Sony Xperia Touch im Test: Ein bisschen Zukunft schon heute

Nicolas La Rocco 37 Kommentare
Sony Xperia Touch im Test: Ein bisschen Zukunft schon heute
Bild: Sony

tl;dr: Das Sony Xperia Touch verwandelt Tische und Wände zu interaktiven Touchscreens, die sich mit den Fingern bedienen lassen. Ein bisschen wirkt das Gerät wie ein Gadget aus der Zukunft, das aufzeigt, was irgendwann einmal möglich ist. Das lässt im Test Einschränkungen und vor allem den Preis in den Hintergrund rücken.

Handmade in Japan

Das Xperia Touch hatte Sony erstmals Ende Februar 2016 auf dem spanischen Mobile World Congress als „Xperia Projector“ gezeigt. Jetzt, gut anderthalb Jahre später, ist das Gerät zum Preis von 1.499 Euro in den B2B-Markt gestartet. Normale Consumer sollen das Produkt zu einem späteren Zeitpunkt kaufen können. Sony fertigt das Xperia Touch in geringer Stückzahl noch selbst von Hand in Japan, anders also als viele Xperia-Smartphones, die massenweise in China vom Band laufen. Man hat also etwas Besonderes vor sich stehen, vielleicht am besten vergleichbar mit anderen illustren Sony-Produkten wie dem Aibo, Glasstron, Vaio-Sondermodellen oder frühen Discmen.

Laserprojektor mit HD-Auflösung

Das 69 × 134 × 143 Millimeter (B×H×T) große und mit 932 Gramm knapp unter ein Kilogramm schwere Xperia Touch vereint die Hardware eines Xperia-X-Smartphones mit einem SXRD-Laserprojektor und Infrarot-Touch. Mit an Bord sind somit WLAN-ac, Bluetooth 4.2, NFC und GPS. Dass sich in dem optisch dezent schicken Rechteck die Hardware eines Sony-Smartphones versteckt, gibt einen klaren Hinweis auf die verwendete Software: Das Xperia Touch läuft mit Android 7.0 Nougat (Test).

Das Xperia Touch lässt sich in zwei Modi betreiben: Die Nutzung ist zum einen per Infrarot-Touch auf einer 23 Zoll großen, planen Fläche in der Horizontalen möglich, also zum Beispiel auf einem Tisch, oder ohne die Touch-Funktion als reiner Projektor mit bis zu 80 Zoll, zum Beispiel an eine Wand projiziert. Der Laserprojektor arbeitet mit 1.366 × 768 Bildpunkten und erreicht eine Helligkeit von bis zu 100 Lumen sowie einen Kontrast von 4.000:1. Unabhängig von der gewählten Projektionsart wird das Bild automatisch scharf gestellt, eine Trapezkorrektur bietet das System hingegen nicht.

Während der Projektion kühlt ein Lüfter den Innenraum des Gehäuses. Dieser ist im Betrieb stets wahrnehmbar, erreicht aber kein störendes Geräuschniveau.

Xperia Touch im Alltag

Auf der Sony-Website zum Xperia Touch erwecken die Bilder den Eindruck, dass der Projektor an beinahe beliebiger Stelle aufgebaut und verwendet werden kann. Tatsächlich sollte man allerdings von direkter Sonneneinstrahlung beleuchtete Flächen tunlichst vermeiden und stattdessen die schattigen Orte der Wohnung aufsuchen. Andernfalls ist von der Projektion des Xperia Touch nur noch wenig und mit schlechtem Kontrast zu sehen. Außerdem empfiehlt sich die Projektion auf einer möglichst hellen oder dunklen, am besten weißen oder schwarzen Oberfläche, die vollständig plan ist und kein Muster aufweist. Unter diesen Bedingungen liefert das Xperia Touch das beste Bild. Wer nicht für perfekte Bedingungen sorgt, wird die meiste Zeit über allerdings ziemlich enttäuscht von der Bildqualität sein. Es ist der größte Negativpunkt im Test.

