Tesoro Gram XS im Test: Bei den flachen Chiclet-Tasten mit Mechanik hakt es

Max Doll 37 Kommentare
Tesoro Gram XS im Test: Bei den flachen Chiclet-Tasten mit Mechanik hakt es

tl;dr: Sharkoons flache mechanische Tastatur PureWriter ist nicht mehr alternativlos, aber noch immer ohne Konkurrenz. Zwar ist auch die Gram XS eine extrem flache mechanische Tastatur, erweist sich im Test aber nicht als ebenso gut. Das Design und die interessanten Taster schaffen keinen ausreichenden Ausgleich.

Mechanisches Kaugummi

So hoch wie flache Rubberdome-Tastaturen zu sein: Das war für mechanische Tastaturen lange Zeit unmöglich. Nach zahlreichen, zunehmend flacheren Modellen kann seit dem vergangenen Herbst und Sharkoons PureWriter (Test) nahezu auf Augenhöhe mit „Notebook-Tastaturen“ agiert werden. Mit der Tesoro Gram XS bekommt das Modell nun Konkurrenz, die ebenfalls nur knapp 2,4 Zentimeter hoch und ähnlich ausgestattet ist.

Zusatzfunktionen auf der FN-Ebene, programmierbare Tasten und eine RGB-Beleuchtung sind so weit typische Ausstattungsmerkmale der Preisklasse. Die Besonderheit der Tastatur liegt an anderer Stelle: Sie unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von den Chiclet-Tastaturen mit einfacher Rubberdome-Technik, ist also ein dezentes Designobjekt mit höherwertiger Technik. Bei diesem unter anderem aus Apple-Notebooks bekannten Design werden die Tasten nicht in einem Tastenbett platziert, sondern einzeln umschlossen. Die Kappen stehen wie Kaugummis heraus. Schlüssel dazu sind neue, von Tesoro unter eigenem Namen angebotene Slim-Taster.

Tesoro Gram XS
Sharkoon PureWriter RGB
Größe (L × B × H): 45,0 × 12,6 × 2,4 (2,4) cm 43,6 × 12,7 × 2,3 (3,4) cm
Layout: 105 ISO 105 ISO (erweitert)
Gewicht: 743 g 642 g
Kabel: 1,80 m, USB/Micro-USB (modular) 1,50 m, USB/Micro-USB (modular)
Hub-Funktion:
Key-Rollover: 6-KRO, N-KRO N-KRO
Schalter: Tesoro Slim Red / Blue Kailh Chocolate Red / Blue
Tasten: Form: eben
Material: ABS-Kunststoff
Beschriftung: laser cut
flache Tasten, Chiclet-Tasten
Form: zylindrisch
Material: ABS-Kunststoff
Beschriftung: laser cut
flache Tasten
Zusatztasten: 3 × Medien
1 × Extra
Medienfunktionen: Stumm, Lautstärke, Abspielen/Pause, Vor/Zurück Stumm, Lautstärke, Abspielen/Pause, Stopp, Vor/Zurück
Zusatzfunktionen: Profile wechseln, Helligkeit (regeln, ausschalten), Gaming-Modus, Makroaufnahme Profile wechseln, Helligkeit (regeln, ausschalten), LED-Modi, Programmverknüpfungen
Beleuchtung: Farbe: RGB
Modi: Atmungseffekt, Welleneffekt, Reaktiver Modus, Farbschleife
Sonstige: individuelle LED-Profile
Farbe: RGB
Modi: Atmungseffekt, Welleneffekt, Reaktiver Modus, Gaming-Beleuchtung, Farbschleife
Sonstige: individuelle LED-Profile
Makros & Programmierung: 512 kB, 3 Profile, Hardware-Wiedergabe
vollständig, softwarelos programmierbar
Preis: ab 96 € / 119 $ ab 77 € / ab 78 €

Tesoros flache Taster

Wie andere Flachbau-Taster nutzen Tesoros Slim ein kompakteres Gehäuse mit anderem Stößel, der auf die sonst gängigen Kreuzaufnahmen verzichtet. Der Wechsel auf eine Befestigung mit Haltenasen reduziert die Höhe auf insgesamt neun Millimeter, unterbindet aufgrund des proprietären Formats jedoch den Austausch der Tastenkappen.

Angeboten werden die Slim-Taster in zwei Abstimmungen. Verfügbar sind lineare rote und blaue, hörbar klickende Versionen, die aber exklusiv im US-Layout angeboten werden. Der für flache Taster typische, auf drei Millimeter verkürzte Hub wird bei Tesoros Slim-Tastern mit einem frühen Signalpunkt kombiniert. Eine Eingabe erfolgt bei einem Widerstand von 45 Gramm bereits, nachdem die Taste kaum mehr als einen Millimeter eingedrückt wird. Derart früh lösen sonst nur dedizierte „Gaming-Taster“ wie der Cherry MX Speed aus. Auffällig ist außerdem die geringe nominelle Lebensdauer von 10 Millionen Anschlägen. Dass diese Angabe vom Hersteller als „extreme Haltbarkeit“ beworben wird, verblüfft – die Suche nach Steigerungsformen für Taster mit einer Lebensdauer von 50, 70 oder 100 Millionen Anschlägen scheint kaum mehr möglich.

Tesoro Slim Red
Tesoro Slim Blue
Kailh Chocolate Red
Kailh Chocolate Blue
Charakteristik: linear taktil („clicky“) linear taktil („clicky“)
Hubweg: 3,0 mm
Position des Signalpunktes: 1,1 mm 1,5 mm
Widerstand am Signalpunkt: 45 g 40 g 50 g
Lebensdauer (Anschläge): 10 Mio. 70 Mio.

