matschei schrieb:
Vielleicht solltest du etwas Geschichte lernen. Rassismus war Mainstream auf den Universitäten.
Du vermischst hier zwei Dinge. Niemand bestreitet, was du gerade gesagt hast. Die Aussage war, dass Demokraten und Humanisten wussten, dass Verfolgung auf staatlicher Ebene falsch ist. Das taten sie. Die Existenz von Befürwortern widerlegt nicht die Existenz der Gegner. Historisch gesehen war jeder moralische Fortschritt das Ergebnis dessen, dass eine Minderheit recht hatte und am Ende auch bekam.
Aber auch auf Seite der Befürworter war nicht alles so, dass man offen agierte. Die Nazis haben nicht umsonst ihre Aktionen verschleiert und verschleiernde Sprache benutzt, das war ein moralisches Eingeständnis, und die Täter selbst versuchten alles zu verheimlichen. Es gibt verschiedene Berichte darüber, wie sich viele Deutsche während der Novemberpogrome 1938 schämten, aber oft eben nur still. Aber es gab eben genug Leute, die wegschauten, aus Gleichgültigkeit oder weil sie das Ganze schon für sich normalisiert hatten.
Der Ausgangspunkt war, ob Menschen vorab wissen, was moralisch falsch und richtig ist, oder ob man das erst zwingend geschehen lassen muss, auch wenn es Millionen von Menschenleben kostet oder zerstört.
Ich bin der Ansicht, dass wir langsam wieder an einen Punkt kommen, wo Menschen wie damals sich in Gleichgültigkeit und Normalisierung hüllen, um offensichtlich Dinge besser verarbeiten zu können. Und genau das lässt eben Dinge wie damals wieder leichter geschehen.
Es ist richtig, dass Antisemitismus und Rassismus damals extrem en vogue waren, aber erst nach den Gräueln der Nazi-Zeit wurde man sich aktiver bewusst, dass es als Ideologie auf Staatsebene eben schädlich ist. Vielleicht ist es das, was du meinst? Das ist aber etwas anderes, als zu wissen, ob etwas moralisch falsch oder richtig ist. Dinge, die moralisch falsch sind, können sehr schnell eine verbreitete Ansicht werden, bis sie sich als schädlich für die Allgemeinheit entpuppen.
matschei schrieb:
Und freie Meinungsäußerung beinhaltet logischerweise auch Kritik.
Boykott Aufrufe und Diskriminierung aufgrund von Meinungsäußerungen sind dagegen etwas anderes.
Nein, Boykott ist ausgeübte Meinungsfreiheit. Ich, als Verbraucher entscheide aufgrund meiner Meinung, ob ich keine Geschäfte mit jemandem mache, und ich kann auch andere dazu ermutigen, die ähnlicher Meinung sind. Niemand wird gezwungen, sich zu beteiligen, und es gibt genug Beispiele, in denen Boykotte deshalb wirkungslos blieben. Im Falle von Tesla war es nicht mal eine konzertierte Aktion, sondern die freie, eigenständige Entscheidung sehr vieler Käufer, Tesla als Firma zu boykottieren, so wie manche Nestlé oder Müllermilch boykottieren. Der Sinn dahinter ist nicht unbedingt eine Eliminierung, sondern die Betroffenen zur Einsicht und zum Umdenken zu bewegen, oder eben mit weniger Kundschaft zu leben. Es ging nie darum, schon gar nicht auf staatlicher Ebene, Musk als Person zu zerstören oder in seinen persönlichen Lebensraum einzugreifen.
matschei schrieb:
Und nein die Verbrechen sind nicht geschehen weil wer geschwiegen hat sondern weil viele der Überzeugung waren das es richtig war.
Es gab Überzeugungstäter, absolut, definitiv, und viele Deutsche haben sie auch als Vorfahren. Aber es gab eben auch viele, die es wussten. Die hatten aber aus Angst, Gleichgültigkeit und, heute sehr viel wichtiger, als Form eines Bewältigungsmechanismus, Normalisierung geschwiegen. Viele davon machten dann nur mit, weil sie nicht auffallen wollten, weil ihnen ihre Karriere oder ihr Einfluss wichtiger war als Prinzipien. Diese Muster sieht man ja heute wieder, vor allem in den USA.
Aber das ist auch nicht der Punkt gewesen. Dein Punkt war, dass man sich irren kann und ergo man auch nicht urteilen sollte. Daraus würde folgen, dass man zu allem, was heute in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft geschieht, schweigen sollte.
Aber wie bitte, soll man dann je eine Verbesserung, einen moralischen Fortschritt erreichen?
Schließlich war alles eine Errungenschaft und kein natürlicher Originalzustand. Ansonsten wären wir ja verdammt, ad infinitum dazu, jeden Fehler zu wiederholen, und nur bei exakter Wiederholung der Ausgangsparameter einer Entwicklung dazu befähigt, etwas als falsch oder richtig zu beurteilen. Parallelitäten, Gemeinsamkeiten oder Ähnlichkeiten würden ja automatisch als möglicher Irrtum klassifiziert werden.