Oberklasse-Netzteile im Test: Empfehlungen mit 550/650 Watt für 85 bis 125 Euro

Nico Schleippmann 90 Kommentare
Oberklasse-Netzteile im Test: Empfehlungen mit 550/650 Watt für 85 bis 125 Euro

tl;dr: Netzteile um 100 Euro dürfen sich keine Schwächen leisten. Schon kleine Fehler können den Verlust einer uneingeschränkten Empfehlung bedeuten, denn die Konkurrenz ist stark. Drei der vier Netzteile erhalten im Test der Neuvorstellungen von Aerocool, EVGA, Super Flower und Sea Sonic am Ende trotzdem eine Empfehlung.

Oberklasse mit immer mehr Watt im Test

Oberklassenetzteile, die für Leistungen zwischen 500 und 1.000 Watt designt sind, werden immer weniger in Leistungsstufen kleiner als 600 Watt angeboten. Nur sehr geringe Kosteneinsparungen können für solche Netzteile an den Kunden weitergegeben werden, weshalb im gleichen Zug die Attraktivität eines solchen Modells verschwindet. Aus diesem Grund lassen Neuvorstellungen von Aerocool, Sea Sonic und Super Flower eine 550-Watt-Variante vermissen. Das Super Flower Leadex II Gold 650W ist zwar tatsächlich ein 550-W-Netzteil, allerdings wird eine dauerhafte Ausgangsleistung von 650 Watt bei einem Betrieb im 230-Volt-Netz garantiert. EVGA verzichtet mit dem Supernova G3 550W auf eine solche Unterscheidung, obwohl die technischen Ähnlichkeiten zum Super-Flower-Original nicht geleugnet werden können.

Sea Sonic als Performance-Gigant – Aerocool mit RGB-LEDs

Das Sea Sonic Prime Gold 650W ist der günstigste Einstieg in die Prime-Flaggschiffserie, das eine geringere Effizienz gegenüber den teureren Varianten besitzt, aber die Performance-Merkmale mit ihnen teilen soll. Aerocool bietet mit Project 7 ein ganzes Lineup an Produkten an, das mit der synchronisierten RGB-LED-Beleuchtung einzigartig sein will.

Die Details zu der Testmethodik, der eingesetzten Teststation, den elektrischen Messungen und den Schalldruckpegelmessungen sind auch in diesem Fall im Artikel „So testet ComputerBase Netzteile“ separat nachzulesen. Eine ständig aktualisierte Übersicht empfehlenswerter Netzteile bietet die Netzteil-Rangliste mit Bestenliste.

Technische Eckdaten im Vergleich

EVGA und Super Flower behalten nominell den Wirkungsgrad nach der 80Plus-Gold-Zertifizierung auf Höhe der Vorgänger bei. Für die neue Variante hat sich EVGA anders als Super Flower für ein kleineres Gehäuse entschieden, das mit der Tiefe von 150 mm quadratische Ausmaße besitzt. Das für das Sea Sonic Prime Gold 650W namensgebende 80Plus-Gold-Zertifikat stellt das Netzteil aus Sicht der Effizienz direkt gegenüber die Kontrahenten von EVGA und Super Flower. Aerocool ist mit dem P7-650W jedoch etwas außer Konkurrenz, da es unter anderem aufgrund des höheren Wirkungsgrads nach 80Plus Platinum teurer ist. Mit Gehäusetiefen von 165 und 170 mm stand für diese Marken eine Maximierung der Leistungsdichte nicht im Fokus.

Hersteller Aerocool EVGA Sea Sonic Super Flower
Modell P7-650W Supernova G3 550W Prime Gold 650W Leadex II Gold 650W
80Plus 80Plus Platinum 80Plus Gold
Lüfter 140 mm 128 mm 135 mm
Einbautiefe 165 mm 150 mm 170 mm 165 mm
AC Eingang Spannung 100 ‑ 240 V
DC Ausgang +3,3 V 20 A 22 A 20 A 24 A
+5,0 V 20 A 22 A 20 A 22 A
+12 V 54 A 45,8 A 54 A 54,1 A
-12,0 V 0,5 A 0,3 A 0,5 A
+5 VSB 3 A 2,5 A 3 A
+3,3 V & +5 V ges. 120 W 110 W 100 W 110 W
+12 V ges. 648 W 549,6 W 648 W 649,2 W
Gesamtleistung 650 W 550 W 650 W

Wie bei Netzteilen dieser Klasse zu erwarten, können sie die komplette Leistung auf der am meisten beanspruchten 12-Volt-Schiene abgeben. Auf eine Multi-Rail-Absicherung haben dabei alle Hersteller verzichtet, weshalb Überströme erst nach Überschreiten von mindestens 46 Ampere (Supernova G3 550W) beziehungsweise 54 Ampere erkannt werden können.

