Halo 5 Guardians im Test : Die Zukunft der Serie liegt im Mehrspieler-Modus

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Halo 5 Guardians im Test: Die Zukunft der Serie liegt im Mehrspieler-Modus
Bild: Microsoft

Die „größte Evolution in der Geschichte der Serieverspricht 343 Industries mit Halo 5. Nach Übergabe des Staffelstabes will sich das Studio mit dem ersten Serienteil für die Xbox One aus dem Schatten von Bungie lösen und eine eigene Vision für den Master Chief in die Tat umsetzen.

Losgelöst von den Limitierungen der alten Plattform sollen größere Umgebungen, dynamische Einzelspieler-Kämpfe und Freiheiten sowie neue Online-Modi und der Schwenk hin zu verstärkten eSports-Bemühungen mit großen, preisgeldträchtigen Turnieren eine glänzende Zukunft für Halo schaffen. Damit hat sich 343 fast schon eine Runderneuerung der traditionellen Halo-Eckpfeiler vorgenommen, in der Umsetzung aber den Schwerpunkt der Reihe noch einmal in Richtung der Mehrspieler-Aspekte verschoben.

Nichts für Einzelgänger

Der neuen Online-Schwerpunkt geht klar zu lasten der Einzelspieler-Kampagne. Die geweckten Erwartungen enttäuscht Halo 5 vor allem, weil 343 es nicht schafft, eine Brücke zwischen einem und mehreren Spielern zu schlagen. Der Elefant im Raum ist, wie so oft bei Shooter-Großproduktionen, die Story. Das angekündigte Epos mit einem spannenden Konflikt zwischen Master Chief und einem weiteren Trupp Supersoldaten vor dem Hintergrund einer allumspannenden Bedrohung wird trotz regelmäßigem, spielerisch aber bedeutungslosem Wechsel der Perspektive eine reine Luftnummer. Den größten Spannungsbogen schaffen noch die Trailer, der eigentliche Konflikt besteht aus einigen Faustschlägen, sein Ende im Streichelzoo männlicher Handschläge lässt sich nach diesem Höhepunkt sicher vorhersagen, auch, weil das Spiel den Ausgang selbst frühzeitig verrät.

Die Präsentation baut in hübschen Rendersequenzen auf Spektakel
Die Präsentation baut in hübschen Rendersequenzen auf Spektakel

Halo 5 hat ein massives Problem mit der Präsentation der Kampagne und dem Ausschöpfen des reichlich vorhandenen Potentials seiner zahlreichen Ideen. Um die gesamte Kampagne jederzeit kooperativ spielbar zu machen, wird der Spieler stets von drei weiteren Soldaten begleitet, die sich auf deutlich größeren Schlachtfeldern taktisch sinnvoll herumkommandieren lassen. Anders als in Gears of War entpuppen sich die Begleiter nicht als Personen, sondern als charakterlose Statisten, die lediglich alle paar Stunden eine nicht im Mindesten erinnernswerte Dialogzeile sprechen dürfen. Sinnbildlich sind die technisch hochqualitativen Zwischensequenzen, die oft maximal übertriebene Actionszenen mit schnellen Kamerawechseln zeigen müssen: 343 nimmt sich viel zu wenig Zeit, Geschichten zu erzählen, statt einem Mindestmaß an Inhalt steht zu sehr hemmungsloser Bombast im Vordergrund.

Ersatzweise vertraut das Studio darauf, dass Spieler wie angekündigt eigene Geschichten erleben können. Die hehre Hoffnung scheitert indes zu oft ausgerechnet am neuen Leveldesign. Vor allem am Anfang der Kampagne wirken Räume oder Areale oftmals aneinander geklebt und in sich weniger stimmig. In Zuspitzung: Ein Hangar voller Viecher und ein paar Explosionen machen noch kein gutes Spiel. Oftmals mangelt es ebenso an Kontext wie an rotem Faden. In einer hochgeheimen Raumstation herumzustapfen, die mysteriöserweise verschwunden und nun wiederentdeckt wurde, ein noch geheimeres Stealth-Raumschiff beherbergt – all das erwähnt der Shooter in einem Satz, weckt Erwartungen und baut geschickt Spannung auf, ohne im Ansatz zu liefern.

Dass Halo 5 gerade dann völlig unvermittelt abbricht, wenn die Story endlich etwas Fahrt aufgenommen hat und tatsächlich interessant zu werden beginnt, lässt sich der Solo-Kampagne schwer verzeihen. Viel anzukündigen und nicht einmal eine abgeschlossene Geschichte zu präsentieren legt die mehrmalige Verwendung des Adjektivs „enttäuschend“ nahe. Selbst eine finale Konfrontation mit einem mächtigen Gegner hat sich 343 gespart. Nach ein paar Gegnerwellen und einem Aufzug fällt der Vorhang.

Was der schreckliche Plan des neuen Herrens finsterer Heerscharen sein soll, wird trotz steter Ankündigung von Erklärungen nie wirklich klar: Der Homo Sapiens soll, in grandioser Negation jeglicher Logik, mit Gewalt zu Frieden und ewigem Glück gezwungen werden. Wie genau aber dieser Plan funktionieren soll, weiß entweder auch 343 Industries erst in Halo 6 – oder die Information wird in zahlreichen gut versteckten Audio-Logs preisgegeben, die Inhalte zwar hübsch optional machen, aber nichts mit Erzählen zu tun haben. Es gibt ohnehin bessere Arten, Hintergrundinformationen als Extra anzubieten, die nicht zu Lasten des Spielflusses oder der Atmosphäre gehen.

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