So, mit etwas zu wenig Schlaf kurz vor der Arbeit noch mal ein paar Gedanken von mir zum gestrigen Abend und dem Turnierverlauf aus deutscher Sicht.
Ich glaube jeder hat gesehen, wie sehr unser Spiel daran krankt, dass wir keine richtigen Außenverteidiger auf dem Platz haben. Über Mustafi habe ich viel geschrieben, jetzt ist er Gott sei Dank (!) verletzt und Löw kann ihn nicht weiter positionsfremd verheizen. Es ist doch bezeichnend, wenn man von den eigenen Mitspielern nicht mehr als Anspielstation wahrgenommen wird. Nur um das noch klarzustellen: ich habe nichts gegen ihn und hoffe, dass er eine positive Entwicklung nimmt, um dann ggf. zu einem späteren Zeitpunkt an solche Aufgaben vernünftig herangeführt zu werden.
Ich habe mich über den zwangsweisen Anschauunsunterricht darüber, wie unser Spiel mit einem richtigen Außenverteidiger und und zwei erfahrenen Spielern im defensiven Mittelfreld aussehen kann, sehr gefreut. Unser Toptrainer dürfte wohl inzwischen einsehen, dass es ein Fehler gewesen ist, beispielsweise Schmelzer nicht nominiert zu haben und Lahm in das defensive Mittelfeld zu ziehen. Nun haben wir den Salat, eine gründliche Korrektur dieser Fehlentscheidungen ist nicht mehr möglich, es kann nur noch um Kosmetik gehen. Ich vermute, dass sich Löw aus einer narzisstischen gefärbten Selbstüberschätzung heraus für die "Erfolge" verantwortlich fühlt, dabei aber ausblendet, dass ihm die beste deutsche Spielergeneration aller Zeiten zur Verfügung gestellt wird und sich aus dieser Selbstüberschätzung heraus scheinbar auch zutraut, Spieler nach Belieben so einzustellen, dass sie auch positionsfremd auf höchstem Niveau bei einer WM bestehen können. So würde es für mich zumindest nachvollziehbarer, warum er sich zu solchen Personalentscheidungen hinreißen ließ.
Und was mir auch überhaupt nicht passt, ist die mangelnde Aggressivität, mit der unsere Truppe gegen Ghana, USA und gestern Algerien in die Spiele geht. Gegen Ghana wurde es dem Gegner zugeschrieben, der ja so stark gewesen sei, dann gegen die USA hat man sich das optimistisch schönreden wollen (ich auch), dass alles so gewollt dosiert wurde, um mit den Kräften hauszuhalten. Und gestern soll es nun auch wieder ein starker Gegner gewesen sein? Schon klar! Ghana, USA, Algerien - das sind echte Fußballnationen!
Die Einstellung, mit der die Spieler auf den Platz gehen, ist auch Aufgabe die des Trainers. Bezeichnend gestern auch die Art und Weise, wie die Trainer auf ihre Mannschaften vor der Verlängerung eingewirkt hatten. Löw wirkte da selber eher verunsichert, während der Trainer von Algerien seine Jungs, die über 100 Prozent liefen, nochmal richtig anzustacheln versuchte, obwohl klar war, dass sie sich durch das hohe Tempo zu Spielbeginn hoffnungslos verausgabt hatten. Wenn das auch so vor den Spielen abläuft, wird mir da schon einiges klarer, warum wir gerade anfänglich wie sediert wirken.
Nach dem WM muss ein Schnitt her, so viel steht fest. Das ist inzwischen vergleichbar mit Schaaf und Werder. Die Zeitspanne des Wirkens ist mit nunmehr zehn Jahren einfach zu lang, die Betriebsblindheit dieses Trainers hat ein bedrohliches Niveau angenommen. Wir sind gestern nur weitergekommen, weil Algerien am Ende einfach die Klasse fehlte, aus unseren Fehlern Kapital zu schlagen. Gegen einen stärkeren Gegner hätte Löw die WM für uns gestern mit Ansage vercoacht, und das kann nicht nicht unser Anspruch sein.