Snapdragon-Smartphone im Test: Tech-Enthusiasten und Insider erwarten mehr von Qualcomm

Nicolas La Rocco
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Snapdragon-Smartphone im Test: Tech-Enthusiasten und Insider erwarten mehr von Qualcomm

Das erste eigene Smartphone von Qualcomm speziell für die eigene Tech-Community der „Snapdragon Insiders“ müsste eigenlich ein Paukenschlag sein und die Bedürfnisse von Tech-Enthusiasten befriedigen. Fragwürdige Entscheidungen bei Preis, Auswahl der Komponenten und Software stören allerdings das mit Spannung erwartete Projekt.

Qualcomm selbst steigt in den Smartphone-Markt ein, nachdem das Unternehmen aus San Diego bislang vor allem für seine Prozessoren und 5G-Lösungen bekannt war und diese an bekannte Größen aus dem Segment lieferte. Um einen gänzlich normalen Einstieg in den Markt handelt es sich allerdings nicht. Genau genommen rückt sogar die Nennung des Firmennamens eher in den Hintergrund, denn vermarktet wird das Telefon als „Smartphone for Snapdragon Insiders“ und designt wurde es vom Partner Asus. Das Produkt weist nicht ohne Grund starke Ähnlichkeiten zum ROG Phone 5 auf.

Die Zielgruppe des Smartphones sind primär die sogenannten Snapdragon Insiders, bei denen es sich um eine im Frühjahr dieses Jahres ins Leben gerufene Social-Media-Community von Qualcomm handelt, die Stand Ende Juni 1,6 Millionen „Insider“ auf Plattformen wie Twitter, Instagram, YouTube, Reddit, WeChat, JD.com und Tmall zählte. Und für ebendiese Gruppe von Nutzern gibt es jetzt ein eigenes Smartphone, das viele aktuelle Technologien von Qualcomm in einem Produkt vereinen soll. Kaufen können das Mobilgerät grundsätzlich alle Interessenten, wobei der Vertrieb über den Onlineshop von Asus zum Preis von 1.299 Euro erfolgt. In den USA und China kann bereits vorbestellt werden, in Deutschland und weiteren Ländern soll der Vertrieb voraussichtlich noch im August starten.

Im Set mit Kopfhörern für 1.300 Euro

Mit 1.300 Euro spielt das „Smartphone for Snapdragon Insiders“ in der allerhöchsten Liga, muss sich also mit Geräten wie dem Galaxy S21 Ultra (Test), dem iPhone 12 Pro Max (Test) und ähnlichen messen. Dass der Preis so hoch ausfällt, hängt auch mit dem Lieferumfang zusammen. Weil Qualcomm die Funktionen von Snapdragon Sound demonstrieren möchte, liegen die kabellosen In-Ear-Kopfhörer MW08 von Master & Dynamic in einer angepassten Version für „Snapdragon Insiders“ bei. Deren Preis beläuft sich auf 300 Euro (UVP), sodass effektiv 1.000 Euro für das Smartphone zu zahlen sind. Asus und Qualcomm bieten das Mobilgerät allerdings nur im Bundle an.

Qualcomm Smartphone for Snapdragon Insiders
Software:
(bei Erscheinen)
Android 11.0
Display: 6,78 Zoll, 1.080 × 2.448
395 ppi, 144 Hz
AMOLED, HDR, Gorilla Glass Victus
Bedienung: Touch, Fingerabdrucksensor
SoC: Qualcomm Snapdragon 888
1 × Kryo 680 Prime, 2,84 GHz
3 × Kryo 680 Gold, 2,42 GHz
4 × Kryo 680 Silver, 1,80 GHz
5 nm, 64-Bit
GPU: Adreno 660
840 MHz
RAM: 16.384 MB
LPDDR5
Speicher: 512 GB
1. Kamera: 64,0 MP, 4320p
Dual-LED, f/1,8, AF, OIS
2. Kamera: 12,0 MP, f/2,2
3. Kamera: 8,0 MP, f/2,4, AF, OIS
4. Kamera: Nein
5. Kamera: Nein
1. Frontkamera: 24,0 MP, 1080p
Display-Blitz, f/2,5
2. Frontkamera: Nein
GSM: GPRS + EDGE
UMTS: HSPA+
↓42,2 ↑5,76 Mbit/s
LTE: Advanced Pro
↓2.000 ↑150 Mbit/s
5G: NSA/SA
↓4,40 ↑0,54 Gbit/s
WLAN: 802.11 a/b/g/n/ac/ax
Wi-Fi Direct
Bluetooth: 5.2
Ortung: A-GPS, GLONASS, BeiDou, Galileo, QZSS, NavIC
Weitere Standards: USB Typ C, NFC
SIM-Karte: Nano-SIM, Dual-SIM
Akku: 4.000 mAh, 65,0 W
fest verbaut
Größe (B×H×T): 77,3 × 173,2 × 9,55 mm
Schutzart:
Gewicht: 210 g
Preis: 1.299 €

