feinschliff

Xiaomi startet mit dem Mi 11 in das neue Jahr und liefert damit im High-End-Segment ein überzeugendes Gesamtpaket ab, dessen Potenzial der Hersteller aber nicht in allen Punkten ausschöpft. Helles Display, starker Prozessor und gute Kamera treffen auf nervigen Fingerabdrucksensor und schlechte Randerkennung.

Zugegebenermaßen ist der letzte Test eines Xiaomi-Smartphones auf ComputerBase schon etwas länger her: Vor knapp drei Jahren hatte die Redaktion das Mi Mix 2S mit „randlosem Display“ im Test – oder besser gesagt mit dem, was anno 2018 als randloses Display erachtet wurde und mittlerweile als längst überholt gilt. Seitdem ist extrem viel passiert, unter anderem ist Xiaomi nach vielen Jahren der Importe aus China mittlerweile offiziell in Europa und Deutschland vertreten.

In das aktuelle Jahr startet das Unternehmen mit dem Mi 11, dem neuesten Flaggschiff-Smartphones. Entsprechend dem High-End-Anspruch ist das Modell mit aktueller Technik in Bereichen wie Display, Prozessor oder Kamera ausgestattet. In Deutschland bietet Xiaomi das Mi 11 seit Ende Februar zu Preisen ab 799 Euro an, eine Version mit mehr Speicher kostet 899 Euro. Ein drittes Modell mit mehr RAM gibt es hingegen nur im Heimatland China, wo das Smartphone umgerechnet lediglich rund 500 Euro kostet.

Technische Daten im Überblick

Xiaomi Mi 11
Software:
(bei Erscheinen)
Android 11.0
Display: 6,81 Zoll, 1.440 × 3.200
515 ppi, 120 Hz
AMOLED, HDR, Gorilla Glass Victus
Bedienung: Touch, Fingerabdrucksensor, Gesichtsscanner
SoC: Qualcomm Snapdragon 888
1 × Kryo 680 Gold, 2,84 GHz
3 × Kryo 680 Gold, 2,42 GHz
4 × Kryo 680 Silver, 1,80 GHz
5 nm, 64-Bit
GPU: Adreno 660
840 MHz
RAM:
8.192 MB
LPDDR5
Variante
12.288 MB
LPDDR5
Speicher: 128 / 256 GB
1. Kamera: 108,0 MP, 4320p
Dual-LED, f/1,9, AF, OIS
2. Kamera: 13,0 MP, f/2,4
3. Kamera: 5,0 MP, f/2,4, AF
4. Kamera: Nein
5. Kamera: Nein
1. Frontkamera: 20,0 MP, 1080p
Display-Blitz, f/2,2
2. Frontkamera: Nein
GSM: GPRS + EDGE
UMTS: HSPA+
↓42,2 ↑5,76 Mbit/s
LTE: Advanced Pro
5G: NSA/SA
WLAN: 802.11 a/b/g/n/ac/ax
Wi-Fi Direct
Bluetooth: 5.2
Ortung: A-GPS, GLONASS, BeiDou, Galileo, QZSS, NavIC
Weitere Standards: USB Typ C, NFC, Infrarot
SIM-Karte: Nano-SIM, Dual-SIM
Akku: 4.600 mAh, 55,0 W
fest verbaut, kabelloses Laden
Größe (B×H×T): 74,6 × 164,3 × 8,06 mm
Schutzart:
Gewicht: 196 g
Preis: ab 680 € / ab 649 € / –

Hochwertige Verarbeitung entspricht Preisniveau

Dass Xiaomi nicht mehr der einstige Underdog aus China ist, der High-End-Smartphones wie Ramsch auf den Markt wirft, ist eine Entwicklung, die sich über die letzten Jahre abgezeichnet und vor allem mit dem offiziellen Markteintritt in Europa und später auch Deutschland ergeben hat. Die nach der Importphase jetzt höheren Preise spiegeln sich aber in einer allgemein sehr hohen Verarbeitungsqualität des Mi 11 wider. Xiaomi hält in diesem Punkt problemlos mit den anderen großen Marken mit.

