550-W-Oberklassenetzteile im Test: BitFenix und Sea Sonic liefern ab 70 Euro gute Qualität

Nico Schleippmann 113 Kommentare
550-W-Oberklassenetzteile im Test: BitFenix und Sea Sonic liefern ab 70 Euro gute Qualität

tl;dr: Eine 80Plus-Gold-Zertifizierung ist keine Garantie für ein gutes Netzteil. Nichtsdestotrotz definieren BitFenix und Sea Sonic die Oberklasse mit Preisen ab 70 Euro neu. Nur dem Inter-Tech-Netzteil mangelt es im Test an Feinschliff.

Die Oberklasse im Preisrutsch

80Plus-Gold-Netzteile im unteren Preissegment leisten sich kaum noch Schwächen, wie zuletzt das Xilence Performance X 550W bewies. Eine hohe Qualität der Ausgangsspannungen und der verbauten Technik sowie eine niedrige Lautstärke und vollständige Schutzschaltungen sind hier bereits Standards, die erfüllt werden müssen. Die Luft für High-End-Netzteile mit einem vergleichbaren Wirkungsgrad wird immer dünner, weshalb hinterfragt werden muss, ob ein Netzteil für über 100 Euro in der Praxis überhaupt noch Vorteile bietet.

Vielversprechende Neuerscheinungen und Nachfolger von BitFenix, Inter-Tech und Sea Sonic

BitFenix hat mit dem Formula Gold 550W mittlerweile eine günstigere, nichtmodulare Alternative zur Whisper-M-Serie im Programm. Sea Sonic schickt mit den Focus Plus Gold 550W die mittlerweile fünf Jahre alte G-Serie in Rente. Inter-Tech verkauft mit dem Sama Armor 550W erstmals Netzteile des chinesischen Fertigers Sama, der in Asien als Eigenmarke auftritt und unter anderem dieses Netzteil vertreibt.

Die in diesem Artikel untersuchten Testmuster von BitFenix und Inter-Tech wurden von den Herstellern zur Verfügung gestellt – das Sea Sonic Focus Plus Gold 550W hat ComputerBase aus dem Handel bezogen.

Die Details zu der Testmethodik, der eingesetzten Teststation, den elektrischen Messungen und den Schalldruckpegelmessungen sind auch in diesem Fall im Artikel „So testet ComputerBase Netzteile“ separat nachzulesen. Eine ständig aktualisierte Übersicht empfehlenswerter Netzteile bietet die Netzteil-Rangliste mit Bestenliste.

Technische Eckdaten im Vergleich

Die technischen Daten der heutigen Testkandidaten sind mit einer Wirkungsgradzertifizierung nach 80Plus Gold und einem 120-mm-Lüfter sehr ähnlich. Während BitFenix und Sea Sonic die Technik aber sehr platzsparend in einem 140-mm-tiefen Gehäuse unterbringen, ist das Inter-Tech Sama Armor 550W deutlich ausladender.

Hersteller BitFenix Inter-Tech Sea Sonic
Modell Formula Gold 550W Sama Armor 550W Focus Plus Gold 550W
80Plus 80Plus Gold
Lüfter 120 mm
Einbautiefe 140 mm 180 mm 140 mm
AC Eingang Spannung 100 ‑ 240 V
DC Ausgang +3,3 V 20 A 24 A 20 A
+5,0 V 20 A 15 A 20 A
+12 V1 25 A 44 A 45 A
+12 V2 25 A
+12 V3 30 A
-12,0 V 0,3 A 0,3 A 0,3 A
+5 VSB 2,5 A 3 A
+3,3 V & +5 V ges. 100 W
+12 V ges. 550 W 528 W 540 W
Gesamtleistung 550 W

Lediglich das Formula Gold 550W sichert die 12-Volt-Schiene über drei getrennte Kanäle effektiver gegen Überströme ab. Einen sogenannten weichen Kurzschluss beispielsweise an einem Peripherie-Gerät würde das Formula Gold 550W zu einer größeren Wahrscheinlichkeit erkennen als die anderen beiden Probanden. Ungeachtet dessen verfügen die Netzteile von BitFenix und Sea Sonic über das komplette Schutzschaltungspaket. Im Inter-Tech Sama Armor 550W fehlt hingegen der Überhitzungsschutz und die Implementierung des Überstromschutzes weißt einen Fehler auf, wie die anschließende Messung zeigt.

Dokumentierte Schutzschaltungen
Formula Gold 550W Sama Armor 550W Focus Plus Gold 550W
Unterspannungsschutz (UVP) ja n/a** ja
Überspannungsschutz (OVP) ja
Kurzschlusssicherung (SCP) ja
Überlastschutz (OPP) ja n/a** ja
Überstromschutz (OCP) ja ja* ja
Überhitzungsschutz (OTP) ja nein ja
* Fehlerhafte Umsetzung
** Ausgehend von Technik-Analyse vorhanden

Garantiebedingungen

In den Garantiebestimmungen geht jede der Marken einen anderen Weg. Am kundenfreundlichsten sind die Bedingungen von BitFenix und Sea Sonic, weil eine Abwicklung über den Hersteller beziehungsweise bei BitFenix über den Distributor Caseking ohne weiteres Zutun des Kunden möglich ist. Für eine Direktabwicklung über Inter-Tech verlangt der Hersteller aber eine Produktregistrierung mittels Seriennummer des Netzteils und Kopie des Kaufbelegs. Ohne Registrierung steht dem Kunden die Rücksendung über den Händler innerhalb der Garantiedauer offen, wobei diese Methode mit einer längeren Laufzeit verbunden ist.

