LG G8s im Test: Comeback-Versuch mit einem TV-Deal

Nicolas La Rocco 105 Kommentare
LG G8s im Test: Comeback-Versuch mit einem TV-Deal

tl;dr: Gut vier Monate nach der Ankündigung ist das LG G8s nun auch in Deutschland verfügbar. Das Smartphone ist dank Snapdragon 855 schnell und schießt mit der Triple-Kamera vielfältige Fotos. Die neue Gestensteuerung überzeugt im Alltag hingegen nicht. Außerdem ist das Smartphone mit Ausnahme einer 4K-TV-Aktion zu teuer.

Auch dieses Jahr startet LGs neue Smartphone-Generation mit schlechten Vorzeichen in den Markt. Obwohl die Vorstellung des G8s schon zum MWC Ende Februar erfolgte, kommt das Smartphone erst jetzt in den Handel. Huawei und Samsung können das besser, hier vergehen zwischen Ankündigung und Verfügbarkeit nur wenige Tage.

LG bietet das G8s zur unverbindlichen Preisempfehlung von 769 Euro in Deutschland an. Das ist zwar nicht ganz so viel, wie ein P30 Pro (Test) oder Galaxy S10 (Test) zum Start gekostet hat, doch ruft LG angesichts des späten Marktstarts dennoch einen vergleichsweise hohen Preis auf. Die Anschaffungskosten der Top-Smartphones der Konkurrenz sind zwischenzeitlich unter die Preisempfehlung von LG gefallen, selbst ein erst wenige Wochen verfügbares OnePlus 7 Pro (Test) ist günstiger.

4K-Fernseher als kostenlose Beigabe

Aufgrund dieser Situation hat sich LG zu einer ungewöhnlichen Marketingstrategie entschieden. Wer das G8s im Aktionszeitraum vom 1. Juli bis 31. Juli kauft und es bis zum 14. August bei LG registriert, erhält kostenlos den 4K-Fernseher 43UM71007LB im Wert von 499 Euro (UVP) dazu. Im freien Online-Handel liegt das TV-Gerät bei aktuell knapp unterhalb von 400 Euro.

Technische Daten im Überblick

LG G8s ThinQ
LG G8 ThinQ
Software:
(bei Erscheinen)
Android 9.0
Display: 6,21 Zoll
1.080 × 2.248, 402 ppi
OLED, HDR, Gorilla Glass 6
6,10 Zoll
1.440 × 3.120, 563 ppi
OLED, HDR, Gorilla Glass 6
Bedienung: Touch, Fingerabdrucksensor, Gesichtsscanner
SoC: Qualcomm Snapdragon 855
1 × Kryo 485, 2,84 GHz
3 × Kryo 485, 2,42 GHz
4 × Kryo 485, 1,80 GHz
7 nm, 64-Bit
GPU: Adreno 640
RAM: 6.144 MB
LPDDR4X
Speicher: 128 GB (+microSD)
1. Kamera: 12,0 MP, 2160p
LED, f/1,8, AF
16,0 MP, 2160p
LED, f/1,9, AF
2. Kamera: 13,0 MP, f/2,4, AF 12,0 MP, f/1,5, AF
3. Kamera: 12,0 MP, f/2,6, AF 12,0 MP, f/2,4, AF
4. Kamera: Nein
5. Kamera: Nein
1. Frontkamera: 8,0 MP, 1080p
Display-Blitz, f/1,9, AF
8,0 MP, 1080p
Display-Blitz, f/1,7, AF
2. Frontkamera: Nein
GSM: GPRS + EDGE
UMTS: HSPA+
↓42,2 ↑5,76 Mbit/s
LTE: Advanced Pro
↓2.000 ↑150 Mbit/s
5G: Nein
WLAN: 802.11 a/b/g/n/ac
Wi-Fi Direct, Miracast
802.11 a/b/g/n/ac
Wi-Fi Direct
Bluetooth: 5.0 LE
Ortung: A-GPS, GLONASS, BeiDou, Galileo
Weitere Standards: USB 3.1 Typ C, NFC
SIM-Karte: Nano-SIM, Dual-SIM Nano-SIM
Akku: 3.550 mAh
fest verbaut
3.500 mAh
fest verbaut
Größe (B×H×T): 76,6 × 155,3 × 7,99 mm 71,8 × 151,9 × 8,40 mm
Schutzart: IP68 + MIL-STD-810G IP68
Gewicht: 181 g 167 g
Preis: ab 599 €

