Crysis im Test: Die neue Referenz kommt aus Deutschland

Sasan Abdi 644 Kommentare
Crysis im Test: Die neue Referenz kommt aus Deutschland

Vorwort

Es kommt nicht von ungefähr, dass Vorschusslorbeeren von umsichtigen Menschen mit großer Vorsicht verteilt und genossen werden. Allzu schnell könnten sich die damit verbundenen, überufernden Erwartungen an die eigene Leistung als zu hoch angesetzt entpuppen und am Ende herrscht Enttäuschung an Stelle der Begeisterung, die zu beobachten gewesen wäre, wenn weniger erwartet worden wäre. Crysis könnte ein Musterbeispiel sein. Denn nicht zuletzt aufgrund der bahnbrechend positiven Berichterstattung im Vorfeld der Veröffentlichung hat der neueste Coup aus dem Hause Crytek einiges zu leisten. Die Erwartungen sind ebenso hoch wie die Penibilität, mit welcher an diesen Test herangegangen werden soll.

Ob es den Verantwortlichen tatsächlich gelungen ist, eine neue Genre-Referenz – ja, das Spiel des Jahres zu schaffen – soll auf den nächsten Seiten geklärt werden.

Inhaltliches

Wohl in keinem anderen Spielesegment ist die Diskussion um die Gewichtung der grundlegenden Geschichte eines Titels kontroverser geführt worden als bei Egoshootern. Während die Traditionalisten darauf pochen, dass ein Shooter im Stile eines „Serious Sam“ keine nennenswerte Handlung, sondern ausschließlich zünftiges Geballer vorweisen muss, kam gerade in den letzten Jahren immer wieder die Forderung nach schlüssigen, sinnvollen Hindergrundhandlungen auch für Shooter auf – Half Life als Meilenstein immer vor Augen. Letztere Forderung soll an dieser Stelle nochmals explizit bekräftigt werden, bevor der Plot und das Missionsdesign von Crysis unter die Lupe genommen wird.

Crysis Startscreen
Crysis Startscreen

Plot

Crysis beginnt mit dem Fallschirmabsprung einer Nano-Anzüge tragenden US-Eliteeinheit über einem mittelgroßen, von koreanischen Truppen besetzten Eiland. Ziel der Elite-Kämpfer, zu denen natürlich auch der Spieler gehört, ist es, ein vor Ort aktives US-Forschungsteam von der Insel zu holen. Zumindest lautet die ursprüngliche Mission so. Im Verlauf der Handlung wird aber schnell klar, dass weitaus mehr hinter dem Auftrag steckt und dass das, wonach die Forscher gesucht haben, alles andere als tot oder vergessen ist.

Der Rest des Crysis-Plots spielt sich dann leider, der Ausgangssituation entsprechend, ziemlich konventionell. Während man im ersten Teil der zehn- bis zwölfstündigen Einzelspieler-Kampagne vor allem gegen die Koreaner ins Feld respektive in den Dschungel zieht, geht es im zweiten Teil vornehmlich in Höhlen gegen fiese, Kaulquappen ähnelnde Eis-Aliens zur Sache – Gordon Freeman und Co. lassen grüßen.

Insgesamt erzählt Crysis eine Geschichte, die man weitgehend als „ok“ bezeichnen kann, die sich de facto aber nahtlos in das Genre-Einerlei einreiht, das grob beschrieben und minimal auf Crysis abgewandelt, so lautet: Cooler Iron Man aus den USA versohlt im lässigen Nano-Anzug Koreaner und Aliens gleichermaßen.

Missionsdesign

Auch wenn das Missionsdesign von Crysis ähnlich wie der Plot nichts Bahnbrechendes in der Hinterhand hält, so kommt doch ordentlich Spaß auf. So ist beispielsweise das Areal, in dem man sich bewegen kann, schlicht weg riesig. Theoretisch steht es dem geneigten Spieler jederzeit frei, vom direkten Weg abzuweichen und die gesamte, doch recht große Insel zu erkunden.

Crysis-Mission – „Zerstöre die Flugabwehr“
Crysis-Mission – „Zerstöre die Flugabwehr“

Auch für weniger abenteuerlustige Spieler sind die Crysis-Aufträge ansprechend aufgebaut, auch wenn sie eigentlich immer so ablaufen, dass man von einem Punkt auf der Insel zum nächsten gescheucht wird. Auch die dabei gestellten Aufgaben stellen keine bisher nicht gesehenen Herausforderungen dar: Viel zu oft gilt es, Boden-Luft-Stellungen oder Störsender mit den eigenen Waffen auszuschalten oder Ziele für die Luftwaffe zu markieren (siehe Bilder oben und unten). Auch die häufige Rettung von Geiseln erklärt sich aus der Hintergrund-Handlung – Stichwort: „Rette die Forscher!“ – von selbst. Nervig oder aber realistisch ist das stets knappe Munitionsreservoir, das im wahrsten Sinne des Wortes manuell aufgestockt werden muss: Niedergeschossene Gegner lassen zwar stets ihre Waffen liegen, diese werden aber nicht beim Drüberlaufen eingesammelt, sondern müssen gezielt aufgehoben werden – für einige Spieler auf dem bewachsenen Dschungelboden ein fummeliges und deshalb lästiges, für die anderen ein realistisches Unterfangen.

