Radeon RX Vega 64 & 56 im Test: Der helle Stern wirft lange Schatten 9/9

Wolfgang Andermahr 1.598 Kommentare

Fazit

Die gute Nachricht vorweg: Mit Radeon RX Vega 64 und Radeon RX Vega 56 gibt es in Sachen Leistung endlich Konkurrenz für die über ein Jahr alten Modelle GeForce GTX 1080 und GeForce GTX 1070 von Nvidia. Vor allem die Radeon RX Vega 56 weiß zu gefallen, denn sie ist bereits im Referenzdesign so schnell wie eine übertaktete GeForce GTX 1070. Und die Messungen mit maximiertem Power Target deuten auf potentiell noch schnellere Partnerkarten hin. Die Radeon RX Vega 64 hat es dagegen schwerer und muss sich im Durchschnitt knapp der GeForce GTX 1080 geschlagen geben. Kein Wunder, dass Tester das später zugestellte kleinere Modell Gerüchten zufolge im Zweifel bevorzugt testen sollten.

Die Leistung schwankt stark

Auffällig bei beiden Modellen ist allerdings, wie stark Vega bei der Leistung von Spiel zu Spiel streut. So ist AMDs neues Topmodell in einigen Spielen kaum schneller als eine GeForce GTX 1070, in anderen dagegen schneller als eine übertaktete GeForce GTX 1080. Doch nicht nur das, auch das Abschneiden von RX Vega im Verhältnis zur eigentlich viel schwächeren Radeon R9 Fury X deutet aktuell darauf hin, dass irgendetwas dem 12,5 Milliarden Transistoren schweren Vega-Chip auch auf der RX Vega für Spieler in Spielen im Weg steht. Denn mit durchweg annähernd 50 Prozent mehr Takt (bei 150 Prozent Power Target), dem doppelten Speicher und der neuen Architektur müsste die Radeon RX Vega 64 in Ultra HD deutlicher als die erzielten knapp 50 Prozent vor der Fury X liegen.

AMD Radeon RX Vega
AMD Radeon RX Vega

Über die letzten Tage hat sich damit nach Wochen der Spekulationen auch auf Basis handfester finaler Hardware und vorerst finaler Treiber der Eindruck gefestigt, dass Vega aktuell wirklich nicht das ist, mit dem AMD noch im letzten Jahr selbst gerechnet hat. Woran es genau liegt? Spekulation. Definitiv nicht fertig sind die Treiber. Der Draw Stream Binning Rasterizer (DSBR) ist zwar offenbar noch in letzter Sekunde fertig geworden, der High Bandwith Cache Controller (HBCC) ist aber immer noch standardmäßig abgeschaltet und Primitive Shader fehlen komplett. Und das sind Neuerungen, mit denen AMD schon vor Monaten groß geworben hat.

Auf dem Papier verspricht die Architektur Vega auch weiterhin deutlich mehr Potenzial und AMD hat bereits größere Leistungssprünge durch zukünftige Treiber in Aussicht gestellt. Hier und heute ist davon aber nur der späte Sprung auf das Niveau der GeForce GTX 1080 zu sehen. Die von AMD aufgerufenen Preise von 499 Euro für die RX Vega 64 und 405 Euro für die Radeon RX Vega 56 ab Ende August passen immerhin gut dazu.

Nur RX Vega 56 mit höherer Effizienz

Einzuordnen gilt es die Leistung allerdings nicht nur in Bezug auf die (hausinterne) Konkurrenz, sondern auch die dafür notwendige Leistungsaufnahme. Im Leerlauf auf dem Windows-Desktop auch mit drei Monitoren, beim Betrachten von Videos auf YouTube oder beim Surfen im Internet geht die Radeon RX Vega sparsam zu Werke. Im Spielebetrieb sieht es dann aber ganz anders aus. Die Radeon RX Vega 56 hält sich mit der aktuell höchsten FPS-pro-Watt-Effizienz im Hause AMD zwar noch zurück, die Radeon RX Vega 64 benötigt mit den von AMD auch genannten knapp 300 Watt hingegen mehr als eine übertaktete und deutlich schnellere GeForce GTX 1080 Ti und stellt einen Rückschritt bei der Effizienz ab Werk dar. Und wenn die Grafikkarten übertaktet oder das Power Target erhöht wird, knackt das neue Topmodell sogar die 400-Watt-Marke.

Das luftgekühlte Referenzdesign überzeugt

Vor diesem Hintergrund erstaunlich Gutes gibt es über das Referenzdesign zu berichten. Es macht im Metallkleid nicht nur optisch einen hochwertigen Eindruck, sondern weiß auch mit dem guten Radial-Lüfter zu gefallen. Der macht im Leerlauf und unter Last keine störenden Eigengeräusche, trotz höherem Messwert ist der Lärmpegel deshalb als angenehmer als bei der Radeon RX 480 anzusehen. Im Leerlauf unter Windows ist die Kühlung trotz weiterhin laufendem Lüfter nach einem manuellen Eingriff als unhörbar zu bezeichnen. Unter Last wird es lauter, das Niveau der GeForce GTX 1080 Ti Founders Edition noch übertroffen. Wer es gerne leiser hat, der muss auf Partnerkarten warten. In Anbetracht der Leistungsaufnahme werden aber auch die ihre Probleme haben, Vega 10 unter Last sehr leise zu kühlen. Das gilt insbesondere für übertaktete Varianten der Radeon RX Vega 64.

AMD Vega: Viel Potenzial, aber angekommen ist es noch nicht

Mit Vega bietet AMD endlich wieder High-End-Grafikkarten an, die von AMD wiederholt selbst geschürten Erwartungen an die Leistungsfähigkeit werden aber aktuell nicht erreicht. Woran genau es liegt, wird die Redaktion über die kommenden Tage und Wochen versuchen weiter zu erörtern.

Trotz des immensen Arbeitseinsatzes der Redaktion bleiben viele Fragen und Detailanalysen zur neuen Architektur aufgrund des eng gesteckten Zeitrahmens von nur wenigen Tagen heute noch aus. Mit beiden Grafikkarten konnte zwar der gesamte Testparcours mit knapp 20 Spielen in drei Auflösungen und unzählige Sondertests durchlaufen werden, doch um ein noch umfassenderes Bild von (RX) Vega erhalten zu können, bedarf es noch mehr Analysen. Zu widersprüchlich sind die von Vega zum Teil gezeigten Ergebnisse, zu wenig sichtbar der von AMD angekündigte Leistungsgewinn. Das Thema ist nach diesem ersten Test deshalb noch lange nicht abgeschlossen.

Ergänzung: Kurz nach Fall des Embargos hat AMD auch die Preisempfehlung der Radeon RX Vega 56 für Deutschland genannt: 405 Euro. Der Text und die Diagramme wurden angepasst.

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