Leichter als das ROG Phone 5

Das „Smartphone for Snapdragon Insiders“ – fortan nur noch SFSI genannt – weist starke Ähnlichkeiten zum ROG Phone 5 von Asus auf, kommt aber mit einem etwas schlichteren Design und einer eigenen Farbe namens Mitternachtsblau daher. Das grundsätzliche Layout und die Abmessungen entsprechen aber dem Asus-Smartphone. Bei Qualcomm misst das Gerät 77,3 × 173,2 × 9,55 mm (B × H × T), bei Asus sind es 77 × 173 × 9,9 mm. Das Gewicht fällt mit 210 zu 239 g zugunsten von Qualcomm aus, was mit Blick auf den Akku Böses erahnen lässt.

Akku überlebt Schlankheitskur nicht

Das SFSI tritt mit etwas geringerer Bautiefe, Fingerabdrucksensor und beleuchtetem Snapdragon-Logo auf der Rückseite auf. Das Asus-Smartphone wiederum fällt marginal dicker aus und nutzt einen in das Display integrierten Fingerabdrucksensor. Dieses Layout führt dazu, dass Qualcomm nur einen Energiespeicher mit 4.000 mAh verbauen kann, während Asus im ROG Phone 5 auf 50 Prozent größere 6.000 mAh setzt.

Fingerabdrucksensor ist ergonomische Katastrophe

Bei dem Fingerabdrucksensor auf der Rückseite handelt es sich um den Anfang des Jahres vorgestellten eigenen 3D Sonic Gen 2, der 77 Prozent größer als die erste Generation ausfällt. Bislang wurde der Sensor ausschließlich in Displays integriert, etwa in der Galaxy-S21-Serie von Samsung. Beim SFSI wird ein Ultraschall-Fingerabdrucksensor erstmals außen im Smartphone verbaut. Der große Vorteil von Ultraschall ist eigentlich, dass auch nasse Finger gelesen werden können. Der Haken des SFSI ist jedoch, dass es überhaupt keine IP-Zertifizierung bietet.

Mindestens ebenso ärgerlich ist im Alltag aber die ergonomische Katastrophe, die mit dem rückseitigen Fingerabdrucksensor geschaffen wurde, da dieser keinerlei Vertiefung aufweist und plan mit dem Gehäuse abschließt. Es ist bei jedem Entsperrvorgang aufs Neue ein Krampf, den Sensor zu ertasten und erfolgreich das Smartphone zu entsperren. Manchmal helfen passende Hüllen mit Aussparung bei diesem Vorgang, dem SFSI liegt aber nur ein Schutzrahmen bei.

Qualcomm sagt, der Ultraschall-Fingerabdrucksensor könne nur in OLED-Displays mit flexiblem Panel verbaut werden und im SFSI komme ein „rigid Panel“, also ein starres Panel zum Einsatz. Zu einem (auf dem Papier) schlechteren optischen Sensor wollte Qualcomm offenbar nicht wechseln, denn schließlich sollen ja die eigenen Technologien im SFSI demonstriert werden. Den Aufwand, das ROG Phone 5 mit einem gänzlich anderen Panel zu bestücken, um darin dann den eigenen Sensor zu verbauen, hat man ebenso gescheut. Dabei herausgekommen ist eine halbgare Lösung, die im Alltag nicht überzeugt. Mit Qualcomm könnte man durchaus noch härter ins Gericht gehen, denn eigentlich müsste in einem Vorzeige-Flaggschiff der 3D Sonic Max zum Einsatz kommen. Dieser wurde Ende 2019 vorgestellt und hätte 2020 auf den Markt kommen sollen, doch ist seitdem nichts mehr von ihm zu hören.

Hochwertig verarbeitet mit guten Lautsprechern

Positiv hervorzuheben ist die allgemeine Verarbeitungsqualität des Smartphones, wo es bei Tasten, Buchsen, Fräsungen und Passgenauigkeit keinen Anlass für Kritik gibt. Über Design lässt sich bekanntlich nicht streiten, ein Hingucker ist das SFSI mit dem asymmetrischen Aufbau aus Sicht der Redaktion aber nicht gerade. Das Mitternachtsblau und der Snapdragon-Schriftzug dürften ebenso nicht jedem gefallen.