Sea Sonic mit zehnjähriger Garantie

Sea Sonic bietet mit zehn Jahren eine ungewöhnlich lange Garantiedauer für ein Netzteil dieser Klasse an. Mit fünf Jahren fällt diese bei BitFenix und Inter-Tech nur halb so lange aus. Weil der Schaden bei einem Ausfall nach über fünf Jahren unter Berücksichtigung des Wertverlusts aber relativ überschaubar bleibt, ist eine fünfjährige Garantiedauer dennoch eine großzügige Geste des Herstellers.

Lieferumfang und Äußeres

Auf den Umverpackungen des Formula Gold 550W und Focus Plus Gold 550W werden sämtliche technische Daten genannt. Besonders lobenswert ist die Angabe des (korrekten) Drehzahlverlaufs von BitFenix. Ansonsten listen alle Hersteller eine Liste an Marketingbegriffen auf, wobei bei Sea Sonic insbesondere die goldbeschichteten Terminals und die Semipassiv-Lüftersteuerung als Merkmale hervorstechen. BitFenix wiederum hebt die 12-Volt-Multi-Rail-Absicherung hervor, die eine höhere Sicherheit verspricht.

Die Lieferumfänge der Netzteile sind mit Netzkabel, Schrauben und Handbuch vollständig. BitFenix legt darüber hinaus Kabelbinder bei. Sea Sonic geht mit Klettkabelbindern noch einen kleinen Schritt weiter.

Das Gehäuse des Formula Gold 550W ist zur Whisper-M-Serie bis auf die Tatsache der geringeren Tiefe identisch. Allen Umsetzungen gemein ist der massive Aufbau der Blechquader und der Lüftergitter, die aus parallel verlaufenden Metallstreben bestehen und deshalb strömungstechnisch besonders vorteilhaft ist. Hier hat sich Sea Sonic vom Wabengitter des Vorgängers verabschiedet, was eine geringere Lautstärke erhoffen lässt. Optisches Highlight des Sama Armor 550W sind die Embleme aus gebürstetem Metall, die das Design des ansonsten schwarzen Blechkastens aufwerten.

Kabelausstattung

Die Anzahl an beigefügten Steckern zur Versorgung der Hardwarekomponenten ist unter den drei Netzteilen etwa identisch und reicht für ein Gaming-System mit ein paar Laufwerken gut aus. BitFenix verteilt die Peripherie-Anschlüsse aber nur auf zwei Kabelstränge, weshalb die Flexibilität in der Kabelverlegung etwas eingeschränkt wird. Die beiden PCIe-Stecker werden über Y-Kabel realisiert, was bei Grafikkarten mit hoher Leistungsaufnahme aber zu erhöhten Verlusten in den Kabeln führt. BitFenix wirkt dem entgegen, indem für diesen Strang 16-AWG- anstatt 18-AWG-Litze verwendet wird.

Schwarze Kabel in Sleeve und als Flachbandausführung

Was die Kabelummantelungen anbelangt, geht jeder Hersteller seinen eigenen Weg. Sea Sonic nutzt eine Kombination aus Flachbandkabeln für die Peripherieleitungen und Sleeve für den Rest. BitFenix sleevt lediglich den großen 24-Pin-ATX-Kabelstrang und Inter-Tech vertraut komplett auf Flachbandkabel, die allerdings bei den großen Kabelsträngen für weniger Ordnung als Sleeve-Ummantelungen sorgen. Zudem wurden die Sleeve-Ummantelungen vorteilhaft zum Verstecken von Kondensatoren genutzt, um die Restwelligkeit weiter zu senken.

Kabelausstattung (Länge in cm) Formula Gold 550W Sama Armor 550W Focus Plus Gold 550W
abnehmbar
24-Pin ATX 1 (56) 1 (61)
4+4-Pin EPS 1 (61) 1 (65)
6+2-Pin PCIe 2 (49 + 15) 2 (68 + 8)
SATA 6 (50 ‑ 80) 6 (45 ‑ 82)
Molex 3 (49 ‑ 81) 3 (46 ‑ 70)
Floppy 1 (97)
4-Pin-Molex-auf-Floppy-Adapter 1 (10)
nicht abnehmbar
24-Pin ATX 1 (62)
4+4-Pin EPS 1 (66)
6+2-Pin PCIe 2 (56 + 15)
SATA 6 (45 ‑ 76)
Molex 2 (91)

Bezüglich der Kabellängen hat Inter-Tech leichten Nachbesserungsbedarf, weil 61 cm für die 4+4-Pin-EPS-Leitung je nach Gehäuse zu kurz sein können, um den Strang hinter dem Mainboard-Tray zu führen. Auf den kaum noch gebräuchlichen Floppy-Stecker verzichtet BitFenix, Inter-Tech hat ihn noch im Kabelstrang integriert und Sea Sonic stellt diesen wahlweise über einen Adapter bereit.

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