Hochwertiges Gehäuse mit IP68 und MIL-STD-810G

Obwohl LG zu wissen scheint, dass das G8s keine 769 Euro wert ist, muss sich der Hersteller zumindest in Sachen Verarbeitungsqualität nicht verstecken. Das G8s ist, wie so viele Smartphones am Markt, eine Konstruktion aus Metallrahmen und zwei Scheiben Glas, die – made in Korea – sauber verarbeitet wurden und keinen Anlass für Kritik geben. Widerstandsfähig soll das Smartphone ebenso sein, trägt es doch eine IP68-Zertifizierung, die es vor Wasser und Staub schützt, sowie die US-amerikanische technische Militärnorm MIL-STD-810G gegen Erschütterungen und dergleichen.

Das OLED-Display ist zu dunkel

Die Front ziert ein 6,21 Zoll großes OLED-Display mit einer Auflösung von 2.248 × 1.080 Pixeln. In diesem Punkt unterscheidet sich das Smartphone vom G8 ohne „s“, das LG nicht in Deutschland anbietet. Dort werden auf kleineren 6,1 Zoll 3.120 × 1.440 Pixel geboten. Scharf genug ist die Darstellung aber auch mit den 402 ppi des G8s. Anders sieht es bei der Helligkeit aus, denn hier schneidet unter den aktuellen Flaggschiffen nur das Xperia 1 (Test) schlechter ab. LG bekommt das OLED-Display selbst im High-Brightness-Modus nicht heller als 455 cd/m², die Konkurrenz leuchtet bis zu 50 Prozent kräftiger, was sich gerade dieser Tage bei heller Sonneneinstrahlung bemerkbar macht.

Schlechte Abstimmung und zu viele Optionen

Davon abgesehen ist das Display ab Werk schlecht abgestimmt. Der Weißpunkt von 7.800 Kelvin macht sich durch einen ohne Messgerät erkennbaren Blaustich bemerkbar. LG bietet insgesamt sieben (!) Farbprofile für den Bildschirm des G8s und zahlreiche Unterfunktionen an, die beim Endkunden eher zu mehr Verwirrung als Freude über die große Auswahl führen dürften. Im Untermenü „Farben des Bildschirms“ stehen die Profile „Automatisch“ (ab Werk), „Kino“, „Sport“, „Spiel“, „Fotos“, „Internet“ und „Experte“ zur Verfügung, außerdem lässt sich Einfluss auf Farbtemperatur, Sättigung, Farbton und Schärfe sowie die Intensität der Grundfarben Rot, Grün und Blau nehmen. Zusätzlich gibt es mit „True View“ eine automatische Anpassung der Farben an das Umgebungslicht (ab Werk ausgeschaltet), HDR-Effekte für „hellere und lebendigere“ Farben (ab Werk aus) und eine „Komfortansicht“ für einen geringeren Blauanteil.

In Summe sind das für den Endverbraucher einfach viel zu viele Bildschirm-Optionen, woraus zahlreiche unnütze Kombinationsmöglichkeiten resultieren. Dass es besser geht, zeigt vor allem Apple, der solche Spielereien erst gar nicht notwendig hat. Auch Samsung hat mit der S10-Serie die Anzahl der Display-Einstellungen drastisch reduziert. Deutlich besser hätte dem G8s ein ab Werk korrekt kalibriertes OLED-Display mit einer höheren Maximalhelligkeit gestanden.

ToF-Kamera für guten Face-ID-Klon

Die Vorderseite des G8s ziert jedoch mehr als nur das Display. In dessen Notch bringt LG einen der beiden Lautsprecher für Telefonate, die Frontkamera, Sensoren für Helligkeit und Annäherung sowie die sogenannte Z-Kamera unter. Diese besteht aus zwei Komponenten: einem Infrarotlicht und einem Time-of-Slight-Sensor. Über die Z-Kamera lässt sich das G8s zum Beispiel per Gesichtserkennung entsperren, vergleichbar mit Apples „Face ID“. Das System ist dabei deutlich sicherer als häufig verwendete 2D-Lösungen, die nur mit einer simplen Selfie-Aufnahme des Nutzers arbeiten, anstatt dessen Gesicht dreidimensional zu vermessen.

