2/4 Huawei P8 im Test : Koop-Kamera und Apple-Software im Alu‑Gewand

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Performance

Auf den ersten Blick nutzt Huawei für das P8 als System-on-a-Chip eine sanfte Weiterentwicklung des HiSilicon Kirin 925 aus dem Ascend Mate 7. Der Kirin 930 ist aber weit mehr als das. Das SoC wird zwar weiterhin in 28 nm gefertigt, nutzt jetzt aber die 64-Bit-fähige ARMv8-A-Mikroarchitektur. Dem big.LITTLE-Prinzip aus vier leistungsfähigen und vier stromsparenden CPU-Kernen ist Huawei treu geblieben, der Kirin 930 nutzt aber eine etwas ungewöhnliche Kombination. Statt vier Cortex-A57 und vier Cortex-A53 zu verbauen, hat sich HiSilicon für gleich acht Cortex-A53 entschieden.

Das big.LITTLE-Prinzip bleibt trotzdem aufrechterhalten, weil die CPU-Kerne nicht identisch sind. Das stromsparende Quartett wird mit bis zu 1,5 GHz getaktet, das leistungsfähigere stattdessen mit bis zu 2,0 GHz, was ungewöhnlich hoch für den Cortex-A53 ist. Deshalb trägt diese CPU intern auch den Namen Cortex-A53e. Das „e“ steht für Enhanced und soll eine Eigenentwicklung vom Huawei beziehungsweise HiSilicon sein. ComputerBase wartet derzeit noch auf detaillierte Spezifikationen von Huawei, die mehr preisgeben, als was das Internet derzeit zu bieten hat.

Huawei-Präsentationsfolien von MyDrivers.com zufolge hat sich der Konzern gegen den den klassischen ARMv8-A-Aufbau der ersten Generation aus vier Cortex-A57 und vier Cortex-A53 entschieden, weil der Cortex-A57 in einem SPEC-Benchmark zwar 56 Prozent Mehrleistung gegenüber dem Cortex-A53 bieten, aber gleichzeitig 256 Prozent mehr verbrauchen soll. Der neue Cortex-A72 der zweiten 64-Bit-Generation soll den Folien zufolge ebenfalls schlechter in der Disziplin Leistung pro Watt abschneiden. Allerdings takten A57 und A72 in dem Beispiel auch 200 MHz höher als der Cortex-A53, der mit 1,0 GHz angegeben ist.

Typisch für Huawei ist der Einsatz einer vergleichsweise schwachen GPU. Im Kirin 930 ist die Mali-T628 MP4 von ARM verbaut, die es im Vergleich zu aktuellen, aber auch letztjährigen SoCs von Qualcomm und Apple nur auf die hinteren Ränge schafft. Der Kirin 930 kann insgesamt vor allem dann überzeugen, wenn alle Kerne des SoC zum Einsatz kommen. Dann liegt die CPU-Leistung im Bereich des Qualcomm Snapdragon 805. Kommt allerdings nur ein Kern zur Anwendung, sinkt die Leistung auf das Niveau des Vorgängers Kirin 925 aus dem Ascend Mate 7, das jeweils vier Cortex-A15 und Cortex-A7 bietet. Enttäuschend ist die Browser-Leistung, die sich gegenüber dem Ascend P7 mit deutlich älterem Kirin 910T auf Cortex-A9-Basis nicht verbessert hat. Huawei nutzt einen eigenen Browser, der sich als Chrome 37 meldet.

NAND-Performance aktueller Smartphones
Smartphone Seq. Lesen Seq. Schreiben Random Read 4 KB Random Write 4 KB
MB/s IOPS MB/s IOPS
Huawei Ascend P8 141,67 40,23 22,32 5.882 10,19 2.625
Huawei Ascend P7 49,92 14,82 12,32 3.191 5,89 1.521
Huawei Ascend Mate 7 78,82 17,69 15,10 3.950 3,59 932
Samsung Galaxy S6 316,47 139,54 76,93 19.853 19,77 5.108
Samsung Galaxy S6 edge 321,02 138,56 76,73 19.768 20,00 5.169
Apple iPhone 6* 248,67 86,27 15,95 1,36
Apple iPhone 6 Plus* 252,74 81,65 12,16 1,32
LG G3 242,69 67,01 21,49 5.566 9,18 2.370
LG G Flex 2 216,43 70,40 20,13 5.228 9,01 2.326
HTC One M9 236,05 115,85 20,12 5.208 12,79 3.302
HTC One (M8) 149,55 44,98 17,10 4.408 9,69 2.491
Google Nexus 5 106,80 54,37 14,65 3.825 3,22 834
Motorola Moto G (2014) 76,65 17,53 11,96 3.100 2,41 625
Asus Fonepad Note 6 78,68 23,35 13,51 3.512 2,64 685
*Quelle: Anandtech

Dennoch kann die Leistung des P8 insgesamt als gut festgehalten werden, im Bereich Mutlimedia kommt das Smartphone über ein „befriedigend“ aber nicht hinaus. Mit Rucklern im Alltag hat das Smartphone keine Probleme. Viele geöffnete Anwendungen werden durch den mit drei Gigabyte großen Arbeitsspeicher abgefedert, zudem sorgt der vergleichsweise schnelle eMMC-Speicher für gute Ergebnisse. Die Datenraten für sequentielles Lesen und Schreiben haben sich gegenüber dem Ascend P7 verdreifacht und gegenüber dem Ascend Mate 7 verdoppelt. Auch beim wahlfreien Lesen und Schreiben ist ein klarer Fortschritt innerhalb und außerhalb der P-Serie erkennbar.

