Windows 10: Microsoft gibt Edge auf, neuer Browser basiert auf Chromium

Steffen Weber 492 Kommentare
Windows 10: Microsoft gibt Edge auf, neuer Browser basiert auf Chromium

Gerüchten zu Folge gibt Microsoft die Entwicklung von Edge auf und entwickelt einen neuen Browser für Windows 10 – basierend auf Chromium. Der Grund dafür könnte die schleppende Verbreitung von Edge sein. Windows-Nutzern bliebe damit als einzige Alternative zu auf Chromium basierenden Browsern zukünftig nur noch Firefox.

Mit Edge wagte Microsoft für Windows 10 einen Neuanfang in puncto Browser-Entwicklung und schmiss viel Ballast des alten Browsers Internet Explorer über Bord. Und auch wenn Microsoft Edge vieles besser machte, blieben andere Browser wie Chrome und Firefox voraus – und hatten insbesondere auf diversen Websites mit weniger Kompatibilitätsproblemen zu kämpfen.

Codename „Anaheim“

Die Folge waren weiter fallende Marktanteile: Auf ComputerBase kommt Edge auf gerade mal vier bis fünf Prozent Marktanteil, obwohl Edge der Standard-Browser von Windows 10 ist, das bei fast der Hälfte aller Seitenaufrufe genutzt wird. Zumindest technisch versierte Nutzer entscheiden sich also in Scharen aktiv gegen Microsoft Edge.

Vermutlich um Kompatibilitätsproblemen mit Websites aus dem Weg zu gehen, soll Microsofts neuer Browser mit Codename „Anaheim“ auf Chromium basieren – also dem quelloffenen Teil von Google Chrome. Im Jahr 2013 stellte bereits Opera die Entwicklung der eigenen Browser-Engine „Presto“ ein – seitdem basiert Opera auf Blink/Chromium. Dasselbe gilt auch für den von ehemaligen Opera-Entwicklern gebauten Browser Vivaldi. Auch für Opera war die Behebung von Kompatibilitätsproblemen ein wesentlicher Motivationsfaktor.

Ob Microsofts neuer Browser weiterhin Edge heißen wird oder nicht, ist noch unklar. Die Varianten von Microsofts Browser für Android und iOS nutzen ebenfalls nicht die eigene „EdgeHTML“-Rendering-Engine und heißen dort trotzdem Edge (Android, iOS).

Immer weniger Rendering-Engines

Sollte Microsoft die eigene Rendering-Engine „EdgeHTML“ also wirklich aufgeben, dann gäbe es zukünftig nur noch drei nennenswerte Rendering-Engines: Blink (Chromium, Chrome, Edge, Samsung Internet, Opera, Vivaldi, …), Gecko (Firefox, SeaMonkey, …) und WebKit (Safari, Epiphany, …). Und da Blink ein Fork von WebKit ist, können diese beiden Implementierungen eigentlich nicht als vollkommen unabhängig gelten. Zu wenige unabhängige Implementierungen der Web-Standards können für das Web zu einem Problem werden, weil einzelne Rendering-Engines damit mehr Macht haben, über die Geschicke des Web zu entscheiden.

Mit dem Auftauchen einer neuen Rendering-Engine ist aufgrund der mittlerweile immens langen Liste zu implementierender Web-Standards nicht zu rechnen. Zwar integriert Mozilla nach und nach weitere Teile der neuen Rendering-Engine Servo in Firefox, aber dadurch wird keine neue Rendering-Engine geschaffen, sondern eine bestehende Rendering-Engine ersetzt. Bei allen drei verbleibenden Rendering-Engines Blink, Gecko und WebKit handelt es sich aber immerhin um freie Software, sodass ein Fork möglich wäre. Zudem werden Blink beziehungsweise Chromium schon jetzt nicht allein von Google-Mitarbeitern entwickelt, sondern auch andere Unternehmen tragen dazu bei – neuerdings auch Microsoft.

Desktop-Apps als wahrer Grund für Microsofts Schritt?