Projektion mit 23 Zoll
Projektion mit 23 Zoll
1.366 × 768 Pixel
1.366 × 768 Pixel
100 Lux bei 4.000:1 Kontrast
100 Lux bei 4.000:1 Kontrast

Einrichtung

Ist erst einmal das bis zu 45 Watt liefernde Netzteil per USB Typ C mit dem Xperia Touch verbunden, kann es auch schon mit dem ersten Start und der Einrichtung los gehen. Da es mit dem Ein- und Aus-Schalter und zwei Sensortasten für die Lautstärke nur wenige Bedienelemente gibt, kann bei der Ersteinrichtung eigentlich nichts falsch gemacht werden. Bis nach dem Einschalten das erste Mal das Sony-Logo zu sehen ist, vergehen etwa 15 Sekunden, der gesamte Bootvorgang dauert auch bei einem Neustart circa 90 Sekunden. Das weitere Einrichten funktioniert wie auf einem Smartphone: WLAN aussuchen, Google-Konto eingeben, Einstellungen überprüfen und fertig.

Auch alles, was nach der Ersteinrichtung folgt, ist von Android-Geräten bekannt, allerdings nicht von Smartphones, sondern von Tablets. Das Xperia Touch projiziert nämlich nichts anderes als eine auf 23 Zoll vergrößerte Tablet-Bedienoberfläche, wie sie etwa auch ein Xperia Tablet bietet. Das ist auf der einen Seite praktisch, weil man sich keinen Deut umgewöhnen muss, andererseits hat sich Sony somit aber auch nichts Neues speziell für die Bedienung dieses Geräts ausgedacht. Ein User Interface wie auf der PlayStation Vita hätte sicherlich auch funktioniert, dann hätte aber die Android-Kompatibilität gefehlt und die Anzahl der verfügbaren Apps wäre geringer gewesen.

Bedienung

Imposant ist, wie präzise sich das Xperia Touch auf Anhieb bedienen lässt, sobald die erste Kalibrierung abgeschlossen worden ist. Ärgerlich ist hingegen, dass sich das entsprechende Tool dafür erst innerhalb von Android aufrufen lässt und nicht schon während der Ersteinrichtung zur Verfügung steht. Die Sensorik für das Infrarot-Touch befindet sich auf der Vorderseite des Xperia Touch in dem Bereich unterhalb des Sony-Logos. Dass das Gerät selbst plan auf dem Tisch steht, überprüft ein Sensor an der Unterseite, der bei entsprechender Ausrichtung den Autofokus des Projektors auslöst. Sobald das Gerät angehoben wird, stoppt die Projektion. Das Xperia Touch muss deshalb immer mit festem Kontakt ohne Lücke zum Tisch oder zur Wand aufgestellt werden.

Glücklicherweise arbeitet das Xperia Touch bereits ohne die Kalibrierung ausreichend präzise, um die ersten Schritte vornehmen zu können. Für den Alltagseinsatz kommt man an der Kalibrierung aber nicht vorbei. Ein kompliziertes Google-Passwort ließ sich im Test partout nicht korrekt eingeben, weil es auf der Android-Tastatur immer wieder zu doppelten Eingaben und falscher Erkennung von Zeichen kam. Nach dem Überspringen dieses Schrittes lässt sich das Kalibrierungs-Tool als App aufrufen. Dabei müssen 15 projizierte Punkte verteilt über drei Reihen mit dem Finger bestätigt werden. Anschließend arbeitet die Fingererkennung des Xperia Touch um ein Vielfaches besser. Nutzer sollten in jedem Fall darauf achten, dass keine Gegenstände im Bereich der Projektionsfläche liegen. Nur die Finger sollten in dieser Zone zum Einsatz kommen.

Keine Absicherung vorgesehen

Sony bewirbt das Xperia Touch als Gerät im Mittelpunkt der Wohnung und Familie. Es soll sich von allen Personen ohne nutzerspezifische Einschränkungen bedienen lassen. Diese Intention von Sony lässt sich zum einen umsetzen, indem ein spezieller Google-Familien-Account angelegt wird, den alle benutzen dürfen, oder indem über das User-Management in Android mehrere persönliche Google-Accounts oder für Gastkonten angelegt werden. Wer sein persönliches Google-Konto mit vielen privaten oder gar geschäftlichen Informationen auf dem Xperia Touch einrichtet, muss sich darüber im Klaren sein, dass sich der Zugriff auf den Projektor nicht sperren lässt. Es gibt nämlich keinen Sperrbildschirm wie eigentlich bei Android-Geräten üblich. Jede Person mit physischem Zugriff auf das Xperia Touch kann die hinterlegten Daten einsehen.