Die Gesichtserkennung von LG arbeitet zuverlässig und sorgte im Test für schnelles Entsperren innerhalb kurzer Zeit, nachdem das Smartphone angehoben wurde und sich Bildschirm und Z-Kamera daraufhin automatisch aktivierten. „Face ID“ von Apple arbeitet jedoch schneller und wird mit iOS 13 weniger Zeit für den Entsperrvorgang benötigen. Für eine erste Umsetzung ist LG das eigene „Face ID“ jedoch gut gelungen.

Handvenen-Erkennung zu oft mit Fehlversuchen

Das Entsperren über das Gesicht ist jedoch nur eine von drei biometrischen Entsperrfunktionen. Ebenfalls über die Z-Kamera wird die Handvenen-Erkennung abgewickelt. Die Einrichtung geht hier ebenso schnell wie bei der Gesichtserkennung vonstatten, indem die Hand über den Sensor gehalten wird. Doch im Alltag will das System beim Entsperren einfach nicht zuverlässig funktionieren. Nicht treffsicher genug, zu zeitaufwändig und zu frickelig ist die Handvenen-Erkennung schlichtweg. Nach mehreren Fehlversuchen kommt es unweigerlich zur zwangsweisen Eingabe der PIN.

Da funktioniert der Fingerabdrucksensor auf der Rückseite deutlich besser, den LG als dritte biometrische Option anbietet. Der Hersteller scheint sich nicht auf eine Strategie festlegen zu wollen, weshalb zwei beliebte Entsperrmethoden und mit der Handvenen-Erkennung eine eigene dritte angeboten werden. Einfach nur mehr Optionen als vorher anzubieten, ist jedoch wie schon beim Display nicht unbedingt besser.

Das Smartphone wie Luke Skywalker bedienen

Die ToF-Kamera nutzt LG allerdings nicht nur als biometrische Entsperrfunktion, sondern realisiert darüber auch eine neue Gestensteuerung, die ein wenig an „Die Macht“ (The Force) aus Star Wars erinnert. Beim G8s sind die entsprechenden Funktionen im Untermenü „Erweiterungen“ als Menüpunkt „Air Motion“ zu finden. LG wirbt auf der Produktseite des G8s zwar groß mit „Air Motion“, ab Werk aktiviert ist das Feature aber nicht. Woran das wohl liegen mag?

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass „Air Motion“ sich im Alltag als beinahe völlig nutzloses Gimmick und somit nicht als Alternative zur klassischen Bedienung per Touch oder mit Knöpfen entpuppt. „Air Motion“ macht sich die dreidimensionale Erfassung von Objekten über die ToF-Kamera zunutze. So soll das Smartphone (eigentlich) erkennen können, wenn die Hand des Anwenders über der Kamera zu einer Art Klaue geformt wird, und daraufhin je nach App und Geste verschiedene Funktionen ausführen.

Air Motion funktionierte im Test mehr schlecht als recht
Air Motion funktionierte im Test mehr schlecht als recht (Bild: LG)

Angeboten wird zum Beispiel das Öffnen von Apps auf dem Homescreen, wenn von der Ausgangsposition in der Mitte über der Kamera nach links oder rechts gewischt wird. Hier lässt sich für jede Richtung eine App zuweisen, die dann startet. Innerhalb von Multimedia-Apps kann über die Gesten der Inhalt pausiert oder die Lautstärke beeinflusst werden, indem die „Handklaue“ über der Kamera wie an einem unsichtbaren Lautstärkeregler dreht. Auch für den Timer, das Stoppen des Weckers oder die Aufnahme von Telefonaten im Freisprechmodus soll „Air Motion“ ausgelegt sein.

Das Problem ist nur: Im Alltag funktioniert das gesamte System einfach nicht zuverlässig. Die Hand selbst wird bei korrektem Abstand von etwa 10 Zentimetern zur Kamera erkannt, was durch einen farbigen Streifen unterhalb der Notch signalisiert wird. Die Gestensteuerung will jedoch stellenweise selbst bei mehr als zehn Versuchen nicht funktionieren. Schon zum MWC in Barcelona hatte das System auf Geräten mit Beta-Software äußert unzuverlässig funktioniert, doch LG versprach bis zur Markteinführung Besserung. Ein marginaler Fortschritt lässt sich zwar feststellen, die Bedienung über den Touch-Bildschirm ist „Air Motion“ jedoch meilenweit überlegen.

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