Crysis-Mission – Luftwaffe zerlegt markiertes Munitionsdepot
Crysis-Mission – Luftwaffe zerlegt markiertes Munitionsdepot

Abgesehen davon sorgt das insgesamt sehr gelungene Missionsdesign für ein Mehr an Atmosphäre und das nicht zuletzt durch die Möglichkeit, verschiedene Wege zum Ziel zu nehmen. Dabei ist natürlich völlig klar, dass die Macher bei Crytek einen perfekten Weg vorgesehen haben, der sich beim Blick auf die Karte auch meistens sofort erschließt. Dennoch besitzt der Spieler die freie Wahl und kann sich seinen Zielen nach Belieben aus den verschiedenen Himmelsrichtungen nähern. Darüber hinaus aufgebrochen wird die eigentlich recht stringente Linearität der Missionen durch die zahlreichen sekundären Ziele, die in zuverlässiger Regelmäßigkeit über Funk angeboten werden.

Kämpferisches

Inhaltlich erwies sich Crysis soweit als vorzeigbar. Eine durchschnittliche Geschichte wird von einem guten Missionsdesign weitgehend aufgewertet. Höchste Zeit, auf einige spielerische Aspekte des Titels einzugehen.

KI

Die Künstliche Intelligenz der Crysis NPCs (Non-Player Characters) kann sich sehen lassen. Vor allem die Gegner des Nano-Suit-Trägers sind in der Regel alles andere als dümmlich. Statt sich nach und nach auf ein Gefecht mit ihrem Widersacher einzulassen, rotten sich insbesondere die koreanischen KVA-Truppen gerne zusammen und kreisen einen sogar ein – eine besonders fiese Taktik im unübersichtlichen Dschungel.

Ein wenig getrübt wird dieser gute Eindruck von zeitweise anzutreffenden Totalausfällen der KI: So neigen manche KVA-NPCs dazu, den Dschungel am hellichten Tag mit Leuchtraketen zu erhellen. Nun könnte man argumentieren, dass dieses Vorgehen anderen Truppenteilen in der Umgebung als Warnung dienen könnte. Nach dem Abschuss besagter Leuchtgeschosse begnügen sich einige Koreaner aber damit, weiterhin auf das Blätterdach des Dschungels zu starren, anstatt sich wieder dem Kampf zu widmen. Auch das Feuerverhalten der Hubschrauber ist – neutral ausgedrückt – ungewöhnlich. Statt gezielt auf Gegner zu feuern, lieben es die NPC-Piloten, dauerfeuernd über dem Dschungel zu kreisen, auch wenn der Spieler an einer ganz anderen Position steht – ob sich da wohl andere US-Einheiten befinden?

Crysis – Überwiegend Starke KI in Aktion
Crysis – Überwiegend Starke KI in Aktion

Das Schussverhalten der gegnerischen NPC ist auch insgesamt wohl das größte Ärgernis an Crysis: Die KVA-Einheiten haben offenbar einen Röntgenblick. Es spielt meistens keine Rolle, wo der Spieler Deckung sucht, er kann gewiss sein, dass die Koreaner ihn, solange er sich in Reichweite befindet, gezielt unter Beschuss halten werden.

Einzige Rettung vor den Wall- beziehungsweise Gebüsch-hackenden Computergegnern bietet tatsächlicher Schutz in festen Strukturen oder aber – ganz schlicht – wegrennen oder zurückschießen. Besonders ärgerlich ist dieser Umstand bei Hubschraubern, für die man keine Rakete mehr übrig hat. Vor diesen kann sich der Nano-Suit-Träger noch so tief im Buschwerk verstecken; der Monitor wird weiterhin rot aufleuchten und die wahlweise weibliche oder männliche Stimme des Anzuges wird eindringlich darauf hinweisen, dass der Energiestand niedrig ist. Auch die vielerorts vorhandenen Blechhütten bieten nur unzureichenden Schutz, da der clevere NPC-Hubschrauberpilot häufig gerne gezielt durch das Dach schießt, sodass man eigentlich immer darauf achten muss, genügend Raketen mit sich zu führen.