Bis auf diese eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme sollen alle weiteren Schutzschaltungen aber komplett implementiert worden sein, die in den elektrischen Messungen schließlich auf den Prüfstand gestellt werden.

Dokumentierte Schutzschaltungen
P7-650W Supernova G3 550W Prime Gold 650W Leadex II Gold 650W
Unterspannungsschutz (UVP) ja
Überspannungsschutz (OVP) ja
Kurzschlusssicherung (SCP) ja
Überlastschutz (OPP) ja
Überstromschutz (OCP) ja
Überhitzungsschutz (OTP) ja

Sieben und zwölf Jahre Garantie

Mit sieben Jahren deckt die Garantiedauer der Oberklassenetzteile einen gewöhnlichen Nutzungszeitraum ab. Nur Sea Sonic möchte der Qualität der Prime-Netzteile einen noch größeren Nachdruck verleihen, indem eine Garantie über zwölf Jahre gewährt wird.

Aerocool gestattet Rücknahme nur über Händler

Die Inanspruchnahme des Hersteller-Supports gestaltet sich bei EVGA, Sea Sonic und Super Flower besonders einfach, weil Ansprechpartner in Deutschland zur Verfügung stehen. Für das taiwanische Unternehmen Super Flower übernimmt die Aufgabe in diesem Fall Caseking. Wie bei EVGA und Sea Sonic kann dadurch von der schnelleren Bearbeitungszeit profitiert werden, auch wenn für Nicht-Caseking-Kunden die Kosten für den Hinversand selbst getragen werden müssen. Aerocool stattet das P7-650W zwar mit großzügigen sieben Jahren Garantie aus, ein Umtausch kann aber unter Umständen länger dauern, weil nur der Weg über den Händler vorgesehen ist. Falls man zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis mit dem Händler gelangt, steht der Aerocool-Support unterstützend zur Seite.

Lieferumfang und Äußeres

Auf der Umverpackung der Netzteile machen die Hersteller mit vielen Ausstattungs-Features auf sich aufmerksam. Zu diesen zählen die hochwertigen Lüfterlagervarianten „HDB“ beziehungsweise „FDB“, die mit intelligenten Semipassiv-Lüftersteuerungen gepaart wurden. Außerdem werden die Verwendung hochwertiger japanischer Kondensatoren und das vollmodulare Anschluss-Panel hervorgehoben. EVGA und Sea Sonic möchten des Weiteren mit einer äußerst genauen Spannungsregulation überzeugen. Die Goldbeschichtung an den Kontaktstellen der Stecker wird dazu als eine Maßnahme von Sea Sonic genannt.

Der Lieferumfang fällt mal mehr und mal weniger großzügig aus. Zum Leadex II Gold gibt es bis auf das obligatorische Handbuch, Netzkabel und die Montageschrauben keine weiteren Beigaben. In der Packung von Aerocool und EVGA können zusätzlich Kabelbinder vorgefunden werden, und EVGA legt einen Plastikclip bei, mit dem ein lastfreier Funktionstest durchgeführt werden kann. Die Zugaben von Sea Sonic sind mit denen von Aerocool vergleichbar, nur dass es zusätzlich Sticker mit Herstellerlogo gibt.

Bling Bling mit Stil

Der abgebildete Hub "P7-H1“ des Aerocool P7-650W ist nicht Teil des Lieferumfangs und muss separat gekauft werden. Mit diesem können die Drehzahl und die RGB-Farbe mehrerer Lüfter gemeinsam gesteuert werden – im Fall des Netzteillüfters beschränkt sich die Funktionalität auf die Beleuchtungssteuerung. Bei Verwendung eines Mainboards mit 4-Pin-RGB-LED-Buchse, die unter den Bezeichnungen Asus Aura Sync, Gigabyte RGB Fusion und MSI Mystic Light geführt werden, kann mit dem beiliegenden Kabel eine Verbindung zu den LEDs des Netzteils hergestellt werden, ohne dass dafür der Hub benötigt wird. Sechs RGB-LEDs befinden sich in der Lüfternabe, deren Licht auf die transparenten Lüfterblätter gestreut wird. Das Deaktivieren des Semipassiv-Modus mittels eines Schalters – wie er bei den restlichen Probanden umgesetzt ist – wäre eine sinnvolle Erweiterung gewesen, um eine noch homogenere Beleuchtung als bei ausgeschaltetem Lüfter erreichen zu können.

