3/4 IFA 2011 : Revolution und Innovation? Kapitulation!

, 41 Kommentare

Jirko Alex

Spätestens seit dem Kassenerfolg von James Camerons Avatar wurden 3D-Inhalte als aktueller Trend in der Unterhaltungsindustrie ausgemacht. Schon auf vergangenen Messen, nicht zuletzt der IFA 2010, konnte man daher entsprechende Fernseher oder Blu-ray-Player bestaunen, die die dritte Dimension auch in die heimischen vier Wände bringen sollten. Dass dabei die zugrunde liegende Technik, die vor allem auf Polfilter- oder Shutterbrillen setzt, nicht der Weisheit letzter Schluss ist, schien sich allerdings ebenfalls schon früh abzuzeichnen. Es war deshalb in diesem Jahr interessant zu sehen, wie die Hersteller das Bestreben 3D-Geräte für den Heimgebrauch zu entwickeln, die unterschiedlichen Techniken für die Darstellung entsprechender Inhalte und die Komfortnachteile durch die zusätzlichen Brillen unter einen Hut bringen würden.

Bei einem Blick über die Stände zeigt sich hierbei jedoch, dass den Entwicklern so mancher Geräte nicht Innovationsfreudigkeit in den Augen geschrieben stand, sondern Ratlosigkeit. Nur so, oder durch eine gehörige Portion Druck aus der Marketingabteilung, ist zu erklären, dass man auf der Messe derart viele mittelfristige Totgeburten zu sehen bekam. Während nämlich bei vielen Herstellern die 3D-Technik (mit Shutter- oder Polfilterbrillen) auf der Habenseite steht, scheint man überall zu wissen, dass dies kein überaus verkaufsförderndes Argument mehr ist, ohne allerdings Ersatz parat zu haben. „Ja das mit dem 3D machen wir auch“ steht daher überall zwischen den Zeilen der Spezifikationen der Geräte geschrieben; Weiterentwicklungen gibt es bestenfalls in anderen Bereichen. Während sich nur Toshiba traut, mit einem brillenlosen 3D-TV auf sich aufmerksam zu machen (gleichzeitig aber eine Handvoll 3D-TVs mit Brille für die perfekte Kundendifferenzierung vorstellt), wollen andere Hersteller vor allem mit besseren Smart-TV-Features, ausgefallenen Designideen oder der Neuauflage ehemals innovativer Ideen wie Fernsehern im 21:9-Format mit erzwungenem Mehrwertversprechen punkten.

Toshiba 55ZL2G – brillenloser 3D-TV

Toshibas brillenloser 3D-TV: Eine der wenigen handfesten Innovationen auf der Messe.

Das wäre allerdings nicht so schlimm, wenn die durchaus interessanten Features, die dem schwächelnden 3D-Trend nun zur Seite springen – allen voran Smart-TV – wenigstens durchdacht anmuten würden. Wer allerdings das Internet auf den Fernseher bringen will und mit der Integration von Social Networks wirbt, gleichzeitig aber auf dem seit Jahrzehnten althergebrachten Design der Fernbedienung mit 10 Ziffern kleben bleibt, scheint nicht wirklich Kundenfreundlichkeit im Blick zu haben. Hätte es nicht eine aufklappbare QWERTZ-Tastatur sein können? Oder ein kleiner Trackball als Ersatz für die grauenhafte Mausnavigation per Tastenkreuz? Oder wenigstens eine T9-Texteingabe für die Worterkennung, wenn man schon twittern muss? Das reichte früher für die 160 Zeichen einer SMS, es würde heute auch für Twitter reichen.

Überhaupt könnte man, bei all' der Suche nach Analogien bei Mobiltelefonen, gleich auf moderne Smartphones setzen. Das tun die Hersteller auch teilweise schon. Philips bietet etwa für das iPhone eine App, mit der sich netzwerkfähige Philips-Geräte steuern lassen. Dies nicht erst seit der IFA, seit einigen Tagen wurde die nunmehr „MyRemote“ getaufte Applikation aber in einer neuen Version vorgestellt. Inklusive QWERTZ-Tastatur und einfacherer Cursorsteuerung für den Fernseher. Also doch alles gut? Leider nicht. Während man nämlich – quasi als Randdetail – Fotos direkt an den Philips-Fernseher streamen kann, gilt dies für Musik oder Filme nicht. Was beim Smartphone noch vertretbar ist, da die Wenigsten tatsächlich Filme auf dem kleinen Gerät mit herumtragen dürften, scheint beim Tablet wiederum wünschenswert zu sein. Auch hier gibt es die Fernbedienung für den Fernseher als App, nicht jedoch den Funktionsumfang, den man sich phantasievoll dazu wünschen würde.

Immerhin haben die Hersteller mittlerweile erkannt, dass Dockingstationen für Musikanlagen eine gute Sache sind, sie allerdings noch besser werden, wenn auch Android-Geräte mitspielen dürfen. Flankiert von Streaming-Lösungen, die die Musik kabellos an Lautsprecher verteilen und das Internet auf die Stereoanlage bringen, scheint sich also auch im Audiobereich wieder Nennenswertes zu tun. Auch hier bleibt allerdings der etwas fade Beigeschmack zurück, dass sich noch kein wirklicher Standard zu bilden scheint. Musikstreaming per WLAN oder doch via Bluetooth? Man findet beides. Viele der Geräte eignen sich überdies gut für die iPhones oder Android-Smartphones dieser Welt, nicht aber für Tablets.

Eigentlich ist es beinahe erstaunlich, mit welcher engstirnigen Besessenheit zwei große Trends dieser und vergangener Messen nebeneinander her zu laufen scheinen, ohne die eigene Verbundenheit zu erkennen und auszunutzen: Tablets respektive Smartphones und Fernseher, das könnte eine perfekte Symbiose ergeben. Wann endlich kann ich, was immer ich will, von einem netzwerkfähigen Gerät auf's nächste streamen? Wie lange noch muss ich Technologien wie Intels Wireless Display, Musikstreaming-Anlagen auf WLAN- oder Bluetooth-Basis und schüchterne Fernbedienungs-Apps für Smartphones und Tablets als scheinbar isolierte Entwicklungen betrachten, ohne dass zu erkennen ist, dass den Herstellern an einer Zusammenführung aller Ansätze gelegen ist? Solange die selbst auferlegten Grenzen bestehen bleiben, solange werden die heute ausgelobten Trends ein Nischendasein führen. Dabei ginge so viel mehr.

Auf der nächsten Seite: Patrick Bellmer