Hubschrauber-Attacken wiegen ohne Raketenwerfer schwer
Hubschrauber-Attacken wiegen ohne Raketenwerfer schwer

Verschärft wird das „Röntgenblick-Problem“ durch die schier unglaubliche Standfähigkeit der Gegner: Selbst mit gezielten Schüssen aus einem schweren Maschinengewehr braucht es für die Standard-KVA-Schergen meistens ein ganzes Magazin; noch schwieriger wird es, besseren Gegnern wie anderen Anzugträgern oder den eisigen Aliens den Gar aus zu machen. Überdies trägt das „Bleischluckvermögen“ der Gegner zu einer Verschärfung der bereits erwähnten, chronischen Munitionsknappheit bei.

Waffen & Fahrzeuge

An Waffen bietet Crysis was das Herz begehrt. Von diversen Maschinengewehren über Schrotflinten bis hin zu Raketenwerfern, stationären MGs und Alien-Waffen kommt keine Waffengattung zu kurz. Abgerundet wird das Equipment des Nano-Suit-Trägers von diversen Granaten (Splitter-, Blend-, Rauchgranaten), einem Fernglas, das auch zum Markieren von Zielen verwendet werden kann, und diversen Upgrades wie Schalldämpfern, Taschenlampen oder Zielfernrohren (näheres zur Verwendung der Waffen-Optionen unter „Steuerung“).

Auch der Crysis-Fuhrpark lässt keine Wünsche offen. So kann man nicht zuletzt aufgrund der größe der Insel immer wieder auf diverse Jeeps, Panzer und sogar Senkrechtstarter zurückgreifen (siehe Bilderreihe oben).

Nano-Suit

Ein großes Feature von Crysis ist der bereits mehrmals erwähnte Nano-Anzug, den der Held des Spiels trägt und der ihm gegenüber den meisten Gegnern nennenswerte Vorteile verschafft. So verfügt der Anzug über Funktionen, die in verschiedenen Situationen sehr hilfreich sein können. Will man zum Beispiel eine KVA-Patrouille kampflos umgehen, so bietet sich die Tarn-Option des Anzugs hervorragend an, mit Hilfe derer man, leider nur für wenige Sekunden, im Nichts verschwindet. Selbstverständlich auch nur so lange, wie man keinen Schuss abgibt.

Geht einem einmal die Munition aus – was, wie erwähnt, häufiger passieren kann – so ist die „Maximale Stärke“-Option Gold wert. Mit dieser lässt sich eine befestige Position des Gegners aufgrund der gewaltigen Sprungkraft locker umgehen, aber auch Gegner können bestens gewürgt und durch die Gegend geschleudert werden. Besonders vorteilhaft ist hier die Möglichkeit, den Feind als Quasi-Schutzschild zu verwenden. Abgerundet werden die Fertigkeiten des Anzugs durch ein Schnelligkeits-Feature, das den Crysis-Helden für ein paar Sekunden zum Profi-Sprinter werden lässt, sowie vom standardmäßig aktiven Rüstungsschutz, der für eine erhöhte „Toleranz“ gegenüber gegnerischer Munition sorgt.

Cutscene: Nano-Suit setzt Adrenalin frei
Cutscene: Nano-Suit setzt Adrenalin frei

Bei der Nutzung der erwähnten Optionen muss bedacht werden, dass dadurch die Energie des Anzugs verbraucht wird und man somit wesentlich verwundbarer wird. Dieser durchaus logische Umstand sorgt in Verbindung mit der ziemlich starken KI dafür, dass man die Features seines Anzugs nicht allzu oft nutzt. Dies könnte auf einige Spieler ernüchternd wirken, soll hier aber als gesunder Realismus gelobt werden: Auch in einem Nano-Suit steckt eben ein Mensch und nicht Gott persönlich.

Näheres zur Steuerung des Anzugs unter „Steuerung“.

Multiplayer

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ – in der heutigen Zeit gilt dieser vom Fußball bekannte Spruch auch für PC- und Konsolen-Spiele. Nach der Einzelspieler-Kampagne sorgt der Multiplayer-Part häufig noch Monate für anhaltenden Spielspaß und wertet die Investition in das Spiel gehörig auf.

Crysis Multiplayer-Lounge
Crysis Multiplayer-Lounge

Vor diesem Hintergrund kann man den Mehrspieler-Modus von Crysis nur loben. Denn genau das verspricht er: Anhaltenden Spielspaß. Dabei wird jedoch auf bahnbrechende Neuerungen verzichtet. So gibt es neben dem obligatorischen Deathmatch nur einen weiteren Modus, in welchem man in Teams verschiedene Punkte einnehmen und halten muss. Lobenswert ist, dass alle Funktionen des Anzugs auch im Multiplayer verfügbar sind, was die Action auf den bis zu 32 Mann starken Servern erhöht.

Insgesamt gestaltet sich der Multiplayer also als wenig innovativ und doch grundsolide.

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