Der Flutschfinger unter den Smartphones

In puncto Design setzt Xiaomi auf einen beinahe symmetrischen Aufbau aus zwei leicht gekrümmten Glas-Elementen, die vom Rahmen aus poliertem Aluminium zusammengehalten werden. Das Kameramodul der Rückseite integriert Xiaomi elegant in einer „Hardware-Insel“ oben links, die trotz der großen Primärlinse nicht klobig wirkt. Das Glas der Rückseite ist satiniert respektive mattiert und wird in Schwarz und Blau angeboten, wobei das Schwarz eher Dunkelgrau entspricht und beide Varianten je nach Lichteinfall changieren. Vorteil des matten Finishs: Fingerabdrücke haben kaum eine Chance. Nachteil des matten Finishs: Das Gerät liegt sehr rutschig in der Hand und macht sich gerne selbstständig, wenn es nicht auf perfekt planem Untergrund abgelegt wird. Im Test kam es mehrfach dazu, dass das Mi 11 im Kriechtempo zur Tisch- oder Bettkante wanderte – und manchmal auch etwas weiter, ohne jedoch Schaden zu nehmen.

Die Vorderseite hat Xiaomi insofern interessant gestaltet, als dass der Bildschirm an allen vier Seiten leicht gekrümmt ist. Links und rechts ist das Merkmal stärker ausgeprägt, oben und unten nur minimal. Das Design ist aber durchaus hilfreich bei Android-Wischgesten im oberen oder unteren Bildbereich, etwa für die Rückkehr auf den Homescreen oder die Benachrichtigungen. Nicht nachvollziehbar ist deshalb, warum Xiaomi das Betriebssystem standardmäßig mit aktivieren Software-Tasten ausliefert.

Keine IP-Zertifizierung trotz Premium-Anspruch

Trotz des mit 800 Euro hohen Preises erhält man beim Mi 11 in puncto Design und Verarbeitung kein Komplettpaket. Zum Beispiel fehlt dem Smartphone eine IP-Zertifizierung, wenngleich die benötigten Dichtgummis durchaus etwa im SIM-Fach zu finden sind. So wie OnePlus früher, hat sich Xiaomi die teure Zertifizierung gespart und kann somit auch nicht damit werben. Den Test überlebte das Smartphone trotz manch eines Regenspritzers oder der Nutzung in Feuchträumen ohne Probleme.

OLED-Display schafft 120 Hz auch bei WQHD+

Das Display wiederum will man auf der einen Seite aufgrund der sehr guten Darstellungsqualität über den grünen Klee loben, andererseits gibt es bei der Bedienung zwei den Alltag dominierende Einschränkungen, die den tollen Eindruck dämpfen. Zunächst einmal zu den technischen Daten: Der OLED-Bildschirm des Mi 11 kommt auf große 6,81 Zoll, bietet 1.440 × 3.200 Pixel im 20:9-Format, deckt 100 Prozent des DCI-P3-Farbraums ab und arbeitet via Adaptive Sync mit 30, 60, 90 und 120 Hz – auch bei voller Auflösung. Ab Werk liefert Xiaomi das Mi 11 mit voller Auflösung (WQHD+), aber nur 60 Hz aus. Ein Übersetzungsfehler, der den schnelleren Modus zum vermeintlich schlechteren deklarierte, hat Xiaomi mittlerweile per Software-Update entfernt.

Satte Farben, scharfe Details, hohe Helligkeit und flüssige Bedienung zählen definitiv zu den Stärken des Mi 11. Xiaomi kommt bei der Helligkeit zwar nicht an die Messwerte aktueller Samsung-Smartphones heran, schafft bei vollständig weißem Display aber knapp 800 cd/m² und kommt mit reduziertem Weißanteil auf weit über 1.000 cd/m². Die Helligkeit stellte sich über die letzten drei Wochen nie als Hürde der Bedienung heraus.