Aerocool P7-650W – RGB-LED-Beleuchtung bei stillstehendem Lüfter
Aerocool P7-650W – RGB-LED-Beleuchtung bei stillstehendem Lüfter
Aerocool P7-650W – RGB-LED-Beleuchtung bei stillstehendem Lüfter
Aerocool P7-650W – RGB-LED-Beleuchtung bei stillstehendem Lüfter

Für das P7-650W hat Aerocool ein ganz besonderes Gehäusedesign entworfen, das auf vier Seiten Meshgitter als Zierelement und Lüftergitter vorsieht. Dementsprechend sitzt das Produktlabel nicht auf der Unterseite oder einer Seitenfläche, sondern auf dem Anschluss-Panel, um ein harmonisches Gesamtbild nicht zu stören. EVGA und Super Flower setzen auf herkömmliche Gehäuse. Beide Variationen nutzen dem Anschein nach ausgestanzte Lüftergitter – beim EVGA Supernova G3 ist es aber tatsächlich ein eigenständiges Gitter. Sea Sonic stattet die Prime-Netzteile in einem einheitlichen Gewand aus. Das Lüftergitter hat wabenförmige Öffnungen, wobei diese im Vergleich zu gewöhnlichen Wabengittern größer ausfallen. Ausreichende Stabilität ist bei jedem dieser Netzteilgehäuse gegeben. Was die Positionierung der Schalter für den Semipassiv-Betrieb betrifft, sind sich die Hersteller einig – am Luftauslass sind diese sinnvoll platziert.

Super Flower mit beleuchteten Buchsen

Super Flower verbleibt wie beim Vorgänger bei einer einfachen LED-Beleuchtung der transparenten Netzteilbuchsen in Weiß. Anders als frühe Modelle der ersten Leadex-Generation wurde der Weißton von warm-gelblich in einen kälteren, bläulichen geändert. Eine Besonderheit sind zudem die Universalbuchsen des Kabelmanagements, die eine individuelle Belegung unabhängig des anzuschließenden Kabelstrangs erlauben.

Kabelausstattung

Die Steckerausstattung entspricht den Erwartungen an ein Netzteil der Oberklasse. In der 650-Watt-Riege sind vier PCIe-Stecker der Standard. Das Supernova G3 550W besitzt mit drei eine ungewöhnliche, ungerade Anzahl davon. Einen zweiten CPU-Anschluss besitzt nur das P7-650W, der aber in der Regel nur für High-End-CPU-Plattformen inklusive starker Übertaktung benötigt wird. Bis auf das Leadex II Gold 650W liegt allen Probanden ein Floppy-Adapter bei. Wird noch ein solcher betagter Stecker benötigt, müsste beim Leadex also ein Adapter separat gekauft werden.

Peripherieleitungen in Kabelführung eingeschränkt

Die Kabellängen wurden auf sehr große Gehäuse ausgelegt. Um deren Kabelmanagement nutzen zu können, wurde für die CPU-Leitung auf eine entsprechend große Dimensionierung geachtet. Die kleinste Leistungsstufe einer Serie wird naturgemäß nur mit der nötigsten Anzahl an Peripherieleitungen ausgestattet. Demnach wurden die SATA-Stecker mit Ausnahme des P7-650W auf nur zwei Kabelstränge verteilt, was die Flexibilität einschränkt, insbesondere wenn viele Laufwerke an unterschiedlichen Positionen verbunden werden müssen.

Kabelausstattung (Länge in cm) P7-650W Supernova G3 550W Prime Gold 650W Leadex II Gold 650W
abnehmbar
24-Pin ATX 1 (59) 1 (60) 1 (53)
4+4-Pin EPS 2 (69) 1 (69) 1 (65) 1 (64)
6+2-Pin PCIe 4 (60) 3 (60 + 15) 4 (67 + 8) 4 (54 + 14)
SATA 8 (60 ‑ 91) 6 (50 ‑ 70) 6 (36 ‑ 82) 6 (49 ‑ 69)
Molex 6 (60 ‑ 107) 4 (50 ‑ 78) 3 (45 ‑ 70) 4 (49 ‑ 78)
4-Pin-Molex-auf-Floppy-Adapter 1 (20) 1 (10) 1 (11)

Bezüglich der Kabelummantelungen beschreiten die Hersteller verschiedene Wege. EVGA spendiert allen Kabelsträngen Sleeve, während Sea Sonic und Super Flower für die Peripherieleitungen Flachbandkabel präferieren. Aerocool wiederum setzt komplett auf Flachbandkabel. Die Aufteilung der 24-Pin-ATX-Leitung auf drei Einzelflachbandkabel begünstigt die Ordnung allerdings nicht und verschlechtert zudem die Kabelführung. Das Sleeve des Supernova G3 550W ist sehr eng anliegend, weshalb die Kabelstränge relativ starr sind. Im Gegenzug wirkt das Sleeve aber sehr hochwertig. Das Sleeve hat zudem den Vorteil, dass in den mit Schrumpfschlauch umhüllten Kabelenden Kondensatoren versteckt werden können, die die Welligkeit der Ausgangsspannung weiter senken. Neben dem 24-Pin-ATX-Stecker befinden sich diese außerdem in der CPU- und GPU-Leitung. Das P7-650W besitzt davon keine, hat mit 16 AWG aber größere Aderquerschnitte für die Mainboard- und CPU-Leitungen, um Verluste in den Kabeln etwas zu minimieren.

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