Betriebssystem

Huawei liefert das P8 ab Anfang Mai mit Android Lollipop in Version 5.0 aus, die im Dezember des letzten Jahres veröffentlichten Updates 5.0.1 und 5.0.2 sowie das im März dieses Jahres veröffentlichte Android 5.1 sind nicht in das System integriert. Während beispielsweise Samsung für das TouchWiz des Galaxy S6 (edge) die eigenen Veränderungen etwas zurückgeschraubt und für die eigenen Systemanwendungen teilweise das Material Design von Google übernommen hat, bleibt Huawei dem stark veränderten Emotion UI treu, das auf dem P8 in Version 3.1 zum Einsatz kommt.

Das Betriebssystem zeichnet sich in erster Linie durch den Wegfall des App-Drawers aus, was auch bei anderen chinesischen Herstellern wie Xiaomi und Meizu ein beliebtes Mittel ist, um sich von der etablierten Konkurrenz abzusetzen. Der Wegfall des App-Drawers bedeutet, dass die Smybole aller Apps auf den verschiedenen Homescreens liegen und nicht an zentraler Stelle aufbewahrt werden. Per se macht es keinen Unterschied, ob Apps über mehrere Seiten im App-Drawer oder direkt über den Homescreen aufgerufen werden, Android profitiert im Gegensatz zu iOS aber durch gute Widgets für die Homescreens, denen so weniger Platz zur Verfügung steht.

Als HTC und Samsung zum diesjährigen MWC den Trend des anpassbaren Betriebssystems für die aktuellen Flaggschiffe One M9 und Galaxy S6 (edge) aufgeschnappt haben, bot Huawei diese Funktionen schon Jahre früher. Auch das P8 bietet mehrere Themes, die zudem durch den Nutzer hinsichtlich Bidlschirmsperre, Animationen, Startbildschirm, Symbole und Schriftart angepasst werden können. Wie beim One M9 lässt sich für die Android-Navigationsleiste zudem zwischen mehreren Anordnungen wählen, die die Reihenfolge von Zurück, Home und Multitasking bestimmen und optional eine Verknüpfung für den Benachrichtigungsbereich hinzufügen.

Die durch die Themes hervorgerufenen Veränderungen sind für den Anwender in erster Linie durch angepasste Icons sichtbar. Huawei hat bei den Symbolen für die eigenen Anwendungen aber bessere Arbeit als für die von fremden Apps geleistet. Während Systemapps einheitlich zum Theme passend gestaltet wurden, kommen für Anwendungen von Google häufig veraltete oder im schlimmsten Fall sogar gleich aussehende Icons zum Einsatz. Veraltet sind beispielsweise die Symbole für die Play-Apps Musik, Filme, Bücher, Kiosk und Spiele. Bei gleichem Namen können die Themes von Huawei nicht unterscheiden, sodass der Huawei-Kalender und der von Google das gleiche Icon besitzen und sich erst nach dem Öffnen der Unterschied feststellen lässt.

Besser gefallen Anpassungen wie die Erkennung der Eingabe über den Fingerknöchel. Huawei sieht darin den revolutionären Nachfolger der klassischen Touchscreen-Eingabe, in der Praxis können damit aber lediglich per Klopfgeste auf den Bildschirm Screenshots angefertigt oder durch Auflegen des Fingerknöchels und Ziehen über den Bildschirm bestimmte Bereiche ausgeschnitten, bearbeitet und gespeichert werden. Eine Revolution ist das nicht, im Alltag praktisch sind solche Funktionen aber dennoch.

So viel Mühe sich Huawei aber gibt, selbst entwickelte, sinnvolle Funktionen in das Betriebssystem zu integrieren, so evident ist gleichzeitig das schamlose Kopieren von Apple. Dies fängt beim genannten Verzicht auf einen App-Drawer und die iOS-ähnliche Ausrichtung des Homescreens an, setzt sich bei der für das Öffnen der Suche genutzen Homescreen-Wischgeste nach unten mit gleichem Milchglas-Effekt fort und endet schließlich in einer fast eins zu eins übernommenen Foto-App. Das hat nichts mehr mit Inspiration durch andere zu tun, sondern nennt sich dreistes Kopieren. Huawei hat das nicht nötig und sollte diese Vorgehensweise für zukünftige Geräte ablegen.

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