Wer ablegt, der löst aus

Früh auslösende Taster sind zunächst immer gewöhnungsbedürftig. Tesoros Variante eignet sich nicht als Ausnahme von dieser Regel. Selbst wenn man zuletzt nach 1,5 Millimetern auslösende Taster genutzt hat, verlangt die Auslegung nach Übung. Selbst nach langer Eingewöhnung blieben vereinzelte Fehl- und Dauereingaben Teil des Alltags, weil die Taster aufmerksam und sehr bewusst (nicht) betätigt werden wollen. Dies würde zudem noch häufiger als bei MX Speed geschehen.

Daran wird einmal mehr deutlich, welchen großen Unterschied minimale Distanzänderungen an den Fingerkuppen machen können. 1,1 Millimeter lassen keinerlei Spielraum. Eindrücken ist, das melden die Synapsen, immer Auslösen und das passiert auch dann, wenn einfach nur ein Finger auf der Taste abgelegt wird. Diese hohe Empfindlichkeit legt die Taster aber nicht auf einzelnes Anwendungsgebiet fest. Sie steht weder Schreiben noch Spielen im Weg – das Verhalten ist einfach Geschmackssache.

Tesoro Gram XS (Tesoro Slim Red)

Technisch können die Taster nicht zur Gänze überzeugen. Das von ML-Modellen berichtete Verhaken des Stößels tritt bei Tesoros flachen Signalgebern zwar nicht auf, dafür gibt es eine Anzahl anderer Problemzonen größerer und kleinerer Auswirkung. Das geringste Problem stellt der subjektive Eindruck dar. Beim Eindrücken sanft kratzende Stößel, die nicht gänzlich reibungsfrei in ihren Führungen herabgleiten, sind kein grundsätzliches Problem und nur unschön, weil der Eindruck hochwertiger Geschmeidigkeit verloren geht und das Schreiben etwas hakender und letztlich langsamer wird.

Unmechanische Schwammigkeit

Zusätzlich haben die extrem flachen Tastenkappen nur kurze Haltenasen mit zu geringer vertikaler Haltekraft. Am Rand betätigte Kappen stellen sich schief und liefern spätestens ab der zweiten Eingabe eine durch die veränderte Anstellung variierende Rückmeldung an die Finger. Ein solches Szenario tritt vor allem bei kraftvoller Betätigung häufiger auf und das alleine, weil die flachen Tastenkappen ihre gesamte Grundfläche als Oberfläche für die Finger zur Verfügung stellen. Das bringt Schwammigkeit hervor, die mechanischen Tastern nicht innewohnen sollte. Das durch die flachen Kappen und Taster verringerte Klangvolumen produziert dabei eine eher leise Tastatur, das dünne Material der Kappen verringert die Gewinne allerdings. Nachhallen ist den Tastern fremd, ihr Klangteppich aber durch die helle Tonlage wahrnehmbar.

Auch die Stabilisierung großer Tasten gelingt Tesoro nicht zufriedenstellend. Wird etwa „Enter“ nicht zentral getroffen, steigt der Widerstand drastisch an, das Gleiche gilt für „Strg“ und damit eine beim Spielen häufig nur an einer Ecke getroffenen Taste. Die Leertaste verlangt gleich in Gänze nach mehr Kraft zum Auslösen. Das liegt unter anderem an der nötigen mehrfachen Stabilisierung durch weitere Taster; die Kappen sind so dünn, dass sie sich bei Betätigung zunächst biegt, anstatt gleichmäßig in Richtung Tastenbett zu gleiten.

Zu viele Kompromisse

Dieses vielfältig uneinheitliche Feedback missfällt in jedem Szenario. Schlimmer noch: Es untergräbt ein Stück weit die Existenzberechtigung einer mechanischen Tastatur, deren gleichbleibende Präzision eigentlich ein wesentliches Argument für die Technik ist. Zweifel an der Qualität des Designs weckt aber auch die N-Taste der vorliegenden Tastatur, die sporadisch und scheinbar zufällig die Auslösung verweigert. Der Blick auf Kundenrezensionen bei Amazon.de* legt nahe, dass es sich um ein häufiger auftauchendes Problem handelt. Fertiger TTC hat die Technik offenkundig noch nicht ganz im Griff. Davon zeugen die gemachten Kompromisse und Unzulänglichkeiten überdeutlich. Dass das Design flacher Tastenmechanik aber nicht nur diesem Unternehmen schwerfällt, beweisen indes die ML-Taster, aber auch Verschiebungen von Cherrys nächsten Low-Profile-Tastern.

Zumindest fragwürdig erscheint darüber hinaus der Verzicht auf eine stabilisierende Metallplatte für die Taster. Diese werden lediglich unmittelbar auf dem (biegsamen) PCB verlötet, das darüberliegende Element besteht nur aus Kunststoff und liegt lose auf. Aus Metall ist nur die Oberseite des Gehäuses, das mit dem Chassis verschraubt wird und indirekt die Festigkeit der Konstruktion erhöht. Das überrascht, denn „plate mounting“ ist bei Tastaturen im dreistelligen Preisbereich eigentlich ein Standard ohne Ausnahme.

Das alles wäre als Kompromiss vielleicht unter gewissen Umständen hinzunehmen, wenn die Taster alternativlos wären. Sie sind es aber nicht. Die laut Datenblatt langlebigeren Kailh-Taster der genauso flachen Sharkoon PureWriter laufen geschmeidiger, lösen gleichmäßig aus und werden mit besser fixierten, stabilen Tastenkappen bestückt. Dass die dazugehörige Tastatur auch noch leiser zu Werke geht, versetzt Tesoros Slim-Tastern den Todesstoß.

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