„OK Google“ funktioniert erst nach dem Einschalten

Aktivieren lässt sich das Xperia Touch über den Anwesenheitssensor, der den Projektor dann einschaltet, sobald sich eine Person dem Gerät nähert. Dieser Modus ist zum Beispiel beim Einsatz in der Küche oder im Hausflur nützlich. Das Gerät kann so dauerhaft eingeschaltet bleiben, spart aber Energie, da nichts projiziert wird. Im Standby zieht das Xperia Touch allerdings trotzdem rund 13 Watt, im Betrieb sind es je nach Inhalt bis zu 25 Watt. Das Xperia Touch ist mit einem Akku für den mobilen Betrieb ausgerüstet, der bei reduzierter Helligkeit für rund eine Stunde Offline-Videowiedergabe ausgelegt ist. Die meiste Zeit über hängt das Xperia Touch deswegen am Netzteil.

Die zweite Methode der Aktivierung ist das klassische Ein- und Ausschalten über den Knopf an der Oberseite. Einen Sprachbefehl wie „OK Google“ gibt es nicht, was schade ist, denn als Gerät für den Google Assistant wäre das Xperia Touch sehr gut geeignet. Den Google Assistant gibt es noch nicht für diese Geräteklasse und der von Smartphones bekannte Sprachbefehl „OK Google“ funktioniert nur bei eingeschalteter Projektion – dann aber auf Wunsch auf jedem Bildschirm.

Einsatzgebiete

Nach den ersten aufregenden Minuten mit dem Xperia Touch stellt sich unweigerlich die Frage, was man denn noch alles mit diesem speziellen Projektor machen kann. Spielen, Entdecken, Ansehen und Kommunizieren sagt Sony. Da das Gerät vollen Zugriff auf Google Play hat, gibt es so gut wie keine Limitierung hinsichtlich des App-Angebots. Alles, was auf einem Android-Tablet läuft, läuft auch auf dem Xperia Touch. Das können zum Beispiel Spiele wie Billard oder Air Hockey sein, die dank 60-FPS-Darstellung flüssig laufen. Sofern kein Lagesensor wie im Smartphone benötigt wird, lassen sich die meisten Spiele auf dem Xperia Touch spielen. Der verbaute Qualcomm Snapdragon 617 mit Adreno-405-GPU sowie 3 Gigabyte Arbeitsspeicher sind dafür leistungsstark genug. Der interne Speicher bietet 32 Gigabyte und kann per microSD-Karte hinten am Gerät erweitert werden.

microSD-Steckfach an der Rückseite des Xperia Touch
microSD-Steckfach an der Rückseite des Xperia Touch

Praktisch kann das Xperia Touch in der Küche sein, zum Beispiel als digitales Kochbuch oder für Videos direkt auf der Arbeitsfläche. Theorie und Praxis gehen hier allerdings etwas auseinander, denn die 23 Zoll der Projektion hat man dann nicht mehr zum Arbeiten frei. Noch mehr als bei einem IP67/68-geschützten Gerät lässt sich das Xperia Touch oder vielmehr die Projektion aber mit dreckigen Fingern bedienen. Obacht gilt hingegen für das Gerät selbst, denn dieses ist noch nicht einmal spritzwassergeschützt.

Dank eingebauter 13-Megapixel-Kamera und Mikrofon ist das Xperia Touch auch für die Nutzung von IP-Audio- und Video-Telefonie mittels Apps wie Google Duo oder Microsoft Skype geeignet. Dies funktioniert allerdings ausschließlich im Projektionsmodus an die Wand, da die Kamera nur bei dieser Ausrichtung nach vorne zeigt. Wird auf den Tisch projiziert, zeigt die Kamera nach oben und somit nutzlos an die Decke.