Der am Markt typische Sandwich-Aufbau aus Glas für Vorder- und Rückseite und Aluminium für den Rahmen, der alles zusammenhält, funktioniert auch bei Qualcomm gut. Unten am Gehäuse sitzen der Dual-SIM-Schacht, USB Typ C und einer der beiden Lautsprecher, während oberhalb des Displays der zweite verbaut wurde, die in Summe für einen guten Stereo-Effekt bei solider Qualität und Lautstärke sorgen. Alle Tasten sitzen rechts im Gehäuse, wobei davon nur die Power-Taste gut mit dem linken Zeigefinger oder rechten Daumen erreichbar ist – je nach Haltung. Die Lautstärkewippe sitzt zu weit oben und hätte besser links im Gehäuse untergebracht werden sollen.

144 Hz schneller OLED-Bildschirm

Der Blick von vorne auf das Smartphone offenbart nach dem Einschalten das 6,78 Zoll große OLED-Panel, das oben und unten eine etwas breitere Einfassung aufweist, die für ein symmetrisches Layout und vor allem dafür sorgt, dass keine Notch für die Frontkamera benötigt wird. Qualcomm bringt die kleine Linse mit 24-Megapixel-Sensor oben rechts im Rahmen unter. Aufnahmen bei Tag und Nacht mit der Selfie-Kamera finden sich im entsprechenden Abschnitt.

6,78 Zoll großes OLED-Display mit 144 Hz
6,78 Zoll großes OLED-Display mit 144 Hz

Das OLED-Panel stammt von Samsung und wird von Gorilla Glass Victus geschützt, dem aktuell widerstandsfähigsten Glas von Corning. Auf 6,78 Zoll im 20,4:9-Format versammeln sich 2.448 × 1.080 Pixel, die für scharfe 395 ppi sorgen. An die bis ins letzte Detail überragende Schärfe eines 1440p-Bildschirms kommt das SFSI nicht heran, wenngleich die Unterschiede erst bei sehr genauer Betrachtung sichtbar werden.

Der Bildschirm ist für eine Bildwiederholfrequenz von bis zu 144 Hz ausgelegt, die auf Wunsch dauerhaft aktiviert werden kann. Ausgeliefert wird das Smartphone mit einem Automatikmodus, der sich dynamisch an den jeweils vorliegenden Inhalt anpasst. Neben diesen beiden Modi stehen 120 Hz und 60 Hz zur Auswahl. Vor allem die beiden schnellsten Modi sorgen für ein äußerst flüssiges Bediengefühl, das den besten Smartphones am Markt mindestens ebenbürtig ist – hier lässt sich Qualcomm nicht lumpen.

Helles Panel mit bis zu 1.100 cd/m²

Gut schneidet das Smartphone auch bei den ermittelten Helligkeitswerten ab, die nicht weit entfernt von den Angaben von Qualcomm liegen. Der Hersteller gibt die Outdoor-Helligkeit mit 800 cd/m² an, in der Spitze sollen 1.200 cd/m² erreicht werden. Beide Werte gelten ausschließlich für den Automatikmodus, vermutlich um das Panel zu schützen und den Energieverbrauch im Zaum zu halten. Im manuellen Modus wurden 473 cd/m² bei vollständig weißem Bildschirm ermittelt, bei fallendem „Average Picture Level“ (APL) waren bei 10 Prozent Weißanteil bis zu 613 cd/m² möglich. Im Automatikmodus kommt das SFSI mit 765 cd/m² der Angabe von Qualcomm nahe und die Spitzenhelligkeit fällt mit 1.100 cd/m² ebenfalls sehr hoch aus. Die vom Hersteller genannten 1.200 cd/m² sind nur bei noch kleinerem APL unter 10 Prozent realistisch und stehen somit für eine sehr kleine punktuelle Peak-Helligkeit. Das Panel besitzt Zertifizierungen für HDR10 und HDR10+, die sich mit den ermittelten Werten gut wiedergeben lassen.

Den von Qualcomm auf Delta E < 1 bezifferten Wert für die Abweichung der Farbgenauigkeit erreicht man lediglich in den Profilen nach sRGB und DCI-P3, voreingestellt ist aber der etwas übersättigte Modus „Standard“ mit kühlerem Weißpunkt. Farbprofile bringt Qualcomm im „Splendid“-Menü der Android-Einstellungen unter, das insgesamt fünf Profile aufweist. Dort gibt es mit „Standard“, „Natürlich“, „Kino“, noch einmal „Standard“ und „Angepasst“ für eigene Einstellungen aber eine Doppelung – vermutlich ein Übersetzungsfehler. ComputerBase hat das Smartphone mit nicht finaler Firmware getestet, ein erstes Update soll Ende August geliefert werden.

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