Diagramme
Display-Helligkeit max.
  • Automatikmodus 100% APL:
    • Xiaomi Mi 11 (Auto, 10% APL)
      1.188
      Weißpunkt: ca. 6.800
    • Xiaomi Mi 11 (Auto, 20% APL)
      1.115
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • Samsung Galaxy S21 Ultra
      973
      Weißpunkt: ca. 6.700
    • Samsung Galaxy Note 20 Ultra
      969
      Weißpunkt: ca. 7.300
    • Apple iPhone 12 Pro Max
      854
      Weißpunkt: ca. 6.300
    • Apple iPhone 12 Pro
      842
      Weißpunkt: ca. 6.300
    • Apple iPhone 11 Pro Max
      797
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • Xiaomi Mi 11 (Auto, 100% APL)
      783
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • OnePlus 8 Pro
      773
      Weißpunkt: ca. 7.400
    • Samsung Galaxy S20
      763
      Weißpunkt: ca. 7.200
    • Samsung Galaxy S20 Ultra
      762
      Weißpunkt: ca. 7.200
    • OnePlus 8T
      753
      Weißpunkt: ca. 6.800
    • Samsung Galaxy S20+
      752
      Weißpunkt: ca. 7.300
    • Unihertz Titan
      718
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • Google Pixel 4a
      701
      Weißpunkt: ca. 7.000
    • LG Wing
      688
      Weißpunkt: ca. 7.200
    • Google Pixel 5
      687
      Weißpunkt: ca. 6.500
    • Apple iPhone Xr
      686
      Weißpunkt: ca. 7.000
    • Cat S61
      672
      Weißpunkt: ca. 7.400
    • OnePlus 7T
      672
      Weißpunkt: ca. 7.300
    • Samsung Galaxy Z Fold 2
      672
      Weißpunkt: ca. 7.400
    • Gigaset GX290
      671
      Weißpunkt: ca. 9.800
    • Apple iPhone 11
      661
      Weißpunkt: ca. 6.800
    • Google Pixel 4a 5G
      655
      Weißpunkt: ca. 6.600
    • Apple iPhone 12
      653
      Weißpunkt: ca. 6300
    • Apple iPhone Xs Max
      644
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • Apple iPhone 12 mini
      643
      Weißpunkt: ca. 6.300
    • Samsung Galaxy Note 9
      637
      Weißpunkt: ca. 7.800
    • Motorola Moto G8 Plus
      634
      Weißpunkt: ca. 7.700
    • OnePlus Nord
      629
      Weißpunkt: ca. 7.400
    • Samsung Galaxy S9+
      624
      Weißpunkt: ca. 7.800
    • Samsung Galaxy S9
      622
      Weißpunkt: ca. 7.700
    • Huawei Mate 20 Pro
      616
      Weißpunkt: ca. 7.300
    • Samsung Galaxy Note 10+
      616
      Weißpunkt: ca. 7.200
    • OnePlus 6
      607
      Weißpunkt: ca. 7.900
    • Motorola Moto G6
      589
      Weißpunkt: ca. 8.800
    • OnePlus 7 Pro
      585
      Weißpunkt: ca. 7.300
    • LG Velvet
      575
      Weißpunkt: ca. 7.800
    • Sony Xperia XZ3
      569
      Weißpunkt: ca. 7.900
    • Samsung Galaxy S10e
      562
      Weißpunkt: ca. 7.400
    • Cat S52
      553
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • LG G7 ThinQ
      546
      Weißpunkt: ca. 9.300
    • Cat S62 Pro
      543
      Weißpunkt: ca. 8.650
    • Sony Xperia 1 II
      539
      Weißpunkt: ca. 8.400
    • Sony Xperia 5 II
      536
      Weißpunkt: ca. 7.500
    • Huawei P30 Pro
      531
      Weißpunkt: ca. 7.800
    • Huawei P20 Pro
      527
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • Asus ZenFone 6
      525
      Weißpunkt: ca. 7.400
    • Samsung Galaxy S10+
      524
      Weißpunkt: ca. 7.200
    • Oppo Reno2
      521
      Weißpunkt: ca. 8.000
    • Samsung Galaxy S10
      519
      Weißpunkt: ca. 7.200
    • Motorola Moto G7 Plus
      518
      Weißpunkt: ca. 8.200
    • Huawei P40 Pro
      516
      Weißpunkt: ca. 7.500
    • Samsung Galaxy A50
      515
      Weißpunkt: ca. 7.100
    • Motorola One Vision
      510
      Weißpunkt: ca. 8.000
    • Cat S42
      510
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • Oppo A91
      508
      Weißpunkt: ca. 7.600
    • Sony Xperia XZ2 Compact
      506
      Weißpunkt: ca. 7.900
    • Motorola Moto G7 Power
      506
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • Oppo Find X2 Pro
      482
      Weißpunkt: ca. 7.900
    • Nokia 7 Plus
      473
      Weißpunkt: ca. 7.800
    • Motorola Moto G7
      473
      Weißpunkt: ca. 7.900
    • Xiaomi Mi Mix 2S
      472
      Weißpunkt: ca. 7.800
    • Motorola One
      470
      Weißpunkt: ca. 7.700
    • Samsung Galaxy A6
      463
      Weißpunkt: ca. 8.100
    • LG G8s
      455
      Weißpunkt: ca. 7.800
    • Nokia 6.1
      452
      Weißpunkt: ca. 9.500
    • Motorola Moto Z3 Play
      444
      Weißpunkt: ca. 7.500
    • OnePlus 6T
      431
      Weißpunkt: ca. 8.100
    • Google Pixel 4 XL
      428
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • BlackBerry Key2
      420
      Weißpunkt: ca. 7.800
    • Google Pixel 3a
      406
      Weißpunkt: ca. 6.900
    • Google Pixel 3 XL
      400
      Weißpunkt: ca. 7.200
    • HTC U12+
      399
      Weißpunkt: ca. 7.500
    • Sony Xperia 1
      381
      Weißpunkt: ca. 7.600