Wer möchte, kann das Xperia Touch auch als Short-Throw-Projektor verwenden, der bis zu 80 Zoll relativ scharf darstellt. Das Gerät muss dafür einfach etwas weiter weg von der Wand aufgestellt werden, bis sich entsprechend ein größeres Bild ergibt. In diesem Modus ist das Xperia Touch allerdings wirklich nur noch ein reiner Projektor, da hier die Touch-Eingabe nicht mehr funktioniert. Dann lassen sich nur noch Filme und ähnliches über Android oder eine externe Quelle abspielen. Neben dem USB-Typ-C-Anschluss des Netzteils ist das Xperia Touch mit einer Micro-HDMI-Buchse für externe Zuspieler ausgerüstet. Das können ein Blu-ray-, DVD-Player oder aber eine PlayStation 4 sein.

B2B im Fokus

Da sich das Xperia Touch in Deutschland aufgrund der B2B-Ausrichtung erst einmal nicht an normale Endkunden richtet, stellt sich für Geschäftskunden die Frage, wie sie das Produkt einsetzen sollen. Denn beworben wird es von Sony nur für Privat. Noch vor der diesjährigen MWC-Vorstellung als Xperia Touch wurde das Gerät im Januar unter dem alten Namen Xperia Projector im Rahmen der LivingKitchen als Bestandteil einer smarten Küche von Nolte präsentiert. Auf der Arbeitsplatte oder Kücheninsel positioniert sollte der Xperia Projector zum smarten Begleiter vieler Alltagssituationen werden.

Genau in solch einem Umfeld wie bei Küchenherstellern, in Möbelhäusern oder vielleicht auch beim Autohändler als Präsentationsgerät könnte das Xperia Touch zuerst zum Einsatz kommen. Das Gerät verleiht eher schnöden Umgebungen schnell einen futuristischen Touch und könnte der Einstieg in ein weiterführendes Gespräch ein. Für Produktdemonstrationen unter optimalen Bedingungen ist das Xperia Touch im professionellen Umfeld gut als Ergänzung eines Showcases geeignet.

Fazit

Schon irgendwie cool, aber...“, könnte das Kurzfazit zum Xperia Touch lauten. Sony beweist einmal mehr, dass ab und zu der Sprung ins kalte Wasser gewagt werden muss, um neue Produktsegmente zu erforschen, um diese irgendwann einmal bei der breiten Masse zu etablieren. Das Xperia Touch kauft man sich nicht spontan einfach mal so, zumal das aktuell in Deutschland ohnehin nicht geht, und selbst wenn, dann würde der Preis von rund 1.500 Euro selbst nach reichlicher Überlegung die meisten Interessenten wohl abschrecken.

Aufrechter Modus für die Projektion an eine Wand
Aufrechter Modus für die Projektion an eine Wand (Bild: Sony)

Wer sich ein Xperia Touch in die Wohnung stellt, holt sich futuristisches Flair in die eigenen vier Wände. Damit einher gehen allerdings auch gleich mehrere Nachteile, die selbst bei einem deutlich niedrigeren Preis noch stören würden. In erster Linie betrifft das die Qualität der Projektion, die aufgrund der geringen Leuchtkraft das Einsatzgebiet stark limitiert. Erst unter optimalen Bedingungen ist sie zufriedenstellend gut.

Schade ist auch, dass Sony nicht die Chance genutzt hat, eine Art Google Assistant aus dem Gerät zu machen. Dafür fehlt dem Mikrofon die Always-on-Funktion. Erst nach dem Einschalten akzeptiert das Xperia Touch Sprachbefehle und gibt Feedback. Die integrierten Stereo-Lautsprecher sind ausreichend laut und der Klang geht in Ordnung.

Günstiger und mit besserer Projektion wäre das Xperia Touch durchaus ein interessanter Third- oder Fourth-Screen in der Wohnung, eine Art zentrales Informationshub zum Beispiel im Wohnzimmer oder in der Küche. Zum aktuellen Zeitpunkt kann man Sony aber erst einmal nur für das Wagnis loben, neues auszuprobieren. Das Xperia Touch wirkt noch etwas unreif, ist aber trotzdem ein bisschen Zukunft schon heute.

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