Neben Kompatibilitätsproblemen könnten auf Electron basierende cross-plattform Desktop-Apps ein weiterer Grund dafür sein, weshalb Microsoft sich von Edge verabschieden möchte. Electron ermöglicht die Entwicklung von Desktop-Apps mit den Web-Technologien HTML, CSS und JavaScript und nutzt als Unterbau Chromium und Node.js. Beispiele für solche Apps sind die Code-Editoren Atom und Visual Studio Code sowie die Kommunikations-Apps Discord, Signal, Skype, und Slack. Ein Problem dieser auf Electron basierenden Apps ist der hohe Speicherbedarf, denn jede Electron-App enthält sowohl auf dem Speichermedium als auch im RAM eine eigene Kopie von Chromium und Node.js, ohne dass eine Ressourcen-Teilung stattfinden würde.

Microsoft könnte also erwägen, Electron – und damit letztlich Chromium – in Windows zu integrieren, damit zukünftig nicht mehr jede Electron-App eigene Kopien von Chromium und Node.js auf der Festplatte/SSD und im RAM vorhalten muss, was Vorteile in puncto Performance und insbesondere Akkulaufzeit bringen könnte. Dann würde es nur Sinn ergeben, wenn auch der eigene Browser auf Chromium aufbaut.

Update 06.12.2018 20:44 Uhr

In dem Blog-Eintrag Microsoft Edge: Making the web better through more open source collaboration hat Microsoft die Gerüchte bestätigt. Zwar soll der Browser weiterhin Edge heißen, aber ab einem nicht näher spezifizierten Zeitpunkt im nächsten Jahr auf Chromium aufbauen – was einer Neuentwicklung nahe kommen dürfte.

Microsoft möchte mit anderen Browsern zukünftig also nicht mehr auf der Ebene der Rendering-Engine konkurrieren und stellt Endanwendern weniger Kompatibilitätsprobleme und Entwicklern weniger Testaufwand in Aussicht. Zudem verspricht Microsoft regelmäßigere Updates, also vermutlich wie bei anderen auf Chromium aufbauenden Browsern im Sechs-Wochen-Rhythmus.

Darüber hinaus stellt man Edge für macOS sowie Support für „alle unterstützten Windows-Versionen“ in Aussicht. Damit dürfte in erster Linie Windows 8.1 gemeint sein, schließlich endet der Support für Windows 7 schon Anfang 2020.

Update 07.12.2018 10:09 Uhr

Mozilla hat in dem Blog-Eintrag Goodbye, EdgeHTML Stellung bezogen. Die gemeinnützige Stiftung bedauert, dass Microsofts Entscheidung die ohnehin schon große Dominanz Googles über wesentliche Bestandteile der Internet-Infrastruktur weiter festige – auch wenn die Entscheidung für Microsoft aus rein unternehmerischer Sicht womöglich Sinn ergebe.

Man befürchtet, dass zukünftig immer mehr Websites nur noch in Chromium-Browsern (fehlerfrei) funktionieren könnten, und erinnert an die Zeit Anfang der 2000er Jahre, als alternative Browser aufgrund der erdrückenden Dominanz des Internet Explorer mit vielen Kompatibilitätsproblemen zu kämpfen hatten. Ein wesentlicher Faktor zum Überwinden dieser Dominanz des Internet Explorer war damals, dass Microsoft dessen Weiterentwicklung mehrere Jahre lang pausierte – zwischen der Veröffentlichung von IE6 und IE7 vergingen fünf Jahre.

Mozilla erinnert daran, dass Firefox heute insbesondere in puncto Geschwindigkeit ein deutlich besserer Browser sei als noch vor 1–2 Jahren. Man fordert alle dazu auf, Firefox eine Chance zu geben, denn mehr Firefox-Nutzer führen dazu, dass Webentwickler alternative Browser nicht ignorieren können. Und von mehr Vielfalt, mehr Sicherheits-Features und mehr Wettbewerb könnten letztenendes alle Internetnutzer nur profitieren.