Unzuverlässiger Fingerabdrucksensor

Für zwei andere Bereiche lässt sich das jedoch nicht sagen. Zum einen hagelt es Kritik für den Fingerabdrucksensor, der wiederholt nicht beim ersten Versuch funktionieren wollte. Manchmal genügte ein zweiter Versuch, teils aber erst ein Wechsel zum anderen Daumen. Wenn der Fingerabdrucksensor nur in etwa drei Viertel aller Fälle korrekt seinen Dienst verrichtet, summiert sich das über den Tag zu einem echten Ärgernis, das man schnell loswerden möchte. Hätte Xiaomi nach Display und Kamerasensor doch auch beim Fingerabdrucksensor auf Samsung geblickt, wo in der Galaxy-S21-Familie ein eklatant verbessertes Exemplar von Qualcomm zum Einsatz kommt.

Fehleingaben sind an der Tagesordnung

Der zweite Kritikpunkt betrifft die gekrümmten Display-Ränder, die im Test wiederholt für Fehleingaben und ungewollt ausgelöste Aktionen sorgten. Legt man das Smartphone zum Beispiel mit aktivem YouTube-Video auf den Tisch und hebt es dann wieder an, sorgen die gekrümmten Ränder unter Garantie für einen Wechsel zum nächsten Video in der Liste. Der Bildschirm des Mi 11 ist dabei noch nicht einmal besonders stark zum Rahmen gekrümmt. Dieser ist aber so dünn, dass beim Greifen des Smartphones sofort auch der Bildschirm berührt wird. Und weil Xiaomi offenbar bei der Randerkennung geschludert hat, wird jede Berührung als gewollte Eingabe von MIUI interpretiert und ausgeführt. YouTube ist dabei nur ein Beispiel, das sich problemlos auf andere Apps übertragen lässt.

Dabei scheint Xiaomi durchaus eine Art Randerkennung für ungewollte Eingaben beim Display durchzuführen, denn bei geöffneter Tastatur lässt sich beobachten, wie Eingaben der äußeren Tasten manchmal mit minimaler Verzögerung ausgeführt werden, als wollte das Betriebssystem sicherstellen, dass die Taste beabsichtigt gedrückt wurde. Wer sehr schnell tippt, wird beim Mi 11 deshalb hin und wieder mit leichten Verzögerungen leben müssen, sofern sich das Verhalten nicht per Software korrigieren lässt. Zum aktuellen Zeitpunkt ist der gekrümmte Bereich des Displays ein Graus und sollte am besten mit einer Schutzhülle bedeckt werden. Ein wahrlich billiges Modell, das schon ab Werk verzogen war und bei den Tasten nicht richtig passte, liegt